Sechzehn Kriege im Schatten der Schlagzeilen

Während Ukraine, Gaza und Iran die Schlagzeilen beherrschen, eskalieren im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung mindestens sechzehn weitere Kriege und bewaffnete Konflikte. Vom Sudan über Myanmar und den Kongo bis nach Mexiko, Pakistan und zum Roten Meer zeigt dieses globale Lagebild, wie Rohstoffe, Handelswege, Staatszerfall und der Rückzug westlicher Ordnungsmacht eine neue Weltkarte der Gewalt entstehen lassen. Was wie eine Ansammlung regionaler Krisen erscheint, ist in Wahrheit das sichtbare Muster eines historischen Übergangs: von der unipolaren zur multipolaren Weltordnung.

von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 21.06.2026

6.098 Wörter * 38 Minuten Lesezeit

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Globales Lagebild Q2/2026

Fragt man heute nach den Kriegen dieser Welt, fallen zwei Namen: die Ukraine und Gaza. Mit etwas Nachdenken vielleicht noch Iran. Dann wird es still. Dabei registriert die Welt nach Daten des Konfliktbeobachters ACLED im Jahr 2025 mehr als 550 gewaltsame Vorfälle – pro Tag. Die Wahrnehmung von zwei, drei großen Kriegen ist keine Beschreibung der Wirklichkeit. Sie ist das Ergebnis einer Auswahl.

Dieses Lagebild macht die Auswahl rückgängig. Es klammert die beiden Konflikte aus, die ohnehin jeden Tag auf den Titelseiten stehen – die Ukraine und den israelisch-iranischen Komplex samt Gaza, Libanon und Jemen-Strang – und richtet den Blick auf das, was dahinter weiterläuft. Auf sechzehn aktive Kriege und Konfliktzonen, von denen die meisten gut dokumentiert sind und trotzdem politisch, medial und emotional unsichtbar gemacht wurden. Sie liegen in Afrika, Asien, Lateinamerika und an den Rändern zerfallender Staaten. Manche entscheiden über Rohstoffe, Seewege und Migrationsbewegungen. Andere zeigen, wie Staaten ihr Gewaltmonopol verlieren. Wieder andere markieren den Rückzug westlicher Ordnungsmacht und den Aufstieg neuer Akteure.

Die These dahinter ist einfach und unbequem zugleich: Die gleichzeitige Vielzahl dieser Kriege ist kein Zufall. Sie ist das sichtbare Muster eines Ordnungsübergangs – der Bruchlinie zwischen einer Welt, die jahrzehntelang von einer Macht geordnet wurde, und einer multipolaren Welt, deren Konturen sich erst herausbilden. Wer nur auf die zwei großen Kriege schaut, sieht die Schlagzeile. Wer die anderen sechzehn danebenlegt, sieht die Landkarte.

Wie diese Liste entstanden ist

Eine Zahl wie „sechzehn“ ist nur so viel wert wie das Kriterium dahinter. Dieses Lagebild folgt deshalb keiner Bauchentscheidung, sondern zwei etablierten Standards. Die akademische Definition liefert das Uppsala Conflict Data Program (UCDP): Ein bewaffneter Konflikt ist ein Austrag um Regierung oder Territorium, bei dem der Einsatz von Waffengewalt zwischen zwei Parteien – von denen mindestens eine die Regierung eines Staates ist – innerhalb eines Kalenderjahres mindestens 25 kampfbedingte Tote fordert. Bei 1.000 Toten und mehr pro Jahr spricht die Forschung von einem Krieg. Daneben erfasst Uppsala auch nicht-staatliche Konflikte zwischen zwei bewaffneten Gruppen ohne staatliche Beteiligung – die Kategorie, unter der sich Bandenkriege wie in Haiti, Ecuador oder Mexiko sauber einordnen lassen, ohne den Begriff zu dehnen.

Die Aktualität liefert ACLED, das Gewaltvorfälle weltweit nahezu in Echtzeit kartiert und seinen Konfliktindex jährlich im Dezember veröffentlicht. Für das Jahr 2025 führt der Index zehn Schauplätze in seiner höchsten Kategorie „extrem“ – neben dem israelisch-palästinensischen Komplex unter anderem Myanmar, Syrien, Mexiko, Nigeria, Ecuador, Haiti, Sudan und Pakistan, die fast alle in diesem Lagebild wiederkehren.

