von Michael Hollister
Veröffentlicht bei tkp.at am 10.04.2026
3.636 Wörter * 19 Minuten Lesezeit
Teil 1 finden Sie bitte hier:
Folgt dem Öl -Teil 1- Wie Washington Chinas Energieversorgung demontiert
Teil 2 finden Sie bitte hier:
Folgt dem Öl -Teil 2- Europa ohne Öl



1. Der Schutzschirm, der keiner war
Es galt jahrzehntelang als eisernes Gesetz der Golfpolitik: Wer amerikanische Militärbasen auf seinem Territorium duldet, ist unangreifbar. Kein rationaler Akteur greift ein Land an, in dem US-Soldaten stationiert sind – das Risiko wäre zu groß, die Konsequenzen unkalkulierbar. Dieses Gesetz war keine offizielle Doktrin. Es war eine kollektive Annahme, eingebettet in Jahrzehnte Erfahrung, bestätigt durch das Schweigen der Kanonen.
Der Iran hat dieses Gesetz gebrochen.
Seit dem 28. Februar 2026 beschießt die Islamische Republik systematisch Ziele in Bahrain, Katar, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten – Staaten, die zusammen acht permanente US-Militärbasen und mindestens elf weitere Vorwärtsstellungen beherbergen. Die Radarstation auf Muharraq in Bahrain kostete 1,3 Milliarden Dollar. Sie ist zerstört. In Katar dokumentierte das Außenministerium bis Mitte März 2026 acht separate Raketen- und Drohnenangriffe mit präzisen Koordinatenangaben, Schadenslisten und Opferzahlen – alles formal beim UN-Sicherheitsrat eingereicht, alles Teil einer rechtlichen Strategie, die beweist, wie ernst die Bedrohung genommen wird. Die Golfküste von Kuwait bis Abu Dhabi hat sich in eine permanente Abfangzone verwandelt, in der Patriot-Batterien und Abrams-Systeme im Dauerbetrieb laufen.
Für die Golfstaaten war das ein tektonischer Schock. Nicht weil die USA zu schwach sind – sondern weil der Iran eine andere Rechnung aufgemacht hat. Eine Rechnung, in der das Leben unter dem US-Schutzschirm nicht Sicherheit bedeutet, sondern Zielmarkierung.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist nicht taktischer Natur. Sie ist strategisch, und sie ist existenziell: Was passiert, wenn die USA ihre Ziele erreicht haben und gehen? Wer schützt die Golfstaaten dann – vor einem Iran, der massive Verluste erlitten hat, dessen Wirtschaft kollabiert, dessen IRGC aber intakt genug ist, um die nächste Generation von Offizieren zu prägen, die sich an diesen Krieg erinnern werden?
Das ist der Stoff, aus dem Teil 3 dieser Serie gemacht ist.
2. Die Logik des Unmöglichen – Irans Kalkül gegen Neutralität
Was zunächst wie strategische Irrationalität wirkt – ein Land, das gleichzeitig die USA, Israel und sechs Golfstaaten herausfordert – folgt einer präzisen Logik. Der Middle East Council on Global Affairs hat sie in seiner Policy Note vom 12. März 2026 klar beschrieben: Politische Neutralität wird in militärischen Kalkulationen zu dem, was die Analysten „unvollständige Neutralität“ nennen.
Das Konzept ist einfach. Die USA unterhalten ein dichtes Netz von Basen, Seestreitkräften und Geheimdienstinfrastruktur in der gesamten Golfregion – in Bahrain, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und den VAE. Diese Infrastruktur dient nicht nur der Abschreckung. Sie dient aktiv der Kriegsführung: Aufklärungsflüge starten von Al-Udeid, Logistik läuft über die Fünfte Flotte in Manama, elektronische Kriegsführung koordiniert aus Abu Dhabi. Kein GCC-Staat hat diese Basen für den Iran-Krieg freigegeben. Alle haben formell erklärt, ihr Territorium werde nicht für offensive Operationen genutzt.
