Sudan – Das vergessene Massaker

El-Fasher, Oktober 2025: Mehr als 6.000 Menschen werden in 72 Stunden getötet. Die UN nennen es Genozid. Die Welt schaut weg - nicht aus Unwissenheit, sondern aus Kalkül. Wer liefert die Waffen? Wer kauft das Gold? Wer sitzt als „Friedensvermittler" am Tisch, während seine Frachtflüge Munition liefern? Michael Hollister folgt den Interessen - und findet eine Architektur des Schweigens, die kein Versagen ist. Sie ist das System.

von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 19.04.2026

3.545 Wörter * 19 Minuten Lesezeit

Wer von Sudans Genozid profitiert

I. Der Befund, den niemand hören will

Im Februar 2026 hat die Unabhängige Internationale Fact-Finding Mission der Vereinten Nationen für Sudan ihren Bericht vorgelegt. Der Titel lautet: „Hallmarks of Genocide in El-Fasher.“ Auf 40 Seiten, gestützt auf Aussagen von 320 Überlebenden und Zeugen, auf verifizierte Videos, Satellitenbilder und forensische Auswertungen, kommt die Mission zu einem Befund, der in der Geschichte des Völkerrechts Gewicht hat: Die Rapid Support Forces (RSF) haben in und um die Stadt El-Fasher im Herbst 2025 einen Genozid begangen.

Nicht als Verdacht formuliert. Nicht als politisches Narrativ. Als rechtlicher Befund einer unabhängigen UN-Mission.

Während diese Zeilen entstehen, berichten westliche Redaktionen über den Iran-Israel-Krieg, über Drohnenangriffe auf Tel Aviv, über Trumps nächste Eskalation. Sudan kommt allenfalls in den Randnotizen vor – wenn überhaupt. Dabei hat UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk seit Mitte 2024 öffentlich und wiederholt gewarnt, dass in El-Fasher ein Massaker bevorstehe. Namentlich. Mit Zeitangaben. Mit Lageeinschätzungen. Keine der Weltmächte, die die Mittel gehabt hätten zu handeln, hat gehandelt.

Was folgte, waren drei Tage absoluten Terrors. Mehr als 6.000 Menschen wurden nach UN-Dokumentation in den ersten 72 Stunden getötet – und die Mission hält ausdrücklich fest, dass die tatsächliche Zahl „zweifellos erheblich höher“ liegt. 18 Monate lang hatten die RSF die Stadt belagert, Versorgungsrouten gekappt, Hunger als Waffe eingesetzt, die Bevölkerung mürbe gemacht. Dann kamen sie.

Die Weltgemeinschaft wurde gewarnt. Sie hat weggeschaut. Die Frage, die dieser Artikel stellt, ist nicht die sentimentale: Wie konnte das passieren? Die Frage ist die analytische: Wem nützt es, dass es passiert ist – und weiter passiert?

II. Sudan – das Land, das niemand kennt

Sudan ist das drittgrößte Land Afrikas. Mit knapp 1,9 Millionen Quadratkilometern ist es mehr als fünfmal so groß wie Deutschland – und beherbergt rund 50,5 Millionen Menschen, verteilt auf über 500 Ethnien und Sprachgruppen, von denen ein Großteil entlang des Nils und in städtischen Zentren konzentriert ist. Das Land grenzt an neun Staaten, hat Zugang zum Roten Meer und liegt an einer der strategisch bedeutsamsten Wasserstraßen der Welt – der Route zwischen Suezkanal und Indischem Ozean, durch die rund 12 Prozent des globalen Handels fließen.

Sudan ist reich. Das ist der Ausgangspunkt für alles, was folgt.

Im Jahr 2023 exportierte das Land Waren im Wert von 5,09 Milliarden Dollar: Rohöl für 1,13 Milliarden, Gold für 1,03 Milliarden, Tierprodukte für 902 Millionen, Sesam – Sudan ist der weltgrößte Exporteur – für 613 Millionen Dollar. Dazu kommen riesige Agrarflächen entlang des Nil, erhebliche Vorkommen an Chrom, Kupfer, Wolfram und Zink sowie Erdgasreserven, die kaum erschlossen sind. Ein Land mit diesen Ressourcen sollte wohlhabend sein. Es ist es nicht. Das ist kein Zufall.

