Lagebericht vom 26. Juni 2026, aufbauend auf dem Update vom 19. Juni 2026
von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 26.06.2026
2.775 Wörter * 15 Minuten Lesezeit



TICKER
DIE KRIM BRICHT EIN – DIE BESATZUNGSVERWALTUNG RÄUMT DIE FOLGEN SELBST EIN
Dass nicht Kyjiw, sondern Moskaus eigene Statthalter die Versorgungskrise auf der Krim bestätigen, ist der strategische Kern dieser Woche. Der von Russland eingesetzte Krim-Chef Sergej Aksjonow stoppte am 21. Juni um 9:00 Uhr den gesamten zivilen Treibstoffverkauf – Benzin und Diesel fließen nur noch an staatliche Stellen, die Verwaltung und Sicherheit aufrechterhalten. In Sewastopol verhängte Gouverneur Michail Raswoschajew parallel Strombeschränkungen, schaltete die Straßenbeleuchtung ab und reduzierte den öffentlichen Nahverkehr. Kinderferienlager wurden bis zum 1. September ausgesetzt, Zugverbindungen auf die Halbinsel gekürzt, Fährverkehr über die Straße von Kertsch eingestellt. Auslöser sind ukrainische Dauerangriffe auf Treibstofflogistik und Energieanlagen; Aksjonow nannte zugleich vier Tote und 28 Verletzte nach Schlägen bei Kertsch.
RUSSLAND SETZT DEN LUFTKRIEG GEGEN DIE UKRAINE UNVERMINDERT FORT
Während die ukrainischen Fernschläge die Schlagzeilen prägen, ging der russische Luftkrieg in unveränderter Intensität weiter. Selenskyj erklärte für den 20. Juni über 200 eingesetzte Drohnen an einem Tag, mit Treffern unter anderem in Saporischschja, wo örtliche Behörden fünf Tote und zehn Verletzte meldeten. Am 22. Juni starben in Sumy nach Angaben ukrainischer Behörden drei Mitglieder einer Familie, darunter ein 13-jähriger Junge; am 23. Juni meldeten die Behörden von Krywyj Rih nach einem ballistischen Schlag vier Tote und 30 Verletzte. Am 24. Juni traf eine russische Iskander-M nach ukrainischer Darstellung ein Minenräumteam der Norwegian People’s Aid in der Region Cherson – zwei ukrainische Mitarbeiter starben. Die UN-Menschenrechtsmission hatte den Mai mit mindestens 274 getöteten Zivilisten als tödlichsten Monat für die ukrainische Zivilbevölkerung seit April 2022 eingestuft.
LUKOIL KSTOWO OFFLINE – FÜNFTE STILLGELEGTE RAFFINERIE IM JUNI
Die ukrainische Tiefenschlag-Kampagne erreichte mit der NORSI-Raffinerie einen weiteren zentralen Knoten. Die Anlage Lukoil-Nischegorodnefteorgsintez bei Kstowo (Gebiet Nischni Nowgorod), nach Verarbeitungskapazität Russlands viertgrößte Raffinerie und zweitgrößter Benzinproduzent, stellte am 24. Juni nach einem Drohnentreffer den Betrieb ein; beschädigt wurde laut Reuters-Industriequellen eine Primäreinheit mit rund einem Viertel der Kapazität. Es ist die fünfte im Juni stillgelegte russische Raffinerie. Die russische Benzinproduktion fiel nach Reuters-Schätzungen um etwa 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr; Moskau plant erstmals seit Jahren Treibstoffimporte auf dem Seeweg. Die Moskauer Raffinerie wird laut Reuters voraussichtlich bis 2027 nicht wieder anlaufen. Gouverneur Gleb Nikitin meldete zwei Tote durch herabstürzende Trümmer.