Im iranischen Kalkül ist das irrelevant. Die Infrastruktur ist da. Die Flugzeuge starten von dort. Die Logistik läuft durch dort. Wer das auf seinem Boden duldet, ist – unabhängig von politischen Erklärungen – implizit Teil des Krieges. Die Targeting-Logik des IRGC folgt diesem Befund konsequent: Bahrain hostet die Fünfte Flotte, also wird Bahrain getroffen. Katar hostet Al-Udeid, also wird Katar getroffen. Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis für eine Entscheidung, die ihre Regierungen vor Jahren getroffen haben und heute nicht mehr rückgängig machen können.
Gleichzeitig verfolgt der Iran mit diesen Angriffen ein zweites Ziel: Spaltung. Wenn Bahrain brennt, während Oman vermittelt, wenn Katar diplomatische Kanäle nach Teheran offen hält, während die VAE sich an Washington anlehnen – dann bröckelt die GCC-Einheit. Dann beginnen einzelne Staaten, ihre eigene Überlebensstrategie zu verfolgen. Dann verlieren die USA den kohärenten regionalen Rückhalt, den sie für eine geordnete Endphase des Krieges brauchen.
Diese Strategie hat einen hohen Preis für den Iran: internationale Isolation, dokumentiert durch Resolution 2817 des UN-Sicherheitsrats vom 11. März 2026 – 135 Co-Sponsoren, die höchste Unterstützung in der Geschichte des Sicherheitsrats für eine einzelne Resolution, die Irans Angriffe als Verstoß gegen internationales Recht verurteilt. Selbst Pakistan und Indien haben co-gesponsort, trotz ihrer traditionellen Balancepolitik gegenüber Teheran. Russland und China haben sich enthalten, aber nicht vetiert – weil das politisch nicht durchhaltbar gewesen wäre angesichts der historischen Breite der Koalition.
Aber der IRGC hat diese Isolation eingepreist. Eine Organisation, die sich in einem Existenzkampf wähnt, akzeptiert internationale Ächtung als Preis des Überlebens. Resolution 2817 schützt keine einzige Radaranlage in Bahrain.
3. Kharg Island – Der Wendepunkt, den niemand ausspricht
90 Prozent der iranischen Ölexporte laufen über Kharg Island. Die Insel liegt 25 Kilometer vor der iranischen Küste im nördlichen Persischen Golf, ist 12 Kilometer lang, kaum 5 Kilometer breit – und konzentriert auf dieser minimalen Fläche die gesamte wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Islamischen Republik. Ohne Kharg kein Öl. Ohne Öl keine Einnahmen. Ohne Einnahmen kein Krieg, keine Subventionen, keine IRGC-Gehälter, kein staatliches Funktionieren.
Das ist kein neues Wissen. Im Tankerkrieg der 1980er Jahre wurde Kharg Island von irakischen Jets wiederholt angegriffen – 1984, 1985, 1986. Die Exportkapazität wurde zeitweise auf ein Viertel des Normalbetriebs reduziert. Iran exportierte trotzdem weiter, improvisierte Verladekapazitäten entlang der Küste, baute Shuttle-Systeme auf. Der Krieg dauerte acht Jahre und kostete über eine Million Menschenleben. Iran hat nicht kapituliert.
Heute ist die strategische Logik dieselbe, aber das Instrumentarium ist ein anderes.
Washington hat Kharg Island nicht aus dem Spiel erklärt. Offiziell. Es liegt offen. Und die Frage, die im Pentagon-Subtext mitschwingt, ist nicht ob Kharg Island getroffen wird – sondern welches Szenario Washington mehr nützt.
Szenario 1 – Einnahme: US-Streitkräfte besetzen Kharg Island. 90 Prozent des iranischen Ölexports – rund 1,5 bis 1,8 Millionen Barrel täglich, je nach Kriegsstand – wären unter amerikanischer Kontrolle. Iran verliert seinen wichtigsten Einnahmekanal, seine Fähigkeit den Krieg zu finanzieren, und langfristig seine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Trump hat in seiner Rede vom 01. April 2026 explizit gesagt, das iranische Öl sei „the easiest target of all“ – aber er habe es bewusst nicht getroffen, weil er den Iranern „not even a small chance of survival or rebuilding“ geben würde. Das ist keine humanitäre Zurückhaltung. Das ist Verhandlungsstrategie: Das Öl als Druckmittel zu erhalten, solange Gespräche laufen.
