von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 05. April 2026
2.885 Wörter * 18 Minuten Lesezeit

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Wie Hilfsgelder in Assads Geheimdienst flossen
Am Ende eines unbeleuchteten Flurs im vierten Stock eines unscheinbaren Einkaufszentrums in Damaskus liegt ein Büro ohne Schild. Kein Firmenname an der Tür, keine Klingel, kein Empfangsbereich. Nur ein einziger Hinweis darauf, dass hier jemand arbeitet: ein handgeschriebenes Schild, das informiert, dass der Korridor videoüberwacht wird.
Hinter dieser Tür operierte über mehr als ein Jahrzehnt Shorouk for Protection, Guarding and Security Services – auf dem Papier eine gewöhnliche syrische Sicherheitsfirma mit 2.000 Mitarbeitern, einer professionellen Website und einem Kundenportfolio, das sich sehen lassen konnte. Shorouk bewachte Büros, kontrollierte Zugänge, begleitete Fahrzeugkonvois. Und Shorouk kassierte.
Von den Vereinten Nationen. Mindestens 11 Millionen Dollar. Über mehr als zehn Jahre. Für die Sicherheit von UNO-Büros in ganz Syrien – vom de-facto-Hauptquartier im Vier-Jahreszeiten-Hotel in Damaskus bis zu regionalen Außenstellen in einem Land, das sich im Bürgerkrieg befand.
Was die Vereinten Nationen zu diesem Zeitpunkt nicht offiziell wussten – oder nicht wissen wollten – war das, was interne Dokumente nun unwiderlegbar zeigen: Shorouk gehörte dem syrischen Geheimdienst. Dem General Intelligence Directorate, kurz GID – genau jener Institution, deren Praktiken die UNO in ihren eigenen Berichten als Folter, sexuelle Gewalt und systematische Tötung dokumentiert hatte.
Die Vereinten Nationen erhoben Vorwürfe. Und sie überwiesen die Rechnungen.
Das Unternehmen, das keines war
Nach außen gab sich Shorouk keine Mühe, aufzufallen. Die Firmenzentrale lag in einem Einkaufszentrum, nicht in einem Geschäftsviertel. Der Firmenname erschien in keiner prominenten Werbung. Die Website war funktional, nicht repräsentativ. Aber die Auftragsliste war beeindruckend – und die wertvollsten Kunden trugen das Emblem der Vereinten Nationen.
Was hinter dieser Fassade lag, haben Dokumente enthüllt, die dem deutschen Rundfunksender NDR zugespielt und anschließend mit dem International Consortium of Investigative Journalists und 24 Medienpartnern in 20 Ländern geteilt wurden. Die Sammlung – als Damascus Dossier bekannt – umfasst mehr als 134.000 Dateien aus dem syrischen Luft- und Allgemeinen Geheimdienstdirektorat sowie anderen Sicherheitsbehörden. Sie überspannen mehr als drei Jahrzehnte, von den mittleren 1990er-Jahren bis zum Dezember 2024.
Unter diesen Dokumenten befinden sich auch Unterlagen, die ICIJ separat beschaffen konnte – interne Shorouk-Schriftstücke, die das Verhältnis zwischen der Firma und dem Geheimdienst in einer Klarheit beschreiben, die keinen Interpretationsspielraum lässt.
Im Juni 2019 schickte Shorouk-Geschäftsführer Wael al-Haou einen Scheck über 50 Millionen syrische Pfund – umgerechnet rund 100.000 Dollar – an das General Intelligence Directorate. Das Begleitschreiben, von al-Haou selbst verfasst, nennt den Betrag ausdrücklich den „Gewinnanteil des Direktorats an Shorouk.“ Kein Hinweis auf Schutzgeld, kein Hinweis auf eine externe Leistung – sondern eine interne Gewinnausschüttung an den Eigentümer.
Zwei Jahre später, im Jahr 2021, wandte sich al-Haou in einem weiteren Brief an den Direktor des GID – diesmal mit einer Bitte um Unterstützung bei der Beschaffung von Waffengenehmigungen. Die Begründung, warum Shorouk Sonderbehandlung verdiene, hielt er schriftlich fest: Das Unternehmen sei „das einzige Unternehmen, das dem General Intelligence Directorate gehört und von ihm kontrolliert wird.“
Gegenüber ICIJ erklärte al-Haou, die Dokumente seien „falsch und ungenau.“ Er habe nie staatliche Institutionen als Eigentümer gehabt. Er selbst und zwei weitere nicht namentlich genannte Personen seien die wahren Eigentümer. Die Unterschrift unter den Dokumenten ist seine.