Der politische Kontext: Nach dem Sturz von Langzeitdiktator Omar al-Bashir 2019 teilten sich zwei Generäle die Macht – zunächst in einer Übergangsregierung, dann nach dem Militärputsch 2021 in einem Souveränen Rat. Auf der einen Seite General Abdel Fattah al-Burhan, Kommandeur der Sudanesischen Streitkräfte (SAF), formaler Staatschef. Auf der anderen General Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als „Hemedti“, Kommandeur der Rapid Support Forces – einer Paramilitärtruppe mit über 100.000 Mann, eigenem Finanzapparat, eigenen Goldminen und eigenen außenpolitischen Beziehungen.

Hemedtis RSF ist keine neue Kraft. Sie ist der institutionalisierte Nachfolger der Janjaweed-Milizen, die zwischen 2003 und 2005 den ersten Darfur-Genozid begangen haben – mit denselben Methoden, gegen dieselben ethnischen Gruppen, in denselben Gebieten. Dass die RSF nun wieder in Darfur tötet, ist keine historische Koinzidenz. Es ist Kontinuität mit neuen Uniformen.

Am 15. April 2023 brach der Waffenstillstand zwischen beiden Männern zusammen. Seitdem herrscht Krieg. Mehr als 14 Millionen Menschen sind vertrieben worden – die größte Binnenfluchtbewegung der Welt. Rund 21 Millionen Sudanesen – fast die Hälfte der Bevölkerung – sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die UN bezeichnen es als die schlimmste humanitäre Krise der Erde.

Und die Welt schaut weg.

III. Was in El-Fasher geschah

El-Fasher ist die Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Darfur. Vor dem Krieg lebten dort etwa 253.000 Menschen. In den Monaten vor dem Fall hatte sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt – weil Hunderttausende Vertriebene aus dem gesamten Darfur-Gebiet dorthin geflohen waren, in die letzte von der regulären Armee kontrollierte Stadt im Westen Sudans. El-Fasher war die letzte Zuflucht. Dann fiel auch sie.

Die Belagerung begann nicht im Oktober 2025. Sie begann 18 Monate früher. Seit Mai 2024 hatte die RSF die Stadt eingeschlossen, Zufahrtsstraßen blockiert, Hilfskonvois angegriffen, Wasserversorgung unterbrochen, medizinische Lieferungen abgefangen. Humanitäre Organisationen dokumentierten Hungersnot-Bedingungen in den Vertriebenencamps rund um die Stadt. Kinder starben an Unterernährung. Wer fliehen wollte, riskierte den Tod auf den Fluchtwegen – RSF-Kämpfer kontrollierten die Ausgänge, verlangten Lösegeld, erschossen diejenigen, die nichts hatten.

Am 26. Oktober 2025 startete die RSF die finale Offensive. Was folgte, ist durch die UN-Fact-Finding Mission in beispielloser Detailtiefe dokumentiert.

Im Al-Rashid-Schlafsaal der Universität El-Fasher hatten rund 1.000 Menschen Schutz gesucht. RSF-Kämpfer eröffneten mit schweren Waffen das Feuer. Rund 500 Menschen starben an einem einzigen Ort, an einem einzigen Tag. Ein Zeuge beschrieb, wie er sah, wie Körper durch die Luft flogen – „wie eine Szene aus einem Horrorfilm.“ In der Nähe des Saudischen Entbindungskrankenhauses wurden nach Berichten der Weltgesundheitsorganisation mindestens 460 Menschen getötet, als RSF-Kräfte das Gebäude stürmten. Rund 600 Menschen, darunter 50 Kinder, wurden nach UN-Dokumentation in Universitätsgebäuden exekutiert.

Das Kinderkrankenhaus der Stadt – ein Kinderkrankenhaus – wurde in ein Gefangenenlager umfunktioniert. Mehr als 2.000 Männer wurden dort festgehalten. Wer in Gefangenschaft starb, wurde nach Zeugenberichten in der Nähe des Gebäudes verscharrt.

