von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 14.06.2026
4.143 Wörter * 21 Minuten Lesezeit
Für einen kompakten Einstieg ins Thema: Das Briefing zu dieser Analyse fasst die vier zentralen Entwicklungen auf zehn Minuten Lesezeit zusammen:
Israel: Sie nennen es zivile Technik. In Gaza tötet sie


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Wer den Völkermord in Gaza programmiert – und warum niemand dafür haftet
Ein UN-Bericht hat dokumentiert, womit in Gaza getötet wird, ein zweiter, wer dabei zusieht. Dieser Text fragt nach der unbequemsten Ebene dazwischen: nach den Unternehmen, die nicht nur Waffen lieferten, sondern die Entscheidung über Leben und Tod in Software gossen – und nach dem Mechanismus, der ausgerechnet sie vor jeder Konsequenz schützt.
„Where’s Daddy?“ – „Wo ist Papa?“. So heißt eine Software des israelischen Militärs. Ihre Aufgabe ist nicht, vermisste Väter aufzuspüren. Ihre Aufgabe ist, dem Zieloffizier den Moment zu melden, in dem ein als Ziel markierter Mann sein Wohnhaus betritt – damit die Bombe fällt, während die Familie versammelt ist.
Im April 2025 wurde der Vorstandschef des US-Datenkonzerns Palantir mit dem Vorwurf konfrontiert, sein Unternehmen habe geholfen, Palästinenser in Gaza zu töten. Seine Antwort bestand aus drei Worten: „mostly terrorists, that’s true“ – „meistens Terroristen, das stimmt“. Kein Dementi, sondern eine Bestätigung mit Schulterzucken.
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der Gegenstand dieser Analyse. Am 30. Juni 2025 legte die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, einen Bericht vor, der nicht die Staaten und nicht die Generäle ins Zentrum stellt, sondern die Privatwirtschaft: Rüstungs-, Technologie- und Energiekonzerne, die nach dem 07. Oktober 2023 nicht ausstiegen, sondern blieben – und damit von Profiteuren der Besatzung zu Beteiligten an einem von einem UN-Gremium festgestellten Völkermord wurden. Drei Monate vor der Genozid-Feststellung der UN-Untersuchungskommission kartierte Albanese die industrielle Maschinerie dahinter. Aus mehr als 200 eingegangenen Hinweisen entwickelte sie eine Datenbank von rund 1.000 Unternehmen.
Die Maschinerie als solche ist andernorts beschrieben – die F-35 von Lockheed Martin, die rund 85.000 Tonnen Bomben, die Bulldozer von Caterpillar, die Energie von Chevron. Dieser Text setzt eine Ebene tiefer und eine Frage schärfer an: Warum entkommen private Konzerne, anders als Staaten und Befehlshaber, selbst bei dokumentierter Beteiligung fast immer jeder Rechenschaft? Und was macht den technologischen Teil dieser Beteiligung so neuartig, dass er ein eigenes Kapitel verdient?
Die algorithmische Tötungskette
Der entscheidende Bruch zwischen diesem Krieg und früheren liegt nicht in den Sprengköpfen, sondern in der Art, wie Ziele entstehen. Sie entstehen nicht mehr primär aus monatelanger nachrichtendienstlicher Einzelarbeit, sondern aus Software. Drei Systeme des israelischen Militärs bilden die Kette – aufgedeckt nicht durch Albanese, sondern durch den israelischen Journalisten Yuval Abraham, der die Recherche im April 2024 für die israelischen Medien +972 und Local Call in Partnerschaft mit dem britischen Guardian veröffentlichte, gestützt auf sechs israelische Geheimdienstoffiziere mit Ersterfahrung in den Gaza-Operationen.
Damit klar wird, wovon hier die Rede ist, lohnt die Auflösung der drei Namen. Es handelt sich nicht um Personen und nicht um Produkte von Google oder Palantir, sondern um militäreigene Programme aus dem Umfeld der Geheimdiensteinheit 8200.
Lavender ist das Wer. Eine künstliche Intelligenz, die Massenüberwachungsdaten über nahezu die gesamte Bevölkerung Gazas auswertet und jeden Einzelnen danach bewertet, wie wahrscheinlich er ein niederrangiger Kämpfer von Hamas oder Islamischem Jihad ist. Aus dieser Bewertung erzeugte das System eine Tötungsliste von bis zu 37.000 Menschen. Die menschliche Kontrolle, berichten Abrahams Quellen, schrumpfte dabei auf rund 20 Sekunden pro Ziel – gerade genug, um zu bestätigen, dass der Markierte männlich war. Die Offiziere wussten, dass das System in etwa einem von zehn Fällen irrte und Personen ohne jede Verbindung zu bewaffneten Gruppen markierte; an der Freigabe änderte das nichts. Lavender produziert die Namen.