Was die UNO selbst über den GID wusste
Der General Intelligence Directorate ist keine unbekannte Institution. Er ist in der internationalen Menschenrechtsdokumentation seit Jahren präsent – und in den Berichten der Vereinten Nationen nimmt er einen prominenten Platz ein.
Im Jahr 2015 veröffentlichte die UNO-Untersuchungskommission für Syrien einen Bericht, der detailliert festhält, wie GID-Offiziere Gefangene vergewaltigten und sexuell folterten. Systematisch. Dokumentiert anhand von Zeugenaussagen, ärztlichen Einschätzungen und Überlebendenberichten.
Im Jahr 2023 erschien ein weiterer UNO-Bericht, der festhält, wie GID-Offiziere Zivilisten wiederholt Elektroschocks verabreichten – als Teil eines systematischen Folterprogramms, das auf die Unterdrückung jeglicher Opposition ausgerichtet war.
Der Fall Anwar Raslan macht das abstrakte Wissen konkret. Raslan war kein untergeordneter Vollstrecker – er leitete die Untersuchungsabteilung eines GID-Gefängniskomplexes in Damaskus. In seinem Zuständigkeitsbereich wurden zwischen 2011 und 2013 mindestens 4.000 Menschen festgehalten. Überlebende schilderten vor dem Oberlandesgericht Koblenz in stundenlangen Zeugenaussagen, was in diesen Räumen geschah: systematische Schläge, Elektroschocks, Aufhängen an den Armen, sexuelle Gewalt, Entzug von Nahrung und Wasser. Raslan war anwesend. Er erteilte Befehle. Er schaute zu.
Im Januar 2022 verurteilte das Gericht Raslan zu lebenslanger Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit – Beihilfe zu Mord in 27 Fällen, Folter in 4.000 Fällen, schwere Körperverletzung, sexuelle Gewalt. Es war das erste Urteil weltweit gegen einen hochrangigen Funktionär des syrischen Sicherheitsapparats. Das Verfahren stützte sich auf das Weltrechtsprinzip – Deutschland kann Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgen, unabhängig vom Tatort. Es stützte sich auf Zeugenaussagen, auf Dokumente – und auf Berichte, die auch aus UNO-Quellen stammten.
Das Urteil fiel im Januar 2022. In demselben Jahr verlängerte die UNO ihre Verträge mit Shorouk – dem Unternehmen, das dem Direktorat gehörte, für das Raslan gearbeitet hatte.
Während all diese Berichte erschienen, lief der Shorouk-Vertrag. Die Überweisungen gingen durch. Das UNO-Entwicklungsprogramm UNDP zahlte alleine mindestens 9 Millionen Dollar. Die Weltgesundheitsorganisation und das Welternährungsprogramm kamen hinzu. Mehr als 130 Verträge und Bestellungen zwischen 2014 und 2024. Jahr für Jahr, Überweisung für Überweisung, während die eigenen Gremien festhielten, was der GID in syrischen Gefängnissen tat.
Die Warnung – und die Entscheidung, sie zu ignorieren
Im Juli 2021 unternahm Human Rights Watch einen ersten formellen Schritt. Die Organisation schrieb an Shorouk und bat um eine Stellungnahme für einen bevorstehenden Bericht, der die Verbindungen der Firma zum syrischen Militär beschreiben würde.
Die Vereinten Nationen dokumentierten Folter, Vergewaltigung und systematische Tötungen durch den syrischen Geheimdienst – und überwiesen gleichzeitig Millionenbeträge an genau diesen Apparat. Über mehr als ein Jahrzehnt flossen mindestens 11 Millionen Dollar an eine Sicherheitsfirma, die laut internen Dokumenten direkt dem General Intelligence Directorate gehörte. Eine Firma ohne Schild an der Tür, aber mit UNO-Verträgen in Millionenhöhe.
Der Fall Shorouk ist kein Einzelfehler, sondern ein präzise belegter Widerspruch: Humanitäre Hilfe, die durch genau die Strukturen fließt, die sie eigentlich umgehen soll. Teil dieser Analyse ist nicht nur die finanzielle Verbindung, sondern ein System, das Überwachung, Täuschung und institutionelle Blindstellen miteinander verbindet. Die Frage ist nicht mehr, ob die UNO es wusste. Sondern, warum es keine Konsequenzen hatte.
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Die doppelte Buchführung der UNO
Michael Hollister
war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com ,bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com
sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
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