Die ethnische Dimension ist explizit belegt. Adoleszente Jungen und Männer unter 50 wurden gezielt exekutiert – identifiziert und herausgegriffen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Zaghawa- oder Fur-Volksgruppe, den beiden größten nicht-arabischen Gemeinschaften in Darfur. RSF-Kämpfer riefen laut Überlebendenberichten: „Gibt es hier Zaghawa? Wenn wir Zaghawa finden, töten wir sie alle“ und „Wir wollen alles Schwarze aus Darfur verschwinden lassen.“ Frauen und Mädchen aus nicht-arabischen Gemeinschaften wurden systematisch vergewaltigt; Frauen, die als arabisch wahrgenommen wurden, blieben in der Regel verschont. Die Mission dokumentiert dies als gezieltes Muster, nicht als Exzess.

Das Humanitarian Research Lab der Yale School of Public Health wertete Satellitenbilder aus und dokumentierte wochenlange, anhaltende Verbrennungsaktivitäten an Orten, die als Massaker-Schauplätze identifiziert worden waren – Leichenentsorgungsoperationen, die mindestens drei Wochen nach dem Sturm auf die Stadt fortgesetzt wurden. Von den schätzungsweise 250.000 Menschen, die vor dem Fall noch in El-Fasher waren, ist das Schicksal eines Großteils bis heute ungeklärt.

„Hallmarks of genocide“ – dieser Begriff ist im Völkerrecht kein rhetorisches Mittel. Er bezeichnet die Erfüllung konkreter Tatbestandsmerkmale der UN-Genozidkonvention von 1948: das Töten von Mitgliedern einer geschützten Gruppe, das Zufügen schwerer körperlicher und seelischer Schäden sowie die vorsätzliche Schaffung von Lebensbedingungen, die auf physische Vernichtung abzielen. Die UN-Mission hält fest: „Genozidische Absicht ist die einzige vernünftige Schlussfolgerung, die aus dem systematischen Muster der RSF gezogen werden kann.“ Trotz wiederholter Warnungen, trotz klar identifizierter Risikoindikatoren, so die Mission abschließend, hat keine Partei wirksame Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen.

IV. Die Architektur des Schweigens

Im November 2025 – Tage nach dem Fall El-Fashers – war Sudan kurz in den westlichen Schlagzeilen. Der Guardian schrieb einen Artikel. NPR berichtete über die UN-Zahlen. Einige Nachrichtenagenturen meldeten, was geschehen war. Dann war die Geschichte weg.

Kein anhaltender öffentlicher Druck. Keine Mahnwachen. Keine Sondersendungen. Keine Regierungschefs, die vor die Kamera traten, um zu erklären, was zu tun sei. Eine Erhebung der Thomson Reuters Foundation bei 22 führenden Hilfsorganisationen kürte Sudan im Dezember 2025 zur „meistvernachlässigten Krise der Welt“. Save the Children formulierte es so: „Die Sudan-Krise sollte jeden Tag auf der Titelseite stehen. Stattdessen schaut die Welt beschämenderweise weg.“

Zum Vergleich: Der Gaza-Krieg, der im Oktober 2023 eskalierte, hat seitdem globale Dauerpräsenz in den Medien. Massenproteste in Dutzenden Städten. Politische Debatten in jedem westlichen Parlament. Das sei keine Wertung des Gaza-Krieges – er verdient Aufmerksamkeit. Aber Sudan hat seit April 2023 nach Schätzungen über 150.000 Todesopfer gefordert, 14 Millionen Menschen vertrieben, die größte Hungerkrise der Welt erzeugt. Die Zahl der westlichen Protestierenden für Sudan: annähernd null.

Warum?

Weil Aufmerksamkeit kein natürliches Phänomen ist. Sie wird organisiert. Agenden werden gesetzt – durch politischen Druck, durch wirtschaftliche Interessen, durch diplomatische Kalkulationen. Was nicht auf der Agenda steht, existiert politisch nicht. Und was politisch nicht existiert, erfordert keine Konsequenzen.