Where’s Daddy? ist das Wann und Wo. Ein automatisiertes Verfolgungssystem, das die von Lavender erzeugten Namen mit ihren Wohnhäusern verknüpft und Alarm schlägt, sobald die Person das Haus betritt. Es war eigens darauf ausgelegt, den Mann nachts zu Hause zu treffen. Der grimmige Name benennt die Funktion präzise: Es geht um die Frage, wann der Vater heimkommt – damit man das ganze Haus trifft. Eine Quelle beschrieb die Logik gegenüber +972 mit einem einzigen Satz: Man füttere Hunderte von Zielen in das System und warte, wen man töten könne.
The Gospel, hebräisch Habsora, ist das Was. Eine künstliche Intelligenz, die nicht Menschen, sondern Gebäude und Strukturen als Bombenziele markiert. Ihre Wirkung lässt sich an einer einzigen Gegenüberstellung ablesen: Wo der israelische Generalstab vor dem Zeitalter der KI nach eigener Darstellung etwa 50 Ziele pro Jahr erarbeitete, produziert die Maschinerie heute bis zu 100 Ziele pro Tag.
Zusammengenommen ergeben die drei eine Fließbandlogik des Tötens: Lavender liefert die Person, Where’s Daddy den Moment im Wohnhaus, Gospel parallel die Gebäudeliste. Entscheidend ist, was diese Beschleunigung mit der Schwelle macht. Abraham dokumentierte eine militärische Freigaberegel, nach der pro markiertem niederrangigem Kämpfer 15 bis 20 zivile Tote als zulässig galten. Zugleich, so die Quellen, sei für solche automatisch markierten Ziele die nachträgliche Trefferkontrolle abgeschafft worden, um Zeit zu sparen – man wusste am Ende nicht einmal, ob der eigentliche Gesuchte oder nur seine Familie gestorben war. Das erklärt das statistische Muster ganzer ausgelöschter Haushalte. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte sich von den Befunden „deeply troubled“ – zutiefst beunruhigt – und warnte, Entscheidungen über Leben und Tod dürften nicht der kalten Kalkulation von Algorithmen überlassen werden.
Bemerkenswert ist, woher dieses Wissen stammt. Nicht aus palästinensischer oder gegnerischer Quelle, sondern aus den Reihen des israelischen Militärs selbst: Abrahams Gesprächspartner waren Offiziere, die an den Operationen beteiligt waren und sich nach eigener Darstellung erschüttert zeigten über das, woran sie mitgewirkt hatten. Abraham, selbst Israeli, hatte das Verfahren bereits zuvor als „Massentötungsfabrik“ beschrieben – ein Bild, das die industrielle Logik trifft: nicht der einzelne Anschlag, sondern der Durchsatz, die Taktung, die Skalierung des Tötens.
Das Fundament: die Cloud als Waffe
Hier kommt die Privatwirtschaft ins Bild, und hier ist Präzision Pflicht. Lavender, Gospel und Where’s Daddy sind die Armee selbst. Was die Konzerne liefern, ist die Ebene darunter – das Fundament, ohne das diese Datenmengen gar nicht verarbeitbar wären.
Dieses Fundament hat eine lange Vorgeschichte. Der US-Konzern IBM ist seit 1972 in Israel präsent und betreibt seit 2019 die zentrale Datenbank der Einwanderungs- und Bevölkerungsbehörde. Über sie werden biometrische Daten von Palästinensern erfasst und gespeichert, und sie stützt das diskriminierende Genehmigungsregime, das die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung steuert. Vor IBM hatte Hewlett Packard diese Aufgabe inne. Die NSO Group wiederum, gegründet von ehemaligen Angehörigen der Einheit 8200, lieferte mit ihrer Spähsoftware Pegasus das Werkzeug, um Aktivisten, Journalisten und Menschenrechtsverteidiger zu überwachen – eine „Spyware-Diplomatie“, die Israel weltweit exportiert. Die digitale Erfassung der Palästinenser war also längst Routine, bevor sie nach dem 07. Oktober 2023 in den Dienst der Zielerfassung trat. Diese Vorgeschichte ist mehr als Kulisse. Die über Jahrzehnte aufgebaute Erfassung – biometrische Register, Bewegungsdaten, Kommunikationsüberwachung – lieferte exakt jenes Datenmeer, das ein System wie Lavender überhaupt erst durchpflügen kann. Was als Infrastruktur der Kontrolle entstand, wurde zur Eingangsgröße der Tötung. Der Übergang von der Verwaltung der Besatzung zur Beschleunigung des Krieges war kein Bruch, sondern die Umwidmung vorhandener Werkzeuge.