Szenario 2 – Zerstörung: Wenn keine Verhandlungslösung kommt, wird Kharg Island so beschädigt, dass Nutzung über Monate oder Jahre unmöglich ist. Nicht nur Lagertanks und Verladeinfrastruktur – sondern Pipelines, Pumpsysteme, die gesamte Logistikkette. Iran verliert seinen Geldbeutel auf Jahre. Das Ergebnis: ein Iran, dessen Bevölkerung unter wirtschaftlichem Kollaps leidet, dessen IRGC keine Gehälter mehr zahlen kann, dessen staatliche Legitimität erodiert – möglicherweise schneller als jede Bodenoffensive.
In beiden Szenarien ist das strategische Primärziel identisch: Iran als Bedrohung für Israel und als Akteur in der chinesischen Einkreisungsstrategie ausschalten. Nicht durch Regime-Wechsel – Trump hat am 01. April wörtlich gesagt: „Regime change was not our goal. We never said regime change.“ Sondern durch wirtschaftliche Lähmung, die jede offensive Handlungsfähigkeit auf Jahre eliminiert.
Für die Golfstaaten beginnt mit Kharg Island eine Rechnung, die Washington nicht bezahlen wird.
4. Die Spaltung, die Trump nicht erfunden, aber instrumentalisiert hat
Der Golf-Kooperationsrat war nie ein monolithischer Block. Die Fliehkräfte innerhalb des GCC haben tiefe historische Wurzeln – der Streit um Katar 2017 bis 2021, die unterschiedlichen Positionen zu den Abraham-Abkommen, die traditionelle Vermittlerrolle Omans, die eigenwillige Außenpolitik der VAE unter Mohammed bin Zayed. Diese Divergenzen wurden vor dem Krieg durch gemeinsame wirtschaftliche Interessen, die Sorge vor dem Iran und den US-Sicherheitsschirm zusammengehalten.
Der Iran-Krieg hat die Fliehkräfte exponentiell verstärkt.
Auf der einen Seite: Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. Bahrain hat 2020 die Abraham-Abkommen unterzeichnet und damit normalisierte Beziehungen zu Israel aufgebaut. Die VAE haben dasselbe getan, und Abu Dhabi hat seitdem militärische, technologische und nachrichtendienstliche Kooperation mit Israel entwickelt, die weit über symbolische Normalisierung hinausgeht. Beide beherbergen zentrale US-Militärbasen. Beide haben sich politisch am tiefsten an Washington ausgerichtet. Und beide bezahlen den höchsten direkten Preis: Sie sind die bevorzugten iranischen Ziele. Muharraq brennt. Die VAE absorbieren Drohnenangriffe, die über das Rote Meer und durch den Jemen kommen.
Auf der anderen Seite: Katar und Oman. Katar beherbergt Al-Udeid, den größten US-Luftwaffenstützpunkt im Nahen Osten – aber Doha hat gleichzeitig diplomatische Kanäle nach Teheran offen gehalten, die kein anderer GCC-Staat besitzt. Das ist keine Heuchelei. Das ist die rationale Überlebensstrategie eines kleinen Staates mit 2,8 Millionen Einwohnern, der zwischen Großmächten navigieren muss. Der qatarische Außenminister hat bis in den März 2026 hinein Vermittlergespräche geführt. Oman hat dieselbe Rolle gespielt, die es seit Jahrzehnten einnimmt: stiller Kanal zwischen Washington und Teheran, diskret, verlässlich, ohne öffentliche Positionierung.