Ein konkretes Beispiel: Im November 2025 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution zu Sudan. In der ursprünglichen Fassung wurden die Vereinigten Arabischen Emirate als Waffenlieferant der RSF benannt. Emiratische Regierungsvertreter reisten eigens nach Straßburg – darunter Staatsministerin Lana Nusseibeh –, um persönlich Druck auszuüben. Die Europäische Volkspartei setzte durch, dass die Erwähnung der VAE gestrichen wurde. Die Resolution nannte das Massaker. Sie nannte den wichtigsten Waffenlieferanten des Massakers nicht.

Das ist keine Presseschwäche. Das ist politische Architektur. Ein Genozid, dessen Finanzier im Beschlusstext eines demokratisch gewählten Parlaments auf Druck des Finanziers selbst gestrichen wird – das ist nicht Versagen. Das ist System.

V. Die Ressourcenlogik – wer was will

Wenn man verstehen will, warum Sudan brennt und die Welt schaut, muss man den Interessen folgen. Nicht den Erklärungen – den Interessen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind der zentrale Akteur. 2023 kauften die VAE mehr als 99 Prozent aller sudanesischen Goldexporte – im Wert von über einer Milliarde Dollar, nach Marktpreisen deutlich mehr. Die VAE sind Sudans wichtigster Handelspartner. Gleichzeitig hat die sudanesische Regierung unter General al-Burhan zuvor mehrere Abkommen über Agrar- und Landpachtrechte mit Abu Dhabi abgelehnt, weil die Bedingungen nach sudanesischer Einschätzung ausbeuterisch waren. Hemedtis RSF hatte kein Problem mit solchen Konditionen. Das erklärt das Grundmotiv.

Was folgte, ist durch UN-Expertenberichte, US-Geheimdienstdokumente, Amnesty International und Human Rights Watch umfassend dokumentiert: Die VAE beliefern die RSF mit Waffen. Durch ein System von Frachtflügen über Zwischenstationen – ein UN-Expertengremium bestätigte eine „schwere Rotation von Frachtmaschinen“ aus den VAE zu RSF-Gebieten –, durch Bodentransporte aus dem Tschad und über eine VAE-Basis im somalischen Puntland. Durch Unternehmensstrukturen in Dubai, über die die RSF Gehälter zahlt, Söldner rekrutiert – darunter nachweislich kolumbianische Ex-Militärs – und internationale Lobbyarbeit finanziert. Amerikanische Geheimdienst-Assessments von State Department und Defense Intelligence Agency, die Ende 2025 erstellt wurden, identifizierten spezifisch: chinesische Kampfdrohnen, schwere Maschinengewehre, Artillerie, Mörser und Munition, die über VAE-Netzwerke an die RSF gelangten. Auf sudanesischen Schlachtfeldern sichergestellte gepanzerte Fahrzeuge wurden als Produkte des emiratischen Rüstungskonzerns Edge identifiziert. Britische Militärausrüstung – Zielerfassungssysteme, Motorenteile –, die ursprünglich aus regulären UK-Exporten an die VAE stammte, tauchte ebenfalls bei der RSF auf und wurde dem UN-Sicherheitsrat in zwei Dossiers vorgelegt.

Die VAE bestreiten alles. Auf der US-Geberkonferenz für Sudan im Februar 2026 in Washington sagten sie 500 Millionen Dollar humanitärer Hilfe zu. Zur selben Zeit liefern ihre Frachtflüge Munition. Das ist keine Inkonsistenz, die sich durch Nachlässigkeit erklären ließe.

Russland hat in Sudan eine Geschichte der opportunistischen Seitenwahl. Wagner-Strukturen trainierten anfangs RSF-Einheiten und betrieben unter dem Deckmantel der Firma „Meroe Gold“ Goldminen in von Hemedti kontrollierten Gebieten. Durch die Zentral-Afrikanische Republik, wo Wagner dominiert, flossen früh Waffen in RSF-Territorien. Dann änderten sich die Kalkulationen: Als klar wurde, dass al-Burhans SAF den Osten und entscheidend den Zugang zum Roten Meer halten würde, schwenkte Moskau. Das eigentliche strategische Ziel – ein russischer Marinestützpunkt an der sudanesischen Rotmeerküste in Port Sudan – war nur mit der SAF-Regierung zu erreichen. Im April 2024 erhielt ein russisches Unternehmen von der Burhan-Regierung eine Goldexplorationskonzession. Gleichzeitig einigte man sich auf ein Zahlungsabkommen: Russland liefert Waffen, Sudan zahlt in Rubel. Der UN-Sicherheitsrat hat Sudan mehrfach aufgerufen, die RSF-Belagerung El-Fashers zu beenden. Russland hat sich bei diesen Abstimmungen konsequent enthalten oder blockiert – nicht aus Sympathie für die RSF, sondern weil jede Einmischung in die Konfliktdynamik das eigene Geschäft stören könnte.