Den Sprung in die Gegenwart markiert die Cloud. Im Jahr 2021 vergab Israel im Rahmen des „Project Nimbus“ einen Auftrag über 1,2 Milliarden Dollar an Alphabet (Google) und Amazon zur Bereitstellung der zentralen Cloud-Infrastruktur, finanziert zu großen Teilen aus dem Verteidigungsbudget. Microsoft, seit 1991 im Land und mit seinem größten Entwicklungszentrum außerhalb der Vereinigten Staaten präsent, hat seine Systeme seit 2003 in das Militär integriert. Als die interne Militär-Cloud im Oktober 2023 unter der Datenlast zusammenzubrechen drohte, sprang nach Recherchen des Guardian Microsofts Azure-Plattform ein und stellte kritische Rechen- und KI-Kapazität bereit. Ein israelischer Oberst beschrieb die Cloud-Technologie im Juli 2024 als Waffe im wahrsten Sinne des Wortes und nannte dabei die beteiligten Unternehmen beim Namen. Der Bericht hält zudem einen Umstand fest, der bei der Frage nach Verantwortung zentral wird: Die in Israel stehenden Server der Konzerne sichern nicht nur „Datensouveränität“, sondern wirken zugleich als Schutzschild gegen Rechenschaft – unter Verträgen mit minimaler Aufsicht.
Palantir geht über die reine Infrastruktur hinaus. Der Bericht sieht begründete Anhaltspunkte dafür, dass der Konzern automatisierte Technologie zur vorhersagenden Polizeiarbeit lieferte sowie seine Plattform für künstliche Intelligenz, die Echtzeit-Gefechtsdaten zu automatisierten Entscheidungen zusammenführt. Im Januar 2024, mitten im Krieg, verkündete Palantir eine neue strategische Partnerschaft mit Israel und hielt eine Vorstandssitzung „aus Solidarität“ in Tel Aviv ab. Auf dieser Linie liegt auch die eingangs zitierte Bemerkung des Vorstandschefs vom April 2025. Beides zusammen, so der Bericht, deute auf Wissen und Absicht auf Führungsebene hin – juristisch der relevante Unterschied zwischen passiver Belieferung und aktivem Beitrag.
Worin der Beitrag solcher Plattformen konkret besteht, lässt sich an ihrer Funktion ablesen. Sie führen verstreute Datenströme – Aufklärungsbilder, Standortdaten, abgefangene Kommunikation, biometrische Treffer – zu einem einzigen, durchsuchbaren Lagebild zusammen und schlagen daraus Handlungen vor. Was früher Stäbe von Analysten Tage kostete, verdichtet die Software auf Minuten. Damit verschiebt sich, fast unmerklich, die Schwelle der Entscheidung: Der Mensch bestätigt zunehmend, was die Maschine vorschlägt, statt selbst zu ermitteln. Genau hier liegt der Beitrag der Konzerne – nicht am Abzug, sondern an der Architektur, die den Abzug schnell, billig und skalierbar macht.
So entsteht das eigentlich Neue dieses Krieges: Nicht Silicon Valley hat die Tötungsliste programmiert, sondern das israelische Militär. Aber die Liste läuft auf dem Rechenfundament, der Cloud und den Entscheidungsplattformen, die internationale Konzerne bereitstellen, warten und aktualisieren. Die Tötung ist zu einem Produkt geworden – skalierbar, beschleunigt, an unzähligen Stellen zugeliefert. Das besetzte Gebiet, so der Bericht, sei zum idealen Testgelände geworden: viel Nachfrage, wenig Aufsicht, keine Rechenschaft; die dort erprobten Systeme werden anschließend weltweit als „battle-proven“ vermarktet. Israel, das sich selbst als „Start-up-Nation“ inszeniert, rangierte während des Krieges weltweit an erster Stelle bei Start-ups pro Kopf, verzeichnete 2024 ein Wachstum der militärnahen Tech-Gründungen von 143 Prozent und exportierte zu 64 Prozent Technologie. Der Krieg war für diesen Sektor kein Bremsklotz, sondern ein Schaufenster.
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Ein UN-Bericht benennt die Unternehmen, die vom Krieg in Gaza profitieren.
Diese Analyse geht einen Schritt tiefer:
Sie zeigt, wie Waffen, Cloud-Infrastruktur, KI-Systeme, Datenplattformen und Finanzmärkte zu einer industriellen Tötungskette verschmelzen – und warum private Konzerne trotz dokumentierter Beteiligung fast nie zur Verantwortung gezogen werden. Im Zentrum steht nicht nur die Frage, wer Bomben liefert, sondern wer die digitale Architektur bereitstellt, mit der Zielauswahl, Überwachung und militärische Entscheidungsprozesse skalierbar gemacht werden.
Gaza erscheint damit nicht nur als Kriegsschauplatz, sondern als Testfeld einer neuen Form algorithmischer Kriegsführung – geschützt durch Konzernrecht, Staatsinteressen und die globale Finanzindustrie.

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Über den Autor
Michael Hollister
war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf
www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
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