KINSCHAL

Die Kh-47M2 Kinschal ist Russlands luftgestützte Schwester der Iskander: keine völlig neue Waffenkategorie, sondern eine ballistische Rakete, die durch den Start von schnellen Trägerflugzeugen wie MiG-31K, Tu-22M3M oder Su-34 eine deutlich größere operative Reichweite und kürzere Vorwarnzeit erhält. Ihre Bedeutung liegt weniger im Schlagwort „Hyperschall“ als in der Kombination aus hoher Geschwindigkeit, erratischem Flugprofil, möglicher konventioneller oder nuklearer Bestückung und flexibler Einsatzplattform. Zugleich zeigen dokumentierte Abfangmeldungen durch Patriot PAC-3, dass die Kinschal kein unaufhaltbares System ist, sondern ein ernstzunehmendes, aber technisch und taktisch einzuordnendes Waffensystem.

Kh-47M2 Kinschal – AS-24 „Killjoy“

Stand: 29.05.2026


Quelle: kremlin.ru, CC BY 4.0

Die Kh-47M2 Kinschal (russisch: Кинжал, „Dolch“; NATO-Code AS-24 „Killjoy“) ist eine russische luftgestützte ballistische Rakete (air-launched ballistic missile, ALBM). Sie wurde im Dezember 2017 in Dienst gestellt und am 1. März 2018 von Präsident Putin in seiner Rede an die Föderalversammlung als eine von sechs neuen strategischen Waffen Russlands öffentlich vorgestellt. Hersteller ist nach westlicher Einschätzung die Tactical Missiles Corporation (KTRV) mit Beteiligung des Votkinsker Werks.

Technisch ist die Kinschal nach Einschätzung von CSIS und anderen westlichen Analysten eine modifizierte, luftgestartete Variante der bodengestützten 9K720 Iskander-M – die Geschwister-Waffe zur Iskander, hier aber von Kampfflugzeugen aus gestartet. Sichtbare konstruktive Unterschiede zur bodengestützten Iskander sind ein redesignter Heckbereich, kleinere Ruder und eine Verlängerung am Heck, die die Triebwerksdüsen während des Hochgeschwindigkeitsflugs schützt. Die Lenkung erfolgt über Trägheitsnavigation mit Mid-Course-Updates; die Rakete kann konventionelle oder nukleare Sprengköpfe tragen (bei nuklearer Bestückung 5 bis 50 Kilotonnen nach westlichen Angaben).

Trägerplattformen sind nach offiziellen Angaben modifizierte MiG-31K-Abfangjäger, Tu-22M3M-Bomber und Su-34-Jagdbomber; eine Integration auf der Su-57 ist geplant. Genau hier liegt die wichtigste Quelle öffentlicher Verwirrung über die Reichweite. Die Raketenreichweite selbst liegt nach westlichen Schätzungen bei etwa 460 bis 480 Kilometern – sie ist ja schließlich eine Iskander. Die häufig zitierten 2.000 bis 3.000 Kilometer beziehen sich auf die Gesamtreichweite einschließlich der Flugstrecke des Trägerflugzeugs: Eine vom Tu-22M3-Bomber abgefeuerte Kinschal kann nach russischen Angaben Ziele in bis zu 3.000 Kilometern Entfernung treffen, mit der MiG-31K sind es bis zu 2.000 Kilometer. Diese Unterscheidung wird in der Berichterstattung regelmäßig nicht gemacht, weshalb in offenen Quellen Werte zwischen 480 und 3.000 Kilometern kursieren – alle prinzipiell richtig, je nachdem, was gemeint ist.

Nach dem Start beschleunigt die Kinschal nach CSIS-Angaben rasch auf Mach 4 (etwa 4.900 km/h) und kann bis zu Mach 10 (etwa 12.350 km/h) erreichen. Russland vermarktet sie deshalb als „Hyperschall“-Rakete. CSIS ordnet dies ausdrücklich als irreführend ein: Nahezu alle ballistischen Raketen erreichen in der Endphase Hyperschallgeschwindigkeit, das ist physikalisch kein außergewöhnliches Merkmal. Was die Kinschal von einer bodengestützten Iskander unterscheidet, ist nicht die Spitzengeschwindigkeit, sondern die Kombination aus hoher Geschwindigkeit, erratischem Flugprofil und der Möglichkeit, von einem schnellen, hoch fliegenden Trägerflugzeug gestartet zu werden – was die Vorwarnzeit für die gegnerische Luftverteidigung deutlich verkürzt.

Was die Kinschal nicht ist: keine konzeptionell neue Waffe. Sie ist eine Iskander, die fliegt. Genau diese Anpassung – die Iskander an die Luftstart-Plattform – macht sie aber zu einem ernstzunehmenden System, weil sie die russische ballistische Kurzstreckenwirkung in den Reichweitenbereich der Trägerflugzeuge multipliziert.

Einsatzhistorie und Stationierung

Dezember 2017 – Indienststellung. Mai 2018 – Zehn MiG-31K erhalten den Status „experimentelle Kampfbereitschaft“ für die Kinschal-Trägerschaft.

1. März 2018 – Putin stellt die Kinschal in seiner Rede an die Föderalversammlung als eine von sechs neuen strategischen Waffen Russlands vor.

Stationierung – Nach westlichen Angaben in Russlands Südlichem und Westlichem Militärbezirk.

Seit Februar 2022 – Mehrfache Kampfeinsätze im Ukrainekrieg. Die Kinschal ist damit die erste russische als „Hyperschall“ vermarktete Waffe mit unabhängig dokumentierten Kampfeinsätzen – eine wichtige Tatsache, weil sie aus den Trümmern unabhängig identifizierbar war.

4. Mai 2023 – Die Ukraine meldet den ersten Abschuss einer Kinschal durch ein Patriot-PAC-3-System über Kiew. Russland bestreitet den Abschuss. US-Stellen bestätigten die ukrainische Darstellung. Dieser Vorfall ist symptomatisch für die Diskrepanz zwischen russischer „unaufhaltbar“-Vermarktung und realen Abwehrmöglichkeiten.

24. Mai 2026 – Teil eines kombinierten Großangriffs auf den Raum Kiew zusammen mit Oreschnik, Iskander und Zirkon (nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums, nicht unabhängig verifiziert).

Weiterführende Quellen

Kh-47M2 Kinzhal – CSIS Missile Threat Technische Hauptreferenz: Iskander-Bezug, Maße, Geschwindigkeit, Hyperschall-Einordnung, Trägerplattformen, MiG-31K-Bezug.

Putin, Address to the Federal Assembly, 1. März 2018 – Kremlin.ru Primärquelle: Putins öffentliche Vorstellung der Kinschal als eine von sechs neuen russischen strategischen Waffen.

© Michael Hollister – Alle Rechte vorbehalten. Die Weitergabe, Veröffentlichung oder Nutzung dieses Textes bedarf der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung des Autors. Bei Interesse an einer Weiterverwendung kontaktieren Sie bitte den Autor über www.michael-hollister.com.


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