China liefert keine Waffen direkt nach Sudan. Es liefert sie an die VAE. Amnesty International hat nachgewiesen, dass in Sudan eingesetzte Waffensysteme eindeutig als China-VAE-Exporte identifizierbar sind: Norinco-geführte Lenkbomben und Haubitzen, Rainbow-Kampfdrohnen – Systeme, die ausschließlich aus China in die VAE exportiert werden. Dass diese Waffen dann bei der RSF auftauchen, ist durch die Transferkette belegt. Chinas offizielle Reaktion: keine. Während nachweislich chinesische Waffensysteme bei einem von der UN festgestellten Genozid eingesetzt werden, schweigt Peking. Das ist kein Versehen. China ist der zweitgrößte Handelspartner Sudans, mit einem Fokus auf Agrarprodukte. Chinesisches Schweigen ermöglicht chinesisches Geschäft – und lässt gleichzeitig die VAE die politischen Risiken tragen.

Israel hat einen bisher wenig beleuchteten technologischen Fußabdruck in Sudan. Recherchen von Lighthouse Reports und der israelischen Zeitung Haaretz haben dokumentiert, dass 2022 ein mit dem israelischen Geheimdienstunternehmen Intellexa verbundenes Privatflugzeug in Khartum landete und der RSF fortgeschrittene Spyware übergab – Technologie, die Smartphones unbemerkt in Audio- und Videoüberwachungsgeräte verwandeln kann. Unabhängig davon hat die israelische Regierung die Gründung der Firma Controp Emirates Ltd in Abu Dhabis Freihandelszone genehmigt – ein israelisches Unternehmen für Aufklärung, Überwachung und Zielerfassung, betrieben unter strikter Aufsicht des israelischen Verteidigungsministeriums.

Die strategische Logik dahinter ist nicht schwer zu rekonstruieren. Seit den Abraham Accords von 2020 haben Israel und die VAE eine Sicherheitspartnerschaft aufgebaut, die weit über wirtschaftliche Normalisierung hinausgeht. Gemeinsame Interessen umfassen die Eindämmung islamistischer Bewegungen in der Sahelzone – Sudan war unter Omar al-Bashir ein Transitland für Hamas-Waffenlieferungen –, die Kontrolle über Überwachungstechnologie in instabilen Märkten und die Absicherung gemeinsamer Positionen gegenüber Iran. Sudan ist in diesem Kontext kein Randschauplatz, sondern ein Testfeld: für Technologie, für Allianzmuster, für die Frage, wie weit die Abraham-Accords-Architektur in Afrika trägt.

Was Israel konkret mit dem Zugang zu RSF-Netzwerken bezweckt, lässt sich nicht abschließend belegen. Was sich belegen lässt: Israel handelt in Sudan nicht zufällig, sondern im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Hauptfinancier des dokumentierten Genozids.

VI. Die USA: Vermittler mit Waffenlieferant am Tisch

Hier wird die doppelte Buchführung am sichtbarsten.