WORONESCH – HALBLEITERWERK FÜR ISKANDER UND CH-101 GETROFFEN
Der Schlag gegen die russische Rüstungsfertigung traf diese Woche einen Komponentenhersteller. Der ukrainische Generalstab erklärte für den 22. Juni einen Angriff mit luftgestützten Marschflugkörpern auf das Halbleiterwerk WZPP-S in Woronesch, das Elektronik für Iskander- und Ch-101-Raketen sowie das Flugabwehrsystem Pantsir-S1 fertige. Der Gouverneur der Region, Alexander Gussew, bestätigte einen schweren Treffer auf einen Produktionsbetrieb mit fünf Toten und Dutzenden Verletzten; ein von Reuters geprüftes Video zeigte starke Rauchsäulen über dem Gelände. Der Angriff ist damit beidseitig bestätigt. Strittig bleiben die genaue Rolle des Werks in der Raketenfertigung und der Umfang der dauerhaften Produktionsausfälle.
FINANCIAL TIMES – US-AUFKLÄRUNG STÜTZTE DIE MOSKAU-SCHLÄGE
Die direkte amerikanische Beteiligung an der Schlagplanung rückte erstmals konkret in den Vordergrund. Die Financial Times berichtete am 23. Juni, die Schläge auf die Moskauer Raffinerie vom 16. und 18. Juni seien durch US-Geheimdienstdaten gestützt worden; die Koordination laufe seit Sommer 2025 und sei von Washington nie öffentlich eingeräumt worden. Nach Darstellung eines US-Vertreters wählt Kyjiw die Ziele, während Washington Daten zu deren Verwundbarkeit liefert – Flugrouten, Höhe, Timing zur Umgehung der Flugabwehr; andere Quellen erklärten gegenüber der FT, die US-Aufklärung helfe auch bei der Identifikation hochwertiger Ziele. Außenminister Sergej Lawrow warf den USA am 24. Juni vor, die Rolle des objektiven Vermittlers verlassen zu haben.
TRUMP „BEEINDRUCKT“ – PATRIOT-LIZENZPRODUKTION IN EUROPA UND DER UKRAINE IM GESPRÄCH
Aus dem G7-Gipfel ergab sich eine mögliche Verschiebung der amerikanischen Linie. Laut Financial Times zeigte sich Trump beim Treffen in Évian von den ukrainischen Tiefenschlägen „hugely impressed“ und stimmte schärferen Sanktionen gegen den russischen Energiesektor zu. Selenskyj erklärte, Trump und Außenminister Rubio hätten erstmals positiv auf die Frage von Lizenzen für die Eigenproduktion von Patriot-Abfangraketen reagiert. Im Gespräch ist eine lizenzierte Fertigung in Europa und der Ukraine; die Details sollen zwischen dem Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Rustem Umerow, und US-Stellen verhandelt werden. Ukrainische Vertreter bleiben skeptisch und verweisen auf frühere unerfüllte Zusagen.
SELENSKYJ GENEHMIGT 40-TÄGIGE DRUCKKAMPAGNE DES SBU
Die ukrainischen Fernschläge sind nun offiziell Teil einer benannten, zeitlich befristeten Strategie. Selenskyj erklärte am 25. Juni nach einem Bericht des kommissarischen SBU-Chefs Jewhenij Chmara, er habe eine 40-tägige „Einflussoperation“ gegen Russland gebilligt. Wörtlich sprach er von einer Operation, „um den Aggressorstaat zu einem Ende des Krieges zu zwingen“. Eingebettet ist die Kampagne in das, was Kyjiw „Langstrecken-“ und „Mittelstrecken-Sanktionen“ nennt. Eine vollständige Zielliste, die genaue Bedeutung der 40-Tage-Frist und messbare Erfolgskriterien blieben unveröffentlicht.