Saudi-Arabien sitzt in der Mitte dieser Spaltung und schaut auf zwei Ziele gleichzeitig: einen geschwächten Iran und einen schnellen Frieden. Riad braucht beides. Die Vision 2030 von Kronprinz Mohammed bin Salman setzt auf wirtschaftliche Diversifizierung, ausländische Investitionen, Tourismus – alles Projekte, die instabile Energiemärkte und eine brennende Golfregion ruinieren. Ein geschwächter Iran ist für Saudi-Arabien strategisch erwünscht. Aber eine Straße von Hormuz, die monatelang eingeschränkt bleibt, ist es nicht. Saudi-Arabien exportiert sein Öl durch Hormuz. Kuwait ebenso. Die VAE ebenso.
Trump hat diese Spaltung nicht erzeugt. Aber er nutzt sie. Die öffentliche Rhetorik des Weißen Hauses – enger mit Bahrain und den VAE, distanzierter gegenüber Katars Doppelstrategie – sendet Signale, die innerhalb des GCC gehört werden. Rubio hat bei seinem Treffen mit den arabischen Außenministern explizit erklärt, das Kriegsziel sei kein Regime-Wechsel, aber die USA würden politische Veränderung in Iran begrüßen. Diese Nuancierung ist für die Golfstaaten wichtig: Sie trennt die Frage, was Washington jetzt will, von der Frage, was Washington nach dem Abzug erwartet.
Ein gespaltener GCC kann keine gemeinsame Verhandlungsposition gegenüber Washington entwickeln. Ein gespaltener GCC kann nach dem Krieg keine einheitliche Sicherheitsarchitektur aufbauen. Für Washington ist das kein Problem. Es vereinfacht.
5. Hormuz, Suez und die offizielle Übergabe der Verantwortung
Die Straße von Hormuz ist faktisch geschlossen. Der IRGC hat erklärt, keinen einzigen Liter Öl passieren zu lassen. Drohnen, Unterwasserfahrzeuge des Typs Azhdar und schnelle Angriffsboote patrouillieren die 54 Kilometer breite Passage. Tanker werden angegriffen, Versicherer verweigern Deckung, Reedereien umrouten. Rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen normalerweise durch diese Meerenge. Seit Ende Februar 2026 fließen sie größtenteils nicht mehr.
Trumps Reaktion auf diesen Zustand war aufschlussreich – nicht wegen dem, was er gesagt hat, sondern wegen dem, was er nicht gesagt hat.
In seiner Primetime-Rede vom 1. April 2026 aus dem Cross Hall des Weißen Hauses hat Trump die Hormuz-Frage explizit adressiert. Er hat erklärt, die USA würden die Meerenge nicht direkt schützen. Er hat die anderen Länder aufgefordert, das selbst zu tun: „Should have done it before. Should have done it with us, as we asked, go to the strait and just take it, protect it, use it for yourselves.“ Und dann der Satz, der als strategische Aussage verstanden werden muss: „Iran has been essentially decimated. The hard part is done, so it should be easy.“
Das ist keine Einladung zur multilateralen Kooperation. Das ist die offizielle Übergabe der Verantwortung. Washington hat seinen Teil erledigt. Der Rest ist das Problem der anderen.
Für die Golfstaaten bedeutet dieser Satz alles. Saudi-Arabien exportiert täglich rund 6 bis 7 Millionen Barrel Öl, von denen der Großteil durch Hormuz geht. Die Alternative – die East-West-Pipeline durch Saudi-Arabien zur Kapazität von rund 5 Millionen Barrel täglich und der ADCO-Hafen Fujairah in den VAE – hat begrenzte Kapazität und kann den Ausfall nicht vollständig kompensieren. Jeder Tag, an dem Hormuz geschlossen bleibt, kostet die Golfstaaten-Exportwirtschaft Milliarden. Nicht Washington – die Golfstaaten.
Die USA haben Venezuela. Sie haben 303 Milliarden Barrel nachgewiesene Reserven unter direkter amerikanischer Kontrolle seit dem 3. Januar 2026. Sie brauchen Golfstaaten-Öl nicht. Sie brauchen eine offene Straße von Hormuz nicht. Trump hat das in derselben Rede unverblümt gesagt: „We don’t need their oil. We don’t need anything they have.“
Parallel zur Hormuz-Frage hat der Iran die Drohung einer Suezkanal-Schließung mehrfach wiederholt. Das würde Europa treffen – das ohnehin bereits ohne russisches Gas und ohne iranisches Öl dasteht, wie Teil 2 dieser Serie dokumentiert hat. Eine Suez-Schließung wäre der letzte Schlag gegen eine europäische Wirtschaft, die sich strukturell in Abhängigkeit von US-Energieexporten befindet. Für Washington wäre das ebenfalls kein Problem. Ein geschwächter europäischer Konkurrent, der günstig amerikanisches Flüssiggas kauft, weil er keine Alternative hat – das ist kein Kollateralschaden der Trump-Strategie. Es ist ihr logisches Ergebnis.
6. Resolution 2817 – Diplomatischer Triumph mit strategischer Halbwertszeit
Inmitten dieser militärischen und geopolitischen Verwerfungen hat der GCC eine bemerkenswerte diplomatische Leistung erbracht. Bahrain hat am 11. März 2026 Resolution 2817 im Namen des GCC und Jordaniens im UN-Sicherheitsrat eingebracht. 135 Co-Sponsoren – mehr als je zuvor für eine Sicherheitsratsresolution, mehr als beim Ebola-Krisenpunkt 2014 mit 134. Russland und China haben sich enthalten, aber nicht vetiert. Die Resolution verurteilt Irans Angriffe als Verstoß gegen internationales Recht, benennt Hormuz als globale Sicherheitsfrage und legt die Grundlage für mögliche Kapitel-VII-Maßnahmen.
Das ist keine Kleinigkeit. Der GCC hat jahrelang diplomatisches Kapital aufgebaut – Beziehungen gepflegt, Investitionen getätigt, Positionen abgestimmt. In einer Krise hat sich das ausgezahlt. Selbst Pakistan und Indien haben co-gesponsort, trotz ihrer Balancepolitik. Das zeigt die reale wirtschaftliche und diplomatische Gravitation, die die Golfstaaten im internationalen System erzeugen.
Aber Resolution 2817 hat eine strategische Halbwertszeit.
Sie schützt keine einzige Raffinerie. Sie öffnet keine Handelsroute. Sie verhindert keinen US-Abzug. Und sie beantwortet die eigentliche Frage nicht: Was passiert, wenn die USA gegangen sind und Iran – geschwächt, wütend, mit nichts mehr zu verlieren – trotzdem noch da ist?
Der Middle East Council on Global Affairs beschreibt in seiner Analyse zur Sicherheitsarchitektur, was GCC-Regierungsvertreter im Krieg erfahren haben: Selbst ranghohe Diplomaten verbündeter Staaten erfuhren von Großoperationen durch Medienberichte, nicht durch offizielle Kanäle. Die Basen wurden genutzt. Die Territorien wurden exponiert. Die Entscheidungen wurden in Washington getroffen. Doha und Riad wurden informiert, nicht konsultiert.
Konsultation bedeutet: Ich frage dich, bevor ich entscheide. Information bedeutet: Ich sage dir, was ich entschieden habe.
Die Golfstaaten haben Information bekommen. Das ist kein Bündnis. Das ist Subkontrahierung.

7. Das Vakuum nach dem Abzug
Trump hat am 1. April 2026 erklärt, der Krieg sei „nearing completion“, noch zwei bis drei Wochen. Die Kosten: über 200 Milliarden US-Dollar seit Kriegsbeginn, rund eine Milliarde täglich. Der innenpolitische Druck steigt: Benzinpreise in den USA sind um über 30 Prozent gestiegen, die meisten Amerikaner lehnen den Krieg laut Umfragen ab, und die fiskalkonservative Fraktion der GOP fragt lauter werdend, wann das aufhört.
Rubios Statement bei Al Jazeera Ende März ist das deutlichste Abzugssignal: Die Kriegsziele können „in Wochen, nicht Monaten“ erreicht werden. Das Ziel sei nie Regime-Wechsel gewesen. Die USA würden politische Veränderung begrüßen, aber nicht erzwingen. Das Hormuz-Problem sollen andere lösen.
Was bleibt nach dem Abzug?
Ein Iran, dessen Marine laut CENTCOM zu 92 Prozent zerstört ist. Dessen Luftwaffe weitgehend eliminiert wurde. Dessen Raketenkapazitäten laut US-Angaben zu einem Drittel vernichtet sind – was bedeutet, dass zwei Drittel noch vorhanden sind. Dessen IRGC nach Einschätzung westlicher Geheimdienste und unabhängiger Analysten möglicherweise in einer stärkeren Position ist als vor dem Krieg, weil externe Bedrohungen interne Kohäsion erzeugen. Und dessen neue Führung – Mojtaba Chamenei als Nachfolger des getöteten Obersten Führers, Parlamentssprecher Ghalibaf als politischer Anker – als mindestens so hardline gilt wie ihre Vorgänger, wenn nicht härter.
PolitiFact hat die US-Behauptung, es habe Regime-Wechsel stattgefunden, als „Mostly False“ bewertet: Führungspersonen wurden getötet, aber die Regierungsstrukturen stehen. Der IRGC ist intakt. Die Ideologie hat sich nicht geändert.
Für die Golfstaaten bedeutet das: Sie wachen nach dem Krieg in einer Region auf, in der ein geschwächter, aber nicht besiegter Iran existiert – mit einer Generation von IRGC-Offizieren, die diesen Krieg persönlich erlebt haben, die wissen, welche Golfstaaten US-Basen beherbergt haben, und die keine Amnesie haben werden.
Gleichzeitig wird der US-Sicherheitsschirm, der diesen Krieg überbrückt hat, in seiner bisherigen Form nicht fortbestehen. Die Radarstation auf Muharraq kostet 1,3 Milliarden Dollar Ersatz. Weitere Schäden an US-Anlagen und GCC-Infrastruktur summieren sich. Die Frage, wer das bezahlt und ob die USA ihre Basen in vollem Umfang wiederaufbauen, ist offen. Trumps National Defense Strategy ist eindeutig: Die USA wollen ihre Ressourcen für den Indo-Pazifik – für die China-Eindämmung – konzentrieren. Panama wartet. Malakka wartet. Der nächste Akt des Plans, den Operation Pivot bereits im Februar 2026 beschrieben hat, ist nicht der Golf.
8. Die OPEC-Frage und die Grenzen der Kohärenz
Der GCC hat im Krieg eine bemerkenswert einheitliche Außendarstellung aufrechterhalten. Resolution 2817 ist der Beweis. Kein GCC-Staat ist öffentlich zu Iran übergelaufen. Kein GCC-Staat hat Washington öffentlich herausgefordert.
Aber Einheitlichkeit in der Außendarstellung ist nicht dasselbe wie strategische Kohärenz.
Saudi-Arabien und die VAE haben den höchsten wirtschaftlichen Preis für die Nähe zu Washington bezahlt: zerstörte Infrastruktur, gestiegene Versicherungskosten, verunsicherte Investoren, Ölexporte die nicht durch Hormuz können. Sie werden die Frage stellen – intern, ohne öffentliche Dramaturgie – was sie für diesen Preis bekommen haben. Der Iran ist geschwächt, aber nicht eliminiert. Hormuz ist nicht offen. Die US-Basen werden möglicherweise nicht vollständig wiederaufgebaut. Und die Abraham-Abkommen, auf die Bahrain und die VAE ihre Sicherheitsstrategie teilweise gestützt haben, sind durch einen Krieg belastet worden, der Israel und die USA als gemeinsame Streitkräfte in die Region gebracht hat – ohne dass die Golfstaaten an den Entscheidungen beteiligt waren.
Katar und Oman stehen nach dem Krieg anders da. Katar hat die diplomatischen Kanäle offen gehalten – zu Iran, zu Hamas, zu allen relevanten Akteuren. Das ist nach einem Krieg, der zu Verhandlungen führen muss, eine Ressource wert. Oman hat dieselbe Rolle gespielt. Diese beiden Staaten werden in der Nachkriegsordnung als Vermittler gebraucht – von allen Seiten.
Die OPEC-Kohärenz, die den Krieg überstanden hat, steht vor ihrer eigentlichen Bewährungsprobe erst danach. Wenn Fördermengen verhandelt werden, wenn Preise festgesetzt werden, wenn die Frage aufkommt, wie viel iranisches Öl nach dem Krieg wieder auf den Markt kommt – dann werden die unterschiedlichen Interessen innerhalb des GCC sichtbar werden. Saudi-Arabien braucht hohe Ölpreise für seine Haushaltsplanung. Die VAE haben ihre Wirtschaft breiter diversifiziert und sind flexibler. Kuwait und Bahrain haben engere Spielräume. Diese Divergenzen haben vor dem Krieg existiert. Nach dem Krieg, in einer Region mit zerstörter Sicherheitsarchitektur und einem geschwächten aber nicht verschwundenen Iran als permanenter Variable, werden sie schärfer.
9. Subkontrahierung statt Bündnis – Die eigentliche Rechnung
Das ist der Kern, den die mecouncil.org-Analysten umkreisen, ohne ihn direkt auszusprechen. Was die USA mit den Golfstaaten betreiben, ist kein Bündnis. Es ist Subkontrahierung.
Ein Bündnis bedeutet gemeinsame Ziele, gemeinsame Entscheidungen, gemeinsame Kosten, gemeinsame Gewinne. Es bedeutet, dass Bahrain und Katar an dem Tisch sitzen, an dem über die Zukunft ihrer Region entschieden wird. Es bedeutet Konsultation, bevor Bomber starten. Es bedeutet, dass ein Partner, der Infrastruktur und Territorium bereitstellt, auch Mitsprache über die Verwendung hat.
Das ist nicht passiert.
Subkontrahierung bedeutet: Du stellst die Infrastruktur bereit. Wir machen den Auftrag. Wenn der Auftrag erledigt ist, gehen wir. Die Rechnung bleibt bei dir.
Die National Security Strategy der USA vom November 2025 formuliert das ohne diplomatische Verbrämung: „We will not compensate for security gaps created by irresponsible decisions of allied leaders.“ Übersetzt: Wenn eure Infrastruktur zerstört ist, wenn eure Investoren verunsichert sind, wenn euer Verhältnis zu einem geschwächten, wütenden Iran für die nächste Generation belastet ist – das ist euer Problem. Ihr habt die Entscheidungen getroffen.
Dabei haben die Golfstaaten viele dieser Entscheidungen gar nicht getroffen. Sie wurden für sie getroffen – in den Jahrzehnten, in denen US-Basen zur selbstverständlichen Architektur der Golfregion wurden, in den Verträgen, die keine Ausstiegsklauseln für den Kriegsfall haben, in den Abraham-Abkommen, die Israel in ein regionales Sicherheitsnetz eingebunden haben, das jetzt im Krieg steht.
Die GCC-Analysten des Middle East Council fordern das, was logisch wäre: Stärkere interne Kohäsion, eigenständige Sicherheitsarchitektur, Diversifizierung der Sicherheitspartner – Türkei, Pakistan, NATO-Kooperationsrahmen. Das ist nicht falsch. Aber es ist die Antwort auf eine Frage, die sich die Golfstaaten hätten früher stellen müssen. Jetzt, nach dem Krieg, mit zerstörter Infrastruktur und einem Iran, der geschwächt aber nicht verschwunden ist, beginnt der Aufbau dieser Strukturen von einer deutlich schwächeren Ausgangsposition.
Das ist der eigentliche Preis des Krieges für die Golfstaaten. Nicht die Raketenschäden. Nicht die kurzfristigen Marktturbulenzen. Nicht die Versicherungskosten. Der eigentliche Preis ist, dass sie nach dem Krieg in einer Region aufwachen, deren Sicherheitsarchitektur fundamental erschüttert ist – mit einem permanenten Sicherheitsproblem, das Washington nicht lösen wird, weil Washington schon beim nächsten Problem ist.
Panama. Malakka. China.
Und wie bei Europa gilt, was Teil 2 dieser Serie als Fazit gezogen hat: Wer die Rechnung bezahlt, hat den Auftrag nicht erteilt.


Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellenverzeichnis
- Middle East Council on Global Affairs – Ibrahim Al-Sheikh: „To Protect Its Strategic Interests, the Gulf Must Form a More Cohesive Bloc“, 24.03.2026: https://mecouncil.org/blog_posts/to-protect-its-strategic-interests-the-gulf-must-form-a-more-cohesive-bloc/
- Middle East Council on Global Affairs – Abdulla Banndar Al-Etaibi: „How the Gulf States Can Navigate the Middle East’s New Alliance Politics“, 18.03.2026: https://mecouncil.org/blog_posts/how-the-gulf-states-can-navigate-the-middle-easts-new-alliance-politics/
- Middle East Council on Global Affairs – Khalid Al-Jaber: „Reframing the Gulf Regional Security Architecture“, 30.03.2026: https://mecouncil.org/blog_posts/reframing-the-gulf-regional-security-architecture/
- Middle East Council on Global Affairs – CJ Pine: „The Gulf’s Diplomatic Counterstrike at the UNSC“, 19.03.2026: https://mecouncil.org/blog_posts/the-gulfs-diplomatic-counterstrike-at-the-unsc/
- Middle East Council on Global Affairs – Policy Note: „The Limits of Neutrality for Gulf States in the U.S.–Israel–Iran War“, 12.03.2026 (als PDF vorliegend, direkte URL nicht abrufbar)
- Michael Hollister: „Operation Pivot“, 01.02.2026: https://www.michael-hollister.com/de/2026/02/01/operation-pivot/
- White House – National Security Strategy, November 2025: https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
- UN Security Council Resolution 2817, 11.03.2026: https://docs.un.org/en/s/res/2817(2026)
- Trump – Primetime-Rede zur Iran-Operation, 01.04.2026 – CNN: https://www.cnn.com/2026/04/01/world/live-news/iran-war-us-trump-oil
- Trump – „Regime change was not our goal“ – Time Magazine, 02.04.2026: https://time.com/article/2026/04/02/trump-speech-white-house-iran-war-update-end/
- Trump – „Nearing completion“, CNBC Live Updates, 01.04.2026: https://www.cnbc.com/2026/04/01/trump-address-nation-iran-live-updates.html
- Rubio – Statement zu Kriegszielen, State Department, 02.03.2026: https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/03/secretary-of-state-marco-rubio-remarks-to-press-6/
- Rubio – Al Jazeera-Interview, Kriegsziele und Hormuz, 30.03.2026: https://www.aljazeera.com/news/2026/3/30/the-war-in-iran-key-takeaways-from-al-jazeeras-interview-with-marco-rubio/
- PolitiFact – „Trump, Hegseth say US has accomplished regime change in Iran. Has it?“, 01.04.2026: https://www.politifact.com/factchecks/2026/apr/01/donald-trump/regime-change-iran-khamenei-hegseth/
- NBC News – „Despite Trump’s claims, there’s no indication Iran’s regime has lost power“, 01.04.2026: https://www.nbcnews.com/world/iran/trumps-claims-no-indication-irans-regime-lost-power-western-officials-rcna266318
- Times of Israel – „Trump says US will be leaving Iran very soon“, 01.04.2026: https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/trump-says-us-will-be-leaving-iran-very-soon-insists-regime-change-was-never-a-war-aim/
- White House – „President Trump’s Clear and Unchanging Objectives Drive Decisive Success Against Iranian Regime“, 01.04.2026: https://www.whitehouse.gov/releases/2026/04/president-trumps-clear-and-unchanging-objectives-drive-decisive-success-against-iranian-regime/
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