Die Trump-Administration führt den sogenannten „Quad“ – ein diplomatisches Vermittlungsformat, das die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Ägypten umfasst und eine Waffenruhe für Sudan aushandeln soll. Im Februar 2026 präsentierte Massad Boulos, Trumps Sonderberater für afrikanische und arabische Angelegenheiten – und Schwiegervater von Trumps Tochter Tiffany –, dem UN-Sicherheitsrat einen Fünf-Punkte-Friedensplan. Die Säulen: sofortige humanitäre Waffenruhe, Schutz von Zivilisten, dauerhafter Waffenstillstand, Übergang zu einer zivilen Regierung, Wiederaufbau. Boulos formulierte es so: „Sudans Zukunft kann nicht von Generälen bestimmt werden.“

Zeitgleich verpflichteten sich die VAE auf der US-Geberkonferenz zu 500 Millionen Dollar humanitärer Hilfe. Die VAE – der größte Waffenlieferant des dokumentierten Genozidtäters – sitzen als gleichberechtigter Partner am Verhandlungstisch. Nicht als Angeklagte. Als Friedensvermittler.

Das ist nicht das Ende der Geschichte.

Amerikanische Geheimdienstberichte – vom Büro für Geheimdienstaufklärung des State Department und der Defense Intelligence Agency gemeinsam erstellt – haben seit Monaten vor dem Gipfel eindeutig belegt, dass die VAE die RSF mit Waffen versorgen. Spezifisch: chinesische Drohnen, schwere Maschinengewehre, Artillerie, Mörser. Diese Berichte lagen Washington vor, als Boulos nach Abu Dhabi reiste, als er den Quad koordinierte, als er auf der Geberkonferenz neben dem VAE-Außenminister stand.

Als ein Journalist Boulos bei einer Pressekonferenz direkt fragte, ob Washington die VAE unter Druck setze, ihre Waffenlieferungen zu stoppen, gab Boulos keine Antwort. Nicht eine ausweichende Antwort – keine Antwort.

Der sudanesische Botschafter in Washington beschrieb die Situation beim Donor-Treffen treffend: Sudan selbst wurde nicht eingeladen. „Trotzdem glauben wir, dass unsere Beteiligung einen Mehrwert hätte. Es gibt Realitäten vor Ort, die den meisten Teilnehmern nicht zugänglich sind.“

Sudan – das Land, dessen Bevölkerung stirbt – war beim Treffen über Sudans Zukunft nicht am Tisch. Die VAE – deren Frachtflüge Munition liefern – schon.

Das nennt man in der Diplomatie „konstruktive Einbindung.“ In der Analyse nennt man es: einen Brand löschen wollen, ohne den Brandbeschleuniger zu entfernen.

VII. Szenarien – wohin führt das?

Zwei Szenarien stehen nebeneinander – und keines ist ermutigend.

Szenario A: De-facto-Teilung Sudans

Das wahrscheinlichere Szenario ist die schleichende Territorialisierung des Konflikts. Die RSF kontrolliert bereits Darfur, große Teile des Westens und hat im April 2025 in Nyala eine Parallelregierung ausgerufen. Die SAF hält den Norden, den Osten, Khartum und die Rotmeerküste. Die Frontlinien bewegen sich – zuletzt hat die SAF einige Belagerungen in Kordofan gebrochen –, aber die Grundstruktur verfestigt sich.

Was das bedeutet: Eine De-facto-Zweistaatlichkeit nach libyschem Vorbild, ohne Friedensvertrag, ohne internationale Anerkennung, ohne Aussicht auf Stabilität. Die externe Ressourcenextraktion läuft in beiden Zonen weiter: Gold aus RSF-Gebieten über Dubai in den globalen Markt, Ölpipelines im Osten unter Kontrolle der SAF und ihrer russischen Partner. Die VAE sichern sich landwirtschaftliche Konzessionen im Westen, Russland seinen Marinestützpunkt im Osten. Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis – in Vertreibung, Hunger und anhaltender Gewalt.

Der Verlierer dieses Szenarios ist Sudan als Staat. Und mit ihm jede Chance auf eine Demokratisierung, die 2019 kurz möglich schien.

Szenario B: Der Friedensplan greift

Boulos‘ Fünf-Punkte-Plan hat auf dem Papier eine Logik. Eine humanitäre Waffenruhe, internationale Überwachung, politischer Übergangsprozess. Wenn alle Beteiligten ernsthaft wollen – könnte es gehen.