EU ZAHLT 3,2 MILLIARDEN EURO UND VERLÄNGERT SANKTIONEN BIS 2027
Die finanzielle und sanktionspolitische Flanke wurde diese Woche festgezurrt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte am 25. Juni auf der Ukraine Recovery Conference in Danzig die Auszahlung der ersten Tranche von 3,2 Milliarden Euro aus dem 90 Milliarden Euro umfassenden Ukraine Support Loan an; eine erste Tranche eines 6 Milliarden Euro starken Drohnenpakets soll in den folgenden Tagen folgen. Der EU-Rat verlängerte am Abend des 25. Juni die sektoralen Wirtschaftssanktionen erstmals um zwölf statt sechs Monate, bis zum 31. Juli 2027. Ein 21. Sanktionspaket – nach bislang 20 beschlossenen – ist in Vorbereitung.

SELENSKYJS BELARUS-ULTIMATUM – ANLAGEN LAUT KYJIW SEIT 22. JUNI AUSSER BETRIEB
Belarus rückte erstmals seit Langem wieder ins Zentrum des Konflikts. Selenskyj forderte am 19. Juni, Minsk müsse binnen einer Woche Relaisstationen auf Grenztürmen in den Gebieten Gomel und Brest abbauen, die nach ukrainischer Darstellung russische Drohnenangriffe steuern – sonst werde die Ukraine selbst tätig. Am 24. Juni erklärte er, die Anlagen seien laut Oberbefehlshaber Syrskyj seit dem 22. Juni außer Betrieb; ob sie demontiert wurden, sei offen. Der Kreml nannte das Ultimatum eine „aggressive“ Einmischung in die Souveränität von Belarus. Präsident Lukaschenko schließt einen Kriegseintritt aus; RT zitiert ihn mit dem Hinweis auf „ein sehr ernstes Ziel“ mit präzisen Koordinaten unweit von Belarus. Putin und Lukaschenko kündigten ein baldiges Treffen an.
TSCHERNIHIW – ZWANGSEVAKUIERUNG VON ZWÖLF GRENZDÖRFERN
Der Verteidigungsrat des Gebiets Tschernihiw ordnete eine Maßnahme entlang der Nordgrenze an. Nach Angaben von Gouverneur Wjatscheslaw Tschaus vom 24. Juni werden zwölf Grenzdörfer ab dem 1. Juli verpflichtend evakuiert, auf Anforderung des Militärs. Für sieben bereits im Winter angeordnete Ortschaften wurde die Maßnahme verlängert. Nach Schätzungen der örtlichen Verwaltung leben in den insgesamt 19 betroffenen Siedlungen noch rund 1.000 Menschen, darunter etwa 120 Kinder. Unterkünfte zur vorübergehenden Unterbringung sollen bereitgestellt werden; die Evakuierung ist auf zwei Monate angelegt.
UN-SICHERHEITSRAT – „UNSERE GEDULD IST NICHT UNENDLICH“
Der Sicherheitsrat befasste sich am 22. Juni erneut mit dem Krieg. Der ukrainische UN-Botschafter Andrij Melnyk erklärte, Kyjiw bleibe zu direkten Verhandlungen auf Grundlage der UN-Charta bereit, warnte aber, die Ukraine könne ihr Angebot eines Waffenstillstands entlang der bestehenden Frontlinie neu bewerten, sollte der Rat abwartend bleiben. Lawrow erklärte am 23. Juni, Russland sei bereit, die Gespräche dort fortzusetzen, wo sie zuletzt geendet hätten – verbunden mit der unveränderten Forderung nach ukrainischer Aufgabe weiterer Teile des Donbass, die Kyjiw ablehnt. Die Grundblockade blieb damit unbewegt.
FRONT KOSTJANTYNIWKA – ZANGE, ABER KEIN DURCHBRUCH
Die Bodenlage verschob sich örtlich, ohne strategischen Bruch. Im Zentrum stand Kostjantyniwka im Gebiet Donezk: Putin erklärte am 23. Juni, seine Truppen stünden kurz vor der Einnahme, das russische Verteidigungsministerium meldete am 24. Juni Vorstöße im Südwesten der Stadt. Die ukrainische OSINT-Gruppe DeepState räumte am 22. Juni „Erfolge der Moskowiter“ ein; ihre Karte vom 24. Juni zeigte eine Zangenbewegung von Süden und Nordosten. Ein operativer Durchbruch, eine Einkesselung oder der Fall der Stadt ist nicht belegt. Die Monatsbilanzen divergieren: Für die vier Wochen bis 23. Juni verzeichnet DeepState einen russischen Nettogewinn von zwölf Quadratmeilen, ISW dagegen einen russischen Nettoverlust von 20 Quadratmeilen.
ANGRIFFSRHYTHMUS UNGEBROCHEN – KRIM-FLUGPLÄTZE UND ERNEUT MOSKAU
Der gegenseitige Fernangriffskrieg hielt bis zum Redaktionsschluss an. Der ukrainische Sicherheitsdienst SBU erklärte für den 24. Juni Schläge auf die Militärflugplätze Saky und Hwardijske sowie auf Komponenten eines S-400- und zweier Pantsir-S1-Systeme bei Kertsch und nannte die Krim eine „Zone ständiger Verluste“. In der Nacht zum 26. Juni meldete Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erneut einen Drohnenangriff auf die Hauptstadt mit mindestens 39 abgefangenen Drohnen ab etwa 2:30 Uhr. Zugleich traf ein russischer ballistischer Schlag Kyjiw, wo Bürgermeister Klitschko zwei Verletzte meldete; Explosionen wurden auch in Krementschuk gemeldet.

ANALYSE
Die Energiefront wird zur Hauptfront
Keine Woche dieses Krieges hat den Schwerpunktwechsel vom Territorium zur Wirkungstiefe so deutlich gemacht wie diese. Der entscheidende Befund liegt nicht an der Bodenfront, sondern in einem Eingeständnis: Mit Aksjonow und Raswoschajew bestätigen Moskaus eigene Statthalter auf der Krim die Folgen der ukrainischen Schläge – Treibstoffstopp, Strombeschränkungen, ausgesetzte Ferienlager, gekürzter Bahnverkehr. Das ist keine ukrainische Behauptung, sondern eine Selbstauskunft der Besatzungsverwaltung, und damit die belastbarste Aussage der Woche. Parallel fiel mit der NORSI-Raffinerie die fünfte russische Anlage im Juni aus, die Benzinproduktion sank nach Reuters-Schätzungen um rund ein Viertel, und Moskau plant erstmals seit Jahren Seeimporte.
Doch genau hier ist Disziplin geboten. Gesichert sind die eingeräumten Versorgungsfolgen und die Zahl stillgelegter Raffinerien. Der dauerhafte Umfang der Produktionsausfälle ist es nicht: Ob NORSI über andere Einheiten rasch wieder anläuft, ob die Moskauer Raffinerie tatsächlich bis 2027 stillsteht, lässt sich aus den vorliegenden Industrieangaben nicht abschließend prüfen. Die makroökonomische Fassade Russlands hält – die Substanz erodiert an konkreten Engstellen. Dass Moskau im Süden offen Treibstoffrationierung anordnet, ist der unabhängige Beleg, dass diese Rechnung an einzelnen Punkten aufgeht. Genau diese Differenz zwischen Schlagzeile und Wirkungstiefe gilt es zu benennen, ohne sie zu übertreiben.
Washington kehrt zurück – und überschreitet eine Schwelle
Der bemerkenswerteste Strang der Woche ist die amerikanische Bewegung. Nach Darstellung der Financial Times waren die Moskau-Schläge vom 16. und 18. Juni US-geheimdienstlich gestützt, die Koordination läuft seit Sommer 2025, und Trump zeigte sich beim G7-Gipfel von den ukrainischen Tiefenschlägen „hugely impressed“. Hinzu kommt die in Aussicht gestellte Lizenzproduktion von Patriot-Abfangraketen in Europa und der Ukraine. Damit verschiebt sich die amerikanische Rolle von der eines zögernden Vermittlers hin zu der eines aktiven Unterstützers der ukrainischen Schlagfähigkeit – ein Befund, der über die einzelne Meldung hinausweist.
Cui bono? Wer kurz vor möglichen Gesprächen aus einer Position der Stärke verhandeln will, demonstriert sie. Zwei gesetzte Tatsachen markieren die Schwelle, an der diese Woche entschieden wird: Washington hat die Koordination nie öffentlich eingeräumt, und Lawrow wirft den USA am 24. Juni vor, die Rolle des objektiven Vermittlers verlassen zu haben. Ob das Liefern von Aufklärung über Verwundbarkeiten, Flugrouten und hochwertige Ziele eine Beteiligung am Krieg darstellt, mag der Leser an diesen Tatsachen selbst entscheiden. Festzuhalten bleibt der nüchterne Punkt: Die operative Schwelle zwischen Unterstützung und Mitwirkung ist diese Woche niedriger geworden – und beide Konfliktparteien wissen das.
Von der Operation zur Doktrin
Die ukrainischen Fernschläge haben mit dieser Woche ihren Status verändert. Was bislang als Folge einzelner Operationen erschien, ist mit Selenskyjs Genehmigung der 40-tägigen SBU-„Einflussoperation“ am 25. Juni offiziell eine benannte, zeitlich befristete Strategie. Der Begriff „Langstrecken-Sanktionen“ verschiebt die Logik: Die Schläge gegen Raffinerien, Halbleiterwerke und Logistik werden nicht mehr nur militärisch, sondern als ökonomisches Druckinstrument gerahmt, das Russland an den Verhandlungstisch zwingen soll. Die Auszahlung der ersten 3,2 Milliarden Euro des EU-Kredits und die Verlängerung der Sanktionen bis 2027 bilden dazu das finanzielle und politische Rückgrat.
Der Befund lautet deshalb nicht „Friedensfenster“, sondern Institutionalisierung des Drucks. Beide Seiten verfestigen ihre Mittel, statt ihre Forderungen zu bewegen: Russland hält den Luftkrieg in unveränderter Intensität aufrecht – belegt durch tödliche Schläge in Sumy, Krywyj Rih und Saporischschja -, die Ukraine gießt ihre Tiefenschlag-Kampagne in ein 40-Tage-Programm. Auffällig bleibt die Leerstelle: Weder die Zielliste noch messbare Erfolgskriterien dieser Kampagne sind öffentlich. Eine Strategie, deren Abbruchbedingungen unbekannt sind, lässt sich politisch schwer begrenzen – das ist die eigentliche Unbekannte hinter der Ankündigung.
Die Ränder: Belarus und die festgefrorene Diplomatie
Während die Energiefront in Bewegung ist, verhärtet sich der diplomatische Kern. Im Sicherheitsrat warnte Melnyk am 22. Juni, die ukrainische Geduld sei nicht unendlich; Lawrow bot tags darauf Gespräche „dort, wo sie endeten“ an – verbunden mit der unveränderten Donbass-Forderung. Damit steht die Grundblockade exakt dort, wo sie seit Monaten steht: Kyjiw verlangt zuerst einen Waffenstillstand und Sicherheitsgarantien, Moskau zuerst territoriale Zugeständnisse. Die G7-Bekenntnisse der Vorwoche und das von Selenskyj angebotene, von Moskau abgelehnte Treffen haben daran nichts geändert.
Zugleich weitet sich der Krieg an seinen Rändern aus. Selenskyjs Belarus-Ultimatum vom 19. Juni und seine Erklärung, die fraglichen Relaisanlagen seien seit dem 22. Juni außer Betrieb, markieren eine neue Front der Drohung; der Kreml nannte es eine aggressive Einmischung, Lukaschenko schloss einen Kriegseintritt aus. Parallel ordnete der ukrainische Verteidigungsrat die Zwangsevakuierung von zwölf Grenzdörfern in Tschernihiw an. Für die Bewertung dieser Woche zählt der strukturelle Punkt: Solange Hauptstädte, Energieknoten und Bündnis- wie Staatsgrenzen in Reichweite und in der Rhetorik beider Seiten liegen, verliert dieser Krieg an seinen Rändern an Kalkulierbarkeit – unabhängig davon, wer am Verhandlungstisch was anbietet.
Strategische Einordnung
Am Kriegstag 1.584 zeigt sich ein Krieg, dessen Schwergewicht sich endgültig vom Territorium zur Wirkungstiefe verlagert hat. Die belastbarste Aussage der Woche kommt nicht aus Kyjiw, sondern aus den eingeräumten Versorgungsfolgen auf der von Russland kontrollierten Krim und der fünften stillgelegten Raffinerie im Juni – erstmals ein gegnerseitig bestätigter Effekt der ukrainischen Tiefenschlag-Kampagne. Zugleich rückt Washington über Geheimdienststützung und in Aussicht gestellte Patriot-Lizenzen näher an die ukrainische Schlagfähigkeit heran, während Kyjiw seine Schläge in ein 40-Tage-Programm gießt und die EU 3,2 Milliarden Euro auszahlt. Der diplomatische Kern blieb in derselben Woche unbewegt: Bekenntnisse ohne Durchbruch, ein abgelehntes Treffen, neue Mittel statt einer Waffenruhe. Die Front verschob sich örtlich bei Kostjantyniwka leicht zugunsten Russlands, ohne Durchbruch – und mit jedem Energieknoten, jeder Grenzregion und jedem an Belarus gerichteten Ultimatum wird die Frage dringlicher, ob dieser Krieg an seinen Rändern beherrschbar bleibt.

Über den Autor
Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Wenn Sie meine Updates und Analysen regelmäßig lesen, freue ich mich sehr, wenn Sie meine Arbeit auch unterstützen.

Quellenverzeichnis
- Crimea halts all public gasoline sales, restricts fuel to government agencies – Meduza: https://meduza.io/en/news/2026/06/21/crimea-halts-all-public-gasoline-sales-restricts-fuel-to-government-agencies
- Power outages, fuel bans and no summer camps: Ukraine steps up pressure on Russia by targeting Crimea – CNN: https://www.cnn.com/2026/06/26/europe/ukraine-crimea-pressure-russia-intl-cmd
- Occupied Sevastopol bans fuel sales and tightens restrictions – The New Voice of Ukraine: https://english.nv.ua/nation/occupied-sevastopol-bans-fuel-sales-and-tightens-restrictions-50618177.html
- Russian Authorities Halt Fuel Sales In Occupied Crimea – RFE/RL: https://www.rferl.org/a/russia-ukraine-war-crimea-fuel-shortage-drone-strikes/33785662.html
- A Russian drone strike in Ukraine kills 3 from one family; Ukrainian strike kills five – AP/Union-Bulletin: https://www.union-bulletin.com/news/world/a-russian-drone-strike-in-ukraine-kills-3-from-one-family-including-a-13-year/article_349fecef-5d61-5516-a53f-34c47fce04d3.html
- The Defense Council of Chernihiv Oblast announces mandatory evacuation; Norwegian People’s Aid demining team struck – Liveuamap: https://liveuamap.com/en/2026/24-june-15-the-defense-council-of-chernihiv-oblast-announces
- Russia’s 4th-largest oil refinery shuts down after Ukrainian drone strike, Reuters reports – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/russias-4th-largest-oil-refinery-shuts-down-after-ukrainian-drone-strike-reuters-reports/
- Reuters: Lukoil’s Largest Refinery Shut Down Following a Drone Attack – LIGA.net: https://biz.liga.net/en/energy/news/reuters-lukoils-largest-refinery-shut-down-following-a-drone-attack
- Ukraine Strikes Electronics Plant in Voronezh, Killing At Least 5 – The Moscow Times: https://www.themoscowtimes.com/2026/06/22/ukraine-strikes-electronics-plant-in-voronezh-a93069
- Ukraine Hits Critical Russian Semiconductor Plant Supplying Missile Production Lines – SOFX: https://www.sofx.com/ukraine-hits-critical-russian-semiconductor-plant-supplying-missile-production-lines/
- Trump told Zelenskyy he was impressed by Ukraine’s battlefield results, FT reports – Euromaidan Press: https://euromaidanpress.com/2026/06/24/trump-told-zelenskyy-he-was-impressed-by-ukraines-battlefield-results-ft-reports/
- U.S. Intelligence Helps Ukraine Strike Russian Energy Infrastructure – FT / The Moscow Times: https://www.themoscowtimes.com/2025/10/12/us-intelligence-helps-ukraine-strike-russian-energy-infrastructure-ft-a90789
- Trump Reportedly Backs Tougher Russia Energy Sanctions After Ukraine’s Deep Strikes – United24 Media: https://united24media.com/world/trump-reportedly-backs-tougher-russia-energy-sanctions-after-ukraines-deep-strikes-20106
- Ukraine’s SBU to wage 40-day pressure campaign against Russia, Zelensky says – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/ukraines-sbu-to-wage-40-day-pressure-campaign-against-russia-zelensky-says/
- Zelenskyy Orders 40-Day Campaign to Influence Russia to End War – Bloomberg: https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-06-26/zelenskyy-orders-40-day-campaign-to-influence-russia-to-end-war
- Commission disburses the first €3.2 billion instalment to Ukraine under the €90 billion Ukraine Support Loan – Europäische Kommission: https://enlargement.ec.europa.eu/news/commission-disburses-first-eur32-billion-instalment-ukraine-under-eur90-billion-ukraine-support-loan-2026-06-25_en
- Ukraine gets €3.2 billion from EU support loan, von der Leyen says – Euronews: https://www.euronews.com/my-europe/2026/06/25/von-der-leyen-announces-first-payment-to-ukraine-under-90-billion-loan
- ‚A week will be enough‘ — Zelensky issues ultimatum to Lukashenko over drone-guidance equipment – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/a-week-will-be-enough-zelensky-issues-ultimatum-to-lukashenko-over-drone-guidance-equipment/
- Belarus halts equipment used to guide Russian strikes, Zelensky says – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/belarus-halts-equipment-used-to-guide-russian-strikes-zelensky-says-after-ukraines-ultimatum/
- Zelensky doubles down on ultimatum to Russian ally – RT: https://www.rt.com/news/641947-zelensky-belarus-lukashenko-ultimatum/
- Selenskyj droht Belarus: Russland schlägt Alarm und stellt sich hinter Lukaschenko – Berliner Zeitung: https://www.berliner-zeitung.de/article/selenskyj-belarus-ultimatum-drohnen-putin-lukaschenko-10123492
- Chernihiv Oblast border villages ordered to evacuate – The New Voice of Ukraine: https://english.nv.ua/nation/chernihiv-oblast-border-villages-ordered-to-evacuate-50619035.html
- Ukraine signals possible shift in approach at UN Security Council, Melnyk warns „our patience is not endless“ – Ukrainska Pravda: https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/06/23/8040643/
- The Russia-Ukraine War Report Card, June 24, 2026 – Russia Matters: https://www.russiamatters.org/news/russia-ukraine-war-report-card/russia-ukraine-war-report-card-june-24-2026
- Russian Offensive Campaign Assessment, June 21, 2026 – Institute for the Study of War / Critical Threats: https://www.criticalthreats.org/analysis/russian-offensive-campaign-assessment-june-21-2026
- Ukraine reportedly launches dozens of drones towards Moscow, mayor claims (26. Juni) – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/moscow-june-26/
- Crimea now ‚zone of constant losses‘ SBU says, after strikes on Russian air defenses, military airfields – Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/crimea-power-plant-reportedly-struck-by-ukrainian-drones-as-peninsula-faces-outages/
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