Upddate-Meldung * Aktualisiert: 24. Juni 2026 – Aufbauend auf meinem Update vom 21. Juni 2026
von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 24.06.2026
3.045 Wörter * 16 Minuten Lesezeit



TICKER
BÜRGENSTOCK-GESPRÄCHE BEGINNEN – IRAN VERLÄSST DEN TISCH NACH TRUMP-DROHUNGEN Am 21. Juni trafen die Delegationen der USA und Irans erstmals seit Unterzeichnung des Memorandums auf höchster Ebene zusammen – im Bürgenstock-Resort über dem Vierwaldstättersee, vermittelt von Katar und Pakistan. Während US-Vizepräsident JD Vance das Treffen noch als historisch bezeichnete, fuhr US-Präsident Donald Trump per Fox-News-Telefonat dazwischen: Wenn Iran die Straße von Hormus schließe, werde es „kein Land mehr haben“. Nach Angaben der Agentur Tasnim legte die iranische Delegation Protest ein und verließ vorübergehend den Verhandlungsort; nach iranischer Lesart gilt bereits die Drohung als Verstoß gegen das Memorandum, das beide Seiten auf den Verzicht auf Angriffe und Drohungen verpflichtet. Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf hielt dem entgegen, die Amerikaner befänden sich nicht in ihrer jetzigen Lage, wenn solche Drohungen tatsächlich Wirkung zeigten. Die Delegation kehrte noch in derselben Nacht an den Tisch zurück; ein an den Gesprächen beteiligter US-Diplomat erklärte gegenüber Reuters, die Iraner seien nie abgereist und hätten bis tief in die Nacht weiterverhandelt.
TRUMP DROHT MIT VERNICHTUNG UND HORMUS-ÜBERNAHME – WÄHREND ISRAEL DIE WAFFENRUHE BRICHT Trump verlangte auf Truth Social, Iran müsse seine „hoch bezahlten Stellvertreter“ im Libanon unverzüglich stoppen – andernfalls werde man Iran „erneut sehr hart treffen“. Gegenüber Fox News stellte er zusätzlich eine militärische Übernahme der Straße von Hormus in den Raum, samt einer von den USA erhobenen Durchfahrtsgebühr von 20 Prozent des durchfließenden Öls; die Rolle der USA beschrieb er als die eines „Schutzengels“ der Region. Die Konstruktion verdient die genaue Betrachtung: Die Hisbollah feuert als Reaktion auf israelische Angriffe, die ihrerseits gegen die vereinbarte Waffenruhe verstoßen – das Memorandum sieht ein Ende der Kampfhandlungen ausdrücklich „an allen Fronten, auch im Libanon“ vor. Trump adressiert die iranische Seite der Eskalationskette und lässt die israelische unerwähnt.
GESPRÄCHE FORTGESETZT – 60-TAGE-FAHRPLAN UND VIER ARBEITSGRUPPEN VEREINBART Nach rund 18-stündigen Verhandlungen meldeten Katar und Pakistan am frühen Montagmorgen „ermutigende Fortschritte“. Vereinbart wurden ein Fahrplan, der binnen 60 Tagen zu einem endgültigen Abkommen führen soll, sowie vier Arbeitsgruppen zu Sanktionen, Atomprogramm, Wiederaufbau und Umsetzung. Hinzu kommen ein Kommunikationskanal zur Vermeidung von Zwischenfällen in der Straße von Hormus und eine Dekonfliktionszelle für den Libanon. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi war auf ausdrücklichen Wunsch der iranischen Seite nicht zu den Gesprächen zugelassen – ein Detail, das die spätere Auseinandersetzung über Atominspektionen vorzeichnet.
USA LOCKERN ÖL-SANKTIONEN – SCHIFFSVERKEHR ZIEHT AN, BLEIBT ABER WEIT UNTER VORKRIEGSNIVEAU Washington gewährte Iran ab Montag eine befristete Ausnahme von den Öl- und damit verbundenen Wirtschaftssanktionen – Teheran darf während des Verhandlungszeitraums wieder Öl verkaufen und Zahlungen entgegennehmen. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler stieg der Schiffsverkehr durch die Meerenge auf bis zu 39 Passagen am Montag, nachdem Anfang Juni weniger als zehn Schiffe pro Tag gezählt worden waren. Vor Kriegsbeginn passierten täglich 100 bis 130 Schiffe die Straße. US-Energieminister Chris Wright erklärte, der Öltransport liege wieder auf „Vorkrisenniveau“, Trump sprach von einem Rekord – Kpler widerspricht beiden Darstellungen ausdrücklich. Die wichtigste Route gilt weiterhin als vermint; Schiffe weichen auf nördliche iranische und südliche omanische Gewässer aus.
VANCE BEHAUPTET IAEA-ZUSAGE – TEHERAN DEMENTIERT UMGEHEND Zum Abschluss der Gespräche erklärte Vance, Iran habe zugesagt, IAEA-Inspektoren wieder ins Land zu lassen; Gespräche könnten „schon heute“ beginnen. Irans Außenamtssprecher Esmail Baghai widersprach noch am selben Tag über die Agentur Irna: Iran habe in der Schweiz nicht über sein Atomprogramm verhandelt und keine neuen Verpflichtungen übernommen. Am Dienstag präzisierte Baghai, es gebe kein Treffen mit Grossi gegeben und kein Protokoll für Inspektionen der beschädigten Anlagen; Iran werde seine bestehenden Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag fortführen. Ob Inspektoren reisen, sei Gegenstand einer Arbeitsgruppe, die noch nicht einmal zusammengetreten sei.
TRUMP: IRAN HAT „BIS IN DIE UNENDLICHKEIT“ ZUGESTIMMT – TEHERAN: „FALSCHE AUSSAGEN“ Trump eskalierte den Widerspruch auf Truth Social. Iran habe „vollständig und komplett“ der höchsten Stufe an Atominspektionen „weit in die Zukunft hinein (Unendlichkeit!!!)“ zugestimmt, dies sichere „nukleare Ehrlichkeit“; hätte Iran nicht zugestimmt, gäbe es „keine weiteren Verhandlungen“. Dem iranischen Dementi hielt er „Proteste und falsche Aussagen“ entgegen. Irans UN-Botschafter in Genf, Ali Bahreini, blieb bei der Gegendarstellung. Präsident Masoud Pezeshkian schrieb auf X, Erklärungen, die über den vereinbarten Text hinausgingen, trügen nicht zum Fortschritt der Verhandlungen bei – eine in der diplomatischen Form gehaltene, in der Sache deutliche Zurückweisung der US-Darstellung.
IRAN TRENNT „KEINE ATOMWAFFE“ VON „KEINE ANREICHERUNG“ Pezeshkian bekräftigte, Iran sei bereit, verbindliche Zusicherungen gegen die Entwicklung von Atomwaffen zu geben. Zugleich stellte Teheran klar, dass es auf sein beanspruchtes Recht zur Urananreicherung für zivile Zwecke nicht verzichten werde. Damit prallen zwei Positionen aufeinander, die auf amerikanischer Seite bislang als deckungsgleich behandelt werden, es aber nicht sind: Der Verzicht auf die Bombe und der Verzicht auf die Anreicherung sind für Teheran zwei verschiedene Fragen. Diese Unterscheidung war bereits am ersten Verhandlungstag sichtbar und dürfte zu den härtesten Knoten der technischen Folgegespräche gehören.
GELDSTREIT: 12 MILLIARDEN DOLLAR FREIGEGEBEN – ABER WER ENTSCHEIDET ÜBER DIE VERWENDUNG? Ghalibaf erklärte, man habe sich auf die Freigabe von 12 Milliarden Dollar eingefrorener iranischer Vermögenswerte verständigt; nach Angaben des iranischen Zentralbankchefs betreffen die ersten sechs Milliarden ausstehende südkoreanische Zahlungen für frühere Öllieferungen. Vance hingegen beschrieb einen von den USA und Katar kontrollierten Treuhandmechanismus, über den die Gelder ausschließlich für US-Agrarprodukte – Soja, Mais, Weizen – verwendet werden dürften. Irans UN-Botschafter Bahreini wies das in Genf scharf zurück: „Iran ist das einzige Land, das darüber entscheidet, was mit seinen Vermögenswerten geschieht. Kein anderes Land hat das Recht, darauf Einfluss zu nehmen.“ Die Konstruktion – Geld wird freigegeben, darf aber nur im Land des Gegners ausgegeben werden – bleibt zwischen beiden Seiten ungelöst.

HORMUS: IRAN BEANSPRUCHT DIE VERWALTUNG – OMAN-PAKT UND GEBÜHREN, RUBIO WIDERSPRICHT Auf dem Rückflug aus der Schweiz erklärte Ghalibaf, die Straße von Hormus werde „niemals in den Zustand vor dem Krieg zurückkehren“, sondern künftig von der Islamischen Republik Iran verwaltet. Eine Aussage, die in keiner gemeinsamen Erklärung der Vermittler auftaucht. Wenig später unterzeichneten Iran und Oman in Maskat eine gemeinsame Erklärung: Eine Arbeitsgruppe beider Außenministerien soll die künftige Verwaltung der Schifffahrt sowie „Dienstleistungen und damit verbundene Kosten“ regeln; beide Staaten betonen ihre Souveränität und Hoheitsrechte über die Meerenge. US-Außenminister Marco Rubio konterte noch am selben Tag bei seiner Ankunft in Abu Dhabi: „Kein Land darf auf einer internationalen Wasserstraße Mautgebühren oder Abgaben erheben. Das ist geltendes Völkerrecht.“ Bislang verwaltet Oman das Durchfahrtssystem kostenfrei.
PEZESHKIAN IN PAKISTAN: DAS RAKETENPROGRAMM STEHT NICHT ZUR DISPOSITION Bei einer Pressekonferenz in Islamabad erklärte Pezeshkian, das ballistische Raketenprogramm sei nicht Bestandteil des 14-Punkte-Memorandums „und wird es auch niemals sein“. Ohne diese Raketen, so der Präsident, hätten Israel und die USA Iran „verwüstet“; sie seien essenziell für die Landesverteidigung. Der veröffentlichte MoU-Text enthält tatsächlich keine Raketenbeschränkungen – die einzige waffenbezogene Festlegung ist Irans Zusage, keine Atomwaffen zu beschaffen oder zu entwickeln. Die US-Seite behandelt das Raketenthema dennoch als möglichen künftigen Verhandlungsgegenstand. Für ein Verständnis, warum Teheran an seinem Raketenarsenal und seinen regionalen Verbündeten unverrückbar festhält, sei auf die frühere Iran-Insight-Analyse „Bodentruppen und das Doppelschloss“ verwiesen.
ISRAEL LEHNT RÜCKZUG AUS DEM SÜDLIBANON AB – HISBOLLAH KÜNDIGT REAKTIONEN AN Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, israelische Soldaten unterlägen keinen Einschränkungen, wenn sie eine Bedrohung feststellten; Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, die Streitkräfte würden so lange in der südlibanesischen Zone bleiben wie nötig. Das steht im direkten Gegensatz zur iranischen Position, die einen israelischen Rückzug zur Bedingung der Gesamtverhandlungen macht – und zum Memorandum selbst, das ein Ende der Kämpfe an allen Fronten vorsieht. Am Dienstag warf die Hisbollah Israel erneut einen Bruch der Waffenruhe vor; bei einem Vorfall nahe Nabatija wurden zwei Menschen getötet, die Israel als getarnte Hisbollah-Kämpfer, die Miliz dagegen als Zivilisten bezeichnete. Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem kündigte Reaktionen auf weitere Verstöße an. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Netanjahu zudem auf X einen Aufruf zum Aufbau einer von den USA unabhängigen Rüstungsindustrie: Man schätze die amerikanische Unterstützung, müsse sich aber aus der Abhängigkeit lösen und eigene Waffensysteme entwickeln. Nach SIPRI-Daten stammten 68 Prozent der israelischen Waffenimporte von 2021 bis 2025 aus den USA; das Land ist inzwischen selbst der siebtgrößte Waffenexporteur der Welt. Die Äußerung fällt mitten in eine Phase wachsender Spannungen mit Washington über einen Deal, den Israel weitgehend ablehnt.
US-SENAT VERABSCHIEDET WAR-POWERS-RESOLUTION MIT 50 ZU 48 STIMMEN Erstmals seit Inkrafttreten des War Powers Act hat eine entsprechende Resolution beide Kammern des Kongresses passiert. Der Senat stimmte am 23. Juni mit 50 zu 48 dafür, den Präsidenten zur Beendigung nicht autorisierter Kampfhandlungen gegen Iran anzuweisen. Vier Republikaner – Rand Paul, Susan Collins, Lisa Murkowski und Bill Cassidy – stimmten mit fast allen Demokraten; der Demokrat John Fetterman votierte dagegen, die Republikaner McConnell und McCormick fehlten. Das Weiße Haus betrachtet die Resolution als nicht bindend. Ungeachtet der umstrittenen Rechtswirkung steht damit ein formaler Auftrag des Kongresses an den Präsidenten – und der innenpolitische Druck auf Trump wächst.
PENTAGON FORDERT 80 MILLIARDEN DOLLAR ZUSÄTZLICH – ÜBERWIEGEND FÜR DEN IRAN-KRIEG Das US-Verteidigungsministerium informierte Abgeordnete und Senatoren über einen Zusatzbedarf von rund 80 Milliarden Dollar, überwiegend für die Kosten des Iran-Kriegs. Eine formelle Haushaltsvorlage des Weißen Hauses lag zunächst nicht vor; frühere Pentagon-Schätzungen waren niedriger ausgefallen. Die Forderung enthält nach den Berichten auch einzelne nicht unmittelbar kriegsbezogene Posten. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Die Regierung erklärt den Krieg für beendet und meldet zugleich einen Milliardenbedarf nach – ein Spannungsverhältnis, das der innenpolitischen Debatte zusätzliche Nahrung gibt.
RUBIO BEREIST DIE GOLFSTAATEN – SKEPSIS GEGENÜBER DEM DEAL WÄCHST Rubio besuchte ab Dienstag die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Bahrain, wo auch ein Treffen mit dem Golf-Kooperationsrat angesetzt war. Die Golfstaaten begrüßen die Feuerpause grundsätzlich, äußern jedoch Bedenken: die fehlende Begrenzung des iranischen Raketenprogramms, mögliche iranische Einnahmen und die ungeklärte Hormus-Regelung. VAE und Bahrain gehörten während des Krieges zu den am häufigsten von iranischen Angriffen getroffenen Staaten. Dass ausgerechnet Rubio – der sich in der öffentlichen Debatte über den Deal bislang auffällig zurückgehalten hat – ihn nun den regionalen Partnern erläutern soll, ist in Washington registriert worden.
CHAMENEI-BEGRÄBNIS FÜR 09. JULI ANGEKÜNDIGT – MODSCHTABA WEITER UNSICHTBAR Mehr als 130 Tage nach seinem Tod soll das frühere iranische Staatsoberhaupt Ali Chamenei am 09. Juli in seiner Geburtsstadt Maschhad beigesetzt werden, neben dem Mausoleum des achten schiitischen Imam Resa. Zuvor sind Trauerzeremonien in Teheran (4. und 5. Juli) und in der Pilgerstadt Ghom (6. Juli) vorgesehen; Vizepräsident Mohammed-Resa Aref erwartet Millionen Trauernde und rief insgesamt fünf Feiertage aus. Chamenei wurde Ende Februar bei einem israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz getötet. Sein Sohn und Nachfolger Modschtaba, der bei dem Angriff schwer verletzt wurde, ist seither nicht öffentlich aufgetreten – die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand bestehen fort.

ANALYSE
I. Der unterschriebene Dissens: Wie aus einem Memorandum zwei Lesarten wurden
Der zentrale Befund dieser Tage ist nicht der Fahrplan, sondern sein sofortiger Zerfall in zwei konkurrierende Darstellungen. Der Bürgenstock hat kein Abkommen hervorgebracht, sondern ein Verfahren: einen 60-Tage-Korridor, vier Arbeitsgruppen, zwei Kommunikationsmechanismen. Was als gemeinsame Grundlage gedacht war, zerfiel in dem Moment, in dem die Delegationen das Resort verließen. Vier Streitpunkte stehen unvereinbar nebeneinander. Bei den Atominspektionen behauptet Washington eine Zusage „bis in die Unendlichkeit“, die Teheran kategorisch bestreitet. Bei den freigegebenen Geldern beansprucht Washington die Kontrolle über die Verwendung, Teheran reklamiert die alleinige Verfügungsgewalt. Bei Hormus erklärt Iran die künftige Eigenverwaltung samt möglicher Gebühren, die USA berufen sich auf das Völkerrecht der internationalen Wasserstraße. Und bei den Raketen zieht Pezeshkian eine rote Linie, die im Text nicht steht, aber von Washington dennoch zur Verhandlungsmasse erklärt wird. Vier Fragen, vier diametrale Lesarten – und keine ist nach Aktenlage entscheidbar. Dem Voltaire-Prinzip folgend ist beide Möglichkeiten zu benennen: Die Widersprüche können bewusste Innenpolitik beider Seiten sein, die ihren jeweiligen Hardlinern einen Erfolg verkaufen müssen – oder Ausdruck eines real ungeklärten Verhandlungsstands, der vorschnell als Einigung verkauft wurde. Die Faktenlage trägt beide Deutungen.
II. Trumps Drohung und die ausgeblendete Hälfte der Eskalationskette
Trumps Sonntagsdrohung – Iran werde „kein Land mehr haben“ – ist mehr als rhetorische Routine; sie offenbart die strukturelle Asymmetrie der gesamten Konstruktion. Der Präsident adressiert die iranische Seite einer Eskalationskette und blendet die israelische systematisch aus. Die Reihenfolge ist dabei dokumentiert: Israel hält sich nicht an die Waffenruhe, greift im Südlibanon an, tötet Zivilisten; die Hisbollah reagiert; Trump droht dem Iran mit Vernichtung, weil dessen Verbündeter zurückschießt. Das Memorandum, das Trump selbst unterzeichnet hat, sieht ein Ende der Kämpfe ausdrücklich auch im Libanon vor – doch die Sanktionsandrohung richtet sich nur gegen eine der beiden Parteien, die es brechen. Hinzu kommt die Hormus-Episode mit derselben Logik: Dieselbe Durchfahrtsgebühr, die Trump dem Iran als völkerrechtswidrig untersagt, beansprucht er als „Schutzengel“ potenziell für die USA selbst. Wer hier nicht moralisiert, sondern nur die Struktur beschreibt, erkennt ein Muster: Die Regeln gelten für eine Seite. Der Befund lautet nicht Empörung, sondern Asymmetrie – und diese Asymmetrie ist der eigentliche Sprengsatz, den das 60-Tage-Fenster in sich trägt.
III. Die drei Linien, die Iran zieht – und warum sie zusammengehören
Atominspektionen, Anreicherung und Raketen werden in der westlichen Wahrnehmung gern zu einem einzigen „Atomstreit“ verschmolzen. Teheran trennt sie strikt, und in dieser Trennung liegt die eigentliche iranische Verhandlungsdoktrin. Erstens: Verzicht auf die Bombe – ja, das bietet Pezeshkian ausdrücklich an. Zweitens: Verzicht auf die zivile Anreicherung – nein, das beanspruchte Recht steht nicht zur Disposition. Drittens: das Raketenprogramm – existiert im Memorandum nicht und soll es nie. Diese drei Linien sind keine taktischen Einzelpositionen, sondern Ausdruck einer kohärenten Sicherheitslogik: Nach einem Krieg, der nach iranischer Justizangabe 3.519 Tote forderte und das Staatsoberhaupt das Leben kostete, betrachtet Teheran Anreicherung und Raketen als das Doppelschloss seiner Abschreckung. Dass der oberste Atominspektor Grossi auf iranischen Wunsch von den Gesprächen ausgeschlossen blieb, ist in diesem Licht kein Affront, sondern Methode: Iran verhandelt über Souveränität, nicht über Unterwerfung. Wer erwartet, dass Teheran in den technischen Folgegesprächen eine dieser Linien preisgibt, unterschätzt, wie tief sie in der nationalen Sicherheitsdoktrin verankert sind.
IV. Washington unter Druck von innen – der Deal ohne gesicherte Basis
Während Trump nach außen Stärke demonstriert, bröckelt die Grundlage im eigenen Land. Der Senat hat mit 50 zu 48 Stimmen erstmals eine War-Powers-Resolution durch beide Kammern gebracht – ein vor allem symbolischer, aber historisch beispielloser Akt, der dem Präsidenten formal aufträgt, die nicht autorisierten Kampfhandlungen zu beenden. Vier Republikaner brachen mit Trump; das ist weniger eine juristische als eine politische Information, denn sie misst die wachsende Erosion der Rückendeckung in der eigenen Partei. Parallel meldet das Pentagon einen Zusatzbedarf von rund 80 Milliarden Dollar – für einen Krieg, den die Regierung offiziell für beendet erklärt. Und mit Rubio schickt Washington ausgerechnet jenen Mann zu den skeptischen Golfstaaten, der sich öffentlich am deutlichsten vom Deal distanziert hat. Drei Signale, die zusammengenommen dasselbe zeigen: Das Memorandum ruht innenpolitisch auf keinem festen Fundament. Der demokratische Minderheitsführer Chuck Schumer ordnete die Senatsabstimmung als zehnten Anlauf ein, den Krieg zu stoppen, und sprach von einem der schwersten außenpolitischen Fehlgriffe in der amerikanischen Geschichte. Der im Raum stehende 300-Milliarden-Wiederaufbaufonds, die Sanktionsfreigaben und die Geldtransfers brauchen über kurz oder lang eine Kongressmehrheit, die der Präsident derzeit nicht sicher hat – zumal der Fonds nach den vorliegenden Berichten als privates Investitionsinstrument konstruiert ist, dessen Mittel erst nach einem endgültigen Abkommen fließen sollen. Die eigentliche Schwachstelle des Abkommens liegt damit nicht in Teheran, sondern in Washington. Sie wird in den kommenden 60 Tagen sichtbarer werden, je konkreter die finanziellen Zusagen werden, die der Präsident gegen den Widerstand der eigenen Partei durchsetzen müsste.
STRATEGISCHE EINORDNUNG
Binnen vier Tagen ist aus der Unterzeichnung des Memorandums ein Geflecht aus vier offenen Widersprüchen geworden – über Inspektionen, Gelder, Hormus und Raketen. Der Bürgenstock hat keinen Frieden gebracht, sondern einen Verhandlungskorridor von 60 Tagen, dessen Ausgang offener ist, als die Erfolgsmeldungen beider Seiten suggerieren. Die tatsächliche Gewalt dieser Tage fand erneut nicht zwischen Washington und Teheran statt, sondern im Südlibanon, wo eine Waffenruhe brüchig blieb und Israel jeden Rückzug verweigert. Während der Präsident dem Iran mit Vernichtung droht und gleichzeitig Inspektionszusagen verkündet, die Teheran bestreitet, wächst der innenpolitische Druck in Washington – durch einen Senatsbeschluss, eine Milliardenforderung des Pentagons und skeptische Verbündete am Golf. Was am Verhandlungstisch begann, steht damit unter dem doppelten Vorbehalt einer Front, die keine Unterzeichnerseite kontrolliert, und einer Heimatbasis, die der Präsident erst noch sichern muss.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
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Quellenverzeichnis
- ZDFheute, 22. Juni 2026 – Schweiz: Verhandlungen zwischen Iran und USA vorerst beendet: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/iran-usa-schweiz-gespraeche-arbeitsebene-kommunikationskanal-hormus-100.html
- Handelsblatt, 21. Juni 2026 – Iran-Konflikt: Verhandlungen in der Schweiz – Trump droht aus Washington: https://www.handelsblatt.com/politik/international/iran-konflikt-verhandlungen-in-der-schweiz-trump-droht-aus-washington/100234636.html
- news.de, 22. Juni 2026 – „Ihr werdet kein Land mehr haben“: Trump droht Iran mit Vernichtung und Hormus-Übernahme: https://www.news.de/politik/859743387/donald-trump-eskaliert-nach-iran-drohung-waehrend-fox-news-telefonat-trump-droht-mit-iran-vernichtung-und-uebernahme-der-strasse-von-hormus/1/
- SWI swissinfo.ch, 23. Juni 2026 – Iran widerspricht Vance: keine Einigung zu Atom-Inspektoren: https://www.swissinfo.ch/ger/iran-widerspricht-vance:-keine-einigung-zu-atom-inspektoren/91634506
- The New Republic, 23. Juni 2026 – Trump Spirals as Iran Exposes His Lies About the Deal (Truth-Social-Wortlaut „Infinity“): https://newrepublic.com/post/212200/trump-spirals-iran-exposes-lies-nuclear-deal
- The Times of Israel, 23. Juni 2026 – Contradicting Vance, Iran says no plans for IAEA inspections, asserts sovereignty at Hormuz: https://www.timesofisrael.com/contradicting-vance-iran-says-no-plans-for-iaea-inspections-of-damaged-nuclear-sites/
- Weltwoche, 23. Juni 2026 – Iran erhält Zugang zu eingefrorenem Milliardenvermögen und bekräftigt Führungsrolle in der Strasse von Hormus: https://weltwoche.ch/daily/nach-verhandlungen-in-der-schweiz-iran-erhaelt-zugang-zu-eingefrorenem-milliardenvermoegen-und-bekraeftigt-fuehrungsrolle-in-der-strasse-von-hormus/
- PR Newswire, 23. Juni 2026 – Gemeinsame Erklärung des Sultanats Oman und der Islamischen Republik Iran: https://www.prnewswire.com/news-releases/gemeinsame-erklarung-des-sultanats-oman-und-der-islamischen-republik-iran-302808097.html
- t-online, 24. Juni 2026 – Iran sieht Raketen nicht als Teil der Vereinbarung (Newsblog: Pezeshkian, Rubio, Kpler, Oman-Gebühren, Netanjahu): https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_101306700/krieg-in-nahost-iran-sieht-raketen-nicht-als-teil-der-vereinbarung.html
- The Tribune / ANI, 24. Juni 2026 – Iran’s missile programme not part of agreement with US: President Pezeshkian: https://www.tribuneindia.com/news/bilateral-relations/irans-missile-programme-not-part-of-agreement-with-us-president-pezeshkian
- taz, 23. Juni 2026 – Iran-Krieg: Hisbollah wirft Israel Verstoß gegen Waffenruhe im Libanon vor (Ghalibaf Hormus-Verwaltung, Wright/Kpler): https://taz.de/Iran-Krieg/!6189892/
- Berliner Zeitung, 23. Juni 2026 – Netanjahu fordert mehr eigene Rüstungssysteme (68 Prozent US-Importe, SIPRI): https://www.berliner-zeitung.de/article/unabhaengigkeit-von-us-waffen-netanjahu-fordert-mehr-eigene-ruestungssysteme-10126425
- Al Jazeera, 23. Juni 2026 – US Senate votes to pass Iran war powers resolution in blow to Trump (50:48, vier Republikaner, Schumer): https://www.aljazeera.com/news/2026/6/23/us-senate-votes-to-halt-iran-war-bucking-trump
- PBS News, 23. Juni 2026 – Senate for 1st time approves war powers resolution to halt Iran conflict: https://www.pbs.org/newshour/politics/senate-again-set-to-vote-on-war-powers-resolution-to-halt-iran-conflict
- Jüdische Allgemeine, 23. Juni 2026 – Rubio spricht mit Golfstaaten über Iran-Abkommen: https://www.juedische-allgemeine.de/politik/rubio-spricht-mit-golfstaaten-ueber-iran-abkommen/
- SWI swissinfo.ch, 23. Juni 2026 – Iran: Chameneis Beisetzung am 9. Juli in Maschhad: https://www.swissinfo.ch/ger/iran:-chameneis-beisetzung-am-9.-juli-in-maschhad/91637116
- Tagesspiegel, 23. Juni 2026 – US-Senat stimmt gegen Trumps eigenmächtige Iran-Kriegsführung (Pentagon-Mittel, Aoun, Libanon): https://www.tagesspiegel.de/internationales/liveblog/trotz-waffenstillstand-israel-fliegt-offenbar-mehrere-angriffe-im-suden-des-libanon-10586281.html
- Michael Hollister – Iran Insight: Bodentruppen und das Doppelschloss (29. März 2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/03/29/iran-insight-bodentruppen-und-das-doppelschloss/
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