Damit der Plan funktioniert, müssten mindestens drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: Washington müsste die VAE konkret unter Druck setzen – nicht rhetorisch, sondern mit der Androhung von Sanktionen oder einem Goldembargo, das den Transferkanal über Dubai schließt. Eine unabhängige Beobachtermission müsste mit echtem Mandat ausgestattet werden, nicht als Berichterstatter, sondern mit Befugnis zur Überwachung von Waffenbewegungen. Und Sudan selbst müsste an den Verhandlungstisch – nicht als Objekt eines Friedensplans, sondern als Partei.

Keine dieser Bedingungen ist aktuell erfüllt. Keine ist in absehbarer Zeit politisch realistisch.

Die Geschichte gibt dieser Einschätzung recht. Seit April 2023 sind alle Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen RSF und SAF gescheitert. Die Jeddah-Gespräche 2023: gescheitert. Die Juba-Prozesse 2024: gescheitert. Der Quad-Fahrplan vom September 2025: gescheitert. Sudan selbst hat den Boulos-Plan als unvereinbar mit nationalen Interessen abgelehnt – unter anderem, weil die VAE als Vermittler akzeptiert werden sollen, während sie gleichzeitig den Feind bewaffnen. Diese Einschätzung ist schwer zu widerlegen.

Solange kein Akteur echte Kosten für sein Verhalten trägt – solange Gold ungehindert über Dubai fließt, solange Frachtflüge ungestört landen, solange die VAE im UN-Sicherheitsrat als Partner behandelt werden –, gibt es keinen strukturellen Anreiz für Frieden. Frieden wäre schlecht fürs Geschäft.

VIII. Was das bedeutet

Man kann das, was im Sudan geschieht, auf verschiedene Arten beschreiben. Als humanitäre Krise – was es ist. Als Bürgerkrieg – was es formal auch ist. Als ethnischen Konflikt – was die Oberfläche trifft, aber den Kern verfehlt.

Was im Sudan geschieht, ist ein Ressourcenkrieg mit geopolitischer Architektur. Ein Land, das reich genug wäre, seine Bevölkerung zu ernähren, wird systematisch ausgeplündert – von außen, durch Akteure, die ein dringendes Interesse daran haben, dass kein funktionierender Staat entsteht, der ihre Geschäfte regulieren oder ihre Konzessionen anfechten könnte. Interne Konflikte werden nicht eingedämmt, sondern befeuert: durch Waffenlieferungen, durch Gold-Ankauf zu Vorzugskonditionen, durch diplomatische Schutzschirme, die verhindern, dass jemand Kosten zahlt.

Dass dabei Menschen sterben – mehr als 6.000 in drei Tagen, Zehntausende im laufenden Krieg, nach manchen Schätzungen über 150.000 seit Kriegsbeginn –, ist nicht der unbeabsichtigte Nebeneffekt einer Interessenpolitik. Es ist der Preis, den andere zahlen, damit das Geschäft läuft. Ein destabilisierter Sudan lässt sich leichter ausbeuten als ein stabiler. Eine Bevölkerung, die ums Überleben kämpft, stellt keine Fragen über Landpacht und Goldkonzessionen. Zwei verfeindete Militärfraktionen, die gegeneinander kämpfen, sind keine geeinte Kraft, die externe Akteure aus dem Land treiben könnte.

Die UN-Fact-Finding Mission hat das Nötige gesagt. Der Internationale Strafgerichtshof sammelt Beweise. UN-Hochkommissar Türk hat wiederholt und öffentlich gewarnt. Die Evidenz liegt vor. Was fehlt, ist nicht Wissen. Was fehlt, ist der politische Wille der Staaten, die die Mittel hätten zu handeln – und die Gründe haben, es nicht zu tun.

Einen Genozid zu benennen, ohne seine Nutznießer zu benennen, ist halbe Wahrheit. Die volle Wahrheit lautet: El-Fasher ist kein Versagen der internationalen Gemeinschaft. Es ist ihr Ergebnis.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Quellenverzeichnis

  1. UN News: „Sudan: ‚Hallmarks of genocide‘ found in El Fasher, UN investigators detail mass killings and ethnic targeting“ (19. Februar 2026) https://news.un.org/en/story/2026/02/1166997
  2. OHCHR Bericht A/HRC/61/77: „Sudan: Hallmarks of Genocide in El-Fasher – Report of the Independent International Fact-Finding Mission“ https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/ahrc6177-sudan-hallmarks-genocide-el-fasher-report-independent
  3. OHCHR Pressemitteilung: „Sudan: RSF violations in capture of El Fasher amount to war crimes“ (13. Februar 2026) https://www.ohchr.org/en/press-releases/2026/02/sudan-rsf-violations-capture-el-fasher-amount-war-crimes
  4. OHCHR Pressemitteilung: „Sudan: Evidence in El-Fasher reveals genocidal campaign, targeting non-Arab communities“ (19. Februar 2026) https://www.ohchr.org/en/press-releases/2026/02/sudan-evidence-el-fasher-reveals-genocidal-campaign-targeting-non-arab
  5. Human Rights Watch: „UN Body Finds ‚Hallmarks of Genocide‘ in Darfur“ (24. Februar 2026) https://www.hrw.org/news/2026/02/24/un-body-finds-hallmarks-of-genocide-in-darfur
  6. Al Jazeera: „Sudan has vast oil, gold and agricultural resources. Who controls them?“ (20. November 2025) https://www.aljazeera.com/news/2025/11/20/sudan-has-vast-oil-gold-and-agricultural-resources-who-controls-them
  7. Human Rights Watch: „Fanning the Flames“ – Waffenlieferungen UAE/RSF, forensische Analyse (September 2024) https://www.hrw.org/news/2024/09/09/fanning-flames
  8. Amnesty International Australia: „Sudan: Advanced Chinese weaponry provided by UAE identified in breach of arms embargo“ https://www.amnesty.org.au/sudan-advanced-chinese-weaponry-provided-by-uae-identified-in-breach-of-arms-embargo/
  9. PBS NewsHour: „The role outside powers are playing in Sudan’s continued, brutal war“ (November 2025) https://www.pbs.org/newshour/world/the-role-outside-powers-are-playing-in-sudans-continued-brutal-war
  10. Global Initiative Against Transnational Organized Crime: „The illicit transnational supply chains sustaining Sudan’s conflict“ (November 2025) https://globalinitiative.net/analysis/the-illicit-transnational-supply-chains-sustaining-sudans-conflict/
  11. ISPI (Istituto per gli Studi di Politica Internazionale): „The Role of Gold in the Sudanese War“ (April 2025) https://www.ispionline.it/en/publication/the-role-of-gold-in-the-sudanese-war-207364
  12. Foreign Policy: „UAE Could End RSF War in Sudan“ (Oktober 2025) https://foreignpolicy.com/2025/10/16/uae-sudan-rsf-war-weapons/
  13. Middle East Eye: „’We have a text‘: US says peace plan for Sudan to be revealed this week“ (4. Februar 2026) https://www.middleeasteye.net/news/we-have-text-us-says-peace-plan-sudan-revealed-this-week
  14. Sudan Tribune: „US Boulos outlines five-step plan to end Sudan conflict“ (19. Februar 2026) https://sudantribune.com/article/310895
  15. Security Council Report / What’s in Blue: „Sudan: Briefing“ (18. Februar 2026) https://www.securitycouncilreport.org/whatsinblue/2026/02/sudan-briefing-7.php
  16. The Africa Report: „UN backs Trump plan for Sudan, after receiving $2bn lifeline from US“ (4. Februar 2026) https://www.theafricareport.com/407641/un-backs-trump-plan-for-sudan-after-receiving-2bn-lifeline-from-us/
  17. Council on Foreign Relations – Global Conflict Tracker: „Civil War in Sudan“ (laufend aktualisiert) https://www.cfr.org/global-conflict-tracker/conflict/power-struggle-sudan
  18. Netzwerk Friedenskooperative: „Das Massaker von El Fasher, Sudan“ https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/das-massaker-von-el-fasher-sudan
  19. Americans for Democracy & Human Rights in Bahrain: „United Nations rules UAE funded RSF’s atrocities as genocidal“ (26. Februar 2026) https://www.adhrb.org/2026/02/united-nations-rules-uae-funded-rsfs-atrocities-as-genocidal/

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