von Michael Hollister
Veröffentlicht bei tkp.at am 06.04.2026
2.874 Wörter * 15 Minuten Lesezeit
Teil 1 finden Sie bitte hier:
Folgt dem Öl -Teil 1- Wie Washington Chinas Energieversorgung demontiert



Wie der Westen sich selbst aus dem Spiel nahm – und wer davon profitiert
Am 1. April 2026 schrieb Donald Trump auf Truth Social: „All of those countries that can’t get fuel because of the Strait of Hormuz – I have a suggestion for you: Number one, buy from the US. We have plenty. And number two, build up some delayed courage, go to the Strait, and just TAKE IT.“ Und ergänzte: „The United States won’t be there to help you anymore.“
Dieser Satz ist kein Affront. Er ist keine Provokation. Er ist eine Zustandsbeschreibung – und Trump weiß das genau. Europa kann nicht. Weder kaufen, was es wirklich braucht, noch hin und holen, was es benötigt. Der erste Teil dieser Serie hat gezeigt, wie die US-Strategie China über Energieentzug einhegt – Venezuela, Iran, Panama als aufeinanderfolgende Schritte einer kohärenten Logik. Dieser zweite Teil zeigt, was mit dem anderen Ende dieser Strategie passiert ist: mit Europa.
Das Ergebnis ist klar. Ob es Plan oder Opportunismus war – das bleibt Aufgabe des Lesers zu beurteilen. Die Fakten sprechen für sich.
1. Der erste Schnitt: Nord Stream und das Ende der russischen Energiebrücke
Europa hat sich über Jahrzehnte auf russisches Erdgas als Rückgrat seiner Energieversorgung verlassen. Nicht aus Naivität, sondern aus ökonomischer Logik: russisches Gas war günstig, zuverlässig und über kurze Leitungswege lieferbar. Die Nord Stream Pipelines – Nord Stream 1 seit 2011 in Betrieb, Nord Stream 2 fertiggestellt aber nie kommerziell genutzt – waren die physische Verkörperung dieser Abhängigkeit. 55 Milliarden Kubikmeter Kapazität pro Jahr. Für Deutschland allein.
Im September 2022 wurden beide Pipelines gesprengt. Drei von vier Strängen zerstört, einer beschädigt. Es war der größte Angriff auf kritische Energieinfrastruktur in der Geschichte Europas in Friedenszeiten.
Wer es getan hat, ist juristisch nicht abschließend geklärt. Was dagegen klar ist: Das Ergebnis. Europa erhält kein russisches Gas mehr über diese Route. Und Russland, sanktioniert mit über 20 EU-Sanktionspaketen, hat seine Energieexporte konsequent nach Asien umgeleitet – nach China, Indien, in den Globalen Süden. Der Weg zurück ist politisch auf absehbare Zeit verbaut.
Die Konsequenzen für Europa sind messbar. Die Energiepreise explodierten 2022–2023 auf das Drei- bis Vierfache des Vorkriegsniveaus. Die Industrie – insbesondere die deutsche, die auf günstiger Energie als Wettbewerbsvorteil aufgebaut war – begann systematisch abzuwandern. BASF, der größte Chemiekonzern der Welt mit Stammsitz in Ludwigshafen, hat seine Produktion in China massiv ausgebaut. Was dort bleibt, ist zunehmend nur noch Verwaltung. Volkswagen schließt Werke in Deutschland. Die Chemieindustrie insgesamt – 45 Prozent des deutschen Industrieverbrauchs entfällt auf Erdgas – steht vor einer Standortfrage, die keine politische Rede beantwortet.
Energieversorgungsweg Ost: gekappt.
2. Der zweite Schnitt: Hormuz, Houthis und das Doppelschloss
Der erste Weg war Russland. Der zweite Weg war die Golfregion.
Seit dem 28. Februar 2026, dem Beginn der Operation Epic Fury, ist die Straße von Hormuz faktisch gesperrt. Rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels und 20 Prozent des globalen LNG-Handels passieren diese 33 Kilometer breite Meerenge an der Südküste Irans. Vor dem Krieg: täglich über 110 Schiffe. Heute: weniger als 10 – und die bezahlen dem iranischen IRGC bis zu 2 Millionen Dollar pro Durchfahrt in chinesischen Yuan.
Der zweite Engpass ist Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“ zwischen Jemen und dem Horn von Afrika – Eingang zum Roten Meer, Zugang zum Suezkanal. Rund 12 Prozent des weltweiten Seehandels laufen hier durch. Seit dem 28. März 2026 sind die Houthis aktiv in den Krieg eingetreten und haben Israel zweimal angegriffen. Die Drohung, auch Bab al-Mandab zu schließen, ist damit keine Theorie mehr, sondern ein aktivierter Mechanismus.
Hormuz und Bab al-Mandab sind keine benachbarten Engpässe. Sie sind aufeinanderfolgende Chokepoints auf derselben Energiearterie – der Route, die Golfstaaten-Öl nach Europa bringt. Wenn Hormuz blockiert ist, verlässt das Öl den Persischen Golf nicht. Wenn Bab al-Mandab blockiert ist, erreicht es das Mittelmeer nicht. Beide gleichzeitig: Die Route bricht von Ende zu Ende zusammen.
Für die Analyse der militärischen Dimension dieses Doppelschlosses und seiner Konsequenzen für mögliche US-Bodenoperationen: Iran Insight: Bodentruppen und das Doppelschloss
Für die nuklearen Risiken am dritten Chokepoint der Region: Iran Insight: Was passiert, wenn Buschehr brennt
Saudi-Arabiens East-West-Pipeline – 7 Millionen Barrel täglich Kapazität, umgeht Hormuz vollständig – läuft seit dem 28. Februar auf voller Last. Das ist kein Zufall. Das ist Krisenvorsorge, die Riad seit Jahren aufgebaut hat. Für Saudi-Arabien gibt es einen Ausweg. Für die Öltanker aus Kuwait, den VAE oder Katar gibt es ihn nicht.
Energieversorgungsweg Süd: gekappt.
3. Spanien – das einzige europäische Land, das es begriffen hat
Während Deutschland, Frankreich und Großbritannien sich in diplomatischen Formulierungen verloren, hat Spanien eine einfache Entscheidung getroffen: keine US-amerikanischen oder israelischen Militäroperationen von spanischem Boden aus.
Die Flughäfen wurden für entsprechende Operationen geschlossen. Die Ansage war klar und öffentlich.
Das Ergebnis: Iran hat Spanien freie Hormuz-Durchfahrt gewährt. Während der Rest Europas über steigende Energiepreise klagt, kauft Spanien golfstaatliches Öl.
Das ist kein Zufall. Das ist die iranische Umsetzung eines einfachen Prinzips: Wer nicht kämpft, wird nicht bestraft. Das ist gleichzeitig die praktische Widerlegung der These, Europa könne keine neutrale Position einnehmen. Spanien hat es getan. Es funktioniert.
Was sagt das über die anderen? Darüber möge der Leser urteilen.
4. Europas militärische Handlungsunfähigkeit – Zahlen statt Rhetorik
Trump sagt: „Go get your own oil.“ Was klingt wie eine Herausforderung, ist in Wirklichkeit eine Unmöglichkeit – und Trump weiß das.
Die Bundeswehr verfügt nach den Erkenntnissen eigener Analysen (Kriegstüchtig auf dem Papier, Siegfähig in der Planung) über Munition für zwei bis drei Tage intensiven Kampfes. Nicht Wochen. Nicht Monate. Tage. Die Luftwaffe kann mit ihren vorhandenen Raketen etwa vier Tage Luftkrieg führen, danach sind die Bestände erschöpft. Die Marine? Nach Angaben des Verteidigungsausschusses: rund fünf Tage Seegefecht, dann sind die Flugabwehrraketen leer – und es gibt keinen Nachschub, weil das Aufmunitionieren im Ausland aufgrund von Gefahrgutregeln nicht möglich ist. Die Fregatte kommt nach Deutschland zurück, munitioniert auf, fährt wieder runter. Das dauert Wochen.
Die Logistik: Eine Brigade benötigt täglich 125.000 Liter Kraftstoff. Neun NATO-fähige Brigaden erfordern rund 810 Tankfahrzeuge. Vorhanden: zwischen 100 und 120. 87 Prozent fehlen.
Die Artillerie: Bedarf bis 2031 an 155mm-Geschossen: 230.000 Stück. Vorrat: etwa 20.000. Fehlmenge: 91 Prozent. Im Ukraine-Krieg verschießt Russland täglich 10.000 bis 20.000 Granaten. Alle deutschen Vorräte würden für einen einzigen Tag reichen.
Die Kampferfahrung: Von 93.000 Afghanistan-Veteranen hatten maximal 1.300 bis 1.900 Soldaten echte Gefechtserfahrung – heute noch aktiv und einsatzfähig. Das sind ein bis zwei Prozent der Bundeswehr.
Und das nach der „Zeitenwende“, nach 100 Milliarden Sondervermögen, nach „Germany is back“. Fünf Patriot-Systeme wurden an die Ukraine abgegeben. Panzerhaubitzen, Leopard-Panzer, Munition – verschenkt, ohne Ersatz. Die 10. Panzerdivision wurde 2025 als „einsatzbereit“ deklariert, indem alle anderen Verbände kanibalisiert wurden. Außerhalb dieser einen Division liegt die Einsatzbereitschaft bei rund 50 Prozent.
Das Vereinigte Königreich und Frankreich sind besser aufgestellt – aber nicht so gut, dass ein erzwungenes Öffnen der Straße von Hormuz gegen den Willen Irans, der IRGC-Marine und ihrer Schnellboote, Drohnen und Anti-Schiff-Raketen eine realistische Option wäre. 22 Länder haben sich dem US-Koalitionsrahmen für Hormuz angeschlossen – darunter VAE, Bahrain, Kanada, Australien und mehrere europäische Staaten. Aber selbst diese Koalition hat die Meerenge nicht geöffnet.
Europa kann nicht hingehen und sich das Öl holen. Nicht militärisch. Nicht logistisch. Nicht politisch.
5. Die wirtschaftliche Auszehrung – drei Jahrzehnte in einem Satz
Die Energiekrise ist nicht der Beginn von Europas wirtschaftlicher Schwächung. Sie ist das vorläufige Ende eines langen Prozesses.
Deutschland war über Jahrzehnte das Rückgrat der europäischen Industrie – aufgebaut auf drei Säulen: günstige Energie aus Russland, freier Zugang zu Weltmärkten über offene Handelswege, und technologische Exportstärke in Automobil, Maschinenbau und Chemie. Alle drei Säulen stehen unter Druck.
Die Energiepreise sind seit 2022 strukturell höher als in den USA, China oder dem Nahen Osten. Die Folge: Standortverlagerungen. BASF Ludwigshafen wird zunehmend zur Verwaltungszentrale, während die Produktion in China expandiert. Volkswagen schließt Werke. Die Stahlindustrie kämpft ums