Aus diesen beiden Quellen ergibt sich die Auswahl. Aufgenommen wurde, was die Schwelle reißt und einen staatlichen oder quasi-staatlichen Akteur sowie eine grenzüberschreitende oder bürgerkriegsähnliche Dimension aufweist. Nicht aufgenommen wurden eingefrorene Konflikte ohne aktuelle Gefechte sowie isolierte Einzelvorfälle. Die Zahl ist damit kein vollständiges Weltkriegsregister – einige Herde liegen knapp unterhalb der Linie. Sie ist der belastbare Kern dessen, was gerade brennt.

Warum diese Kriege unsichtbar bleiben

Bevor die Konflikte einzeln vorgestellt werden, lohnt die analytische Vorfrage: Warum kennt sie kaum jemand, obwohl die Informationen vorliegen? Die Antwort ist keine zentrale Verschwörung, sondern ein Bündel aus Mechanismen, die zusammen umso wirksamer sind.

Der erste Mechanismus ist die Nachrichtenlogik. Redaktionen berichten nicht dort, wo objektiv das meiste Leid liegt, sondern wo Nähe, Bildverfügbarkeit und politische Anschlussfähigkeit zusammenkommen. Der israelisch-iranische Komplex ist für westliche Häuser sofort erzählbar: Atomfrage, Ölpreis, Washington, Tel Aviv, Teheran, Livebilder. Ein Bürgerkrieg in Myanmar mit über tausend bewaffneten Gruppen, ethnischen Armeen und Grenzökonomien lässt sich nicht in neunzig Sekunden pressen.

Der zweite Mechanismus ist der Zugang. In der Ukraine oder in Gaza existieren trotz aller Beschränkungen dauerhafte mediale Kanäle, Satellitenbilder und Pressebriefings. In Darfur, Nord-Kivu, im Kachin-Staat oder im Sahel ist Berichterstattung teuer, gefährlich und langsam, und viele internationale Häuser haben ihre Korrespondentennetze in Afrika und Asien ausgedünnt. Selbst reale Kriege erscheinen dann nur noch als Agenturmeldung.

Der dritte Mechanismus ist die Ermüdung des Publikums. Erhebungen zur Nachrichtennutzung dokumentieren, dass ein erheblicher Teil der Menschen Kriegsberichterstattung inzwischen aktiv meidet. Für Redaktionen ist das ein Signal, langsame und komplexe Konflikte zu verdrängen.

Der vierte Mechanismus wiegt am schwersten, weil er politisch ist. Konflikte besitzen unterschiedliche geopolitische Verwertbarkeit. Was westliche Ordnungspolitik legitimiert, wird groß: ein Aggressor, ein klares Feindbild, eine Anschlussfähigkeit an bestehende Erzählungen. Was westliche Ordnungspolitik blamiert, wird klein. Der Kongo würde Rohstoffketten und die Heuchelei der regelbasierten Ordnung sichtbar machen, der Sudan die Rolle eines engen Partners als Finanzier eines Völkermords, der Sahel das Scheitern der europäischen Sicherheitsarchitektur. Diese Konflikte werfen unbequeme Folgefragen auf: Wer liefert die Waffen? Wer kauft das Gold? Wer gilt offiziell als Stabilitätsanker und ist in Wahrheit Teil des Problems? Es gibt keinen institutionellen Anreiz, sie groß zu machen.

Der fünfte Mechanismus folgt daraus: Diese Kriege werden entpolitisiert. Über Sudan, Kongo oder Somalia wird meist erst gesprochen, wenn Hunger, Flucht oder Massaker es erzwingen – und dann als „humanitäre Katastrophe“, nicht als politischer Krieg mit Interessen, Geldflüssen und strategischen Zielen. Genau so verschwinden die Machtfragen aus dem Bild. Der Befund lautet deshalb nicht: Die Medien berichten nicht. Er lautet: Sie berichten so, dass der Zusammenhang verschwindet. Dieses Lagebild stellt ihn wieder her.

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Über den Autor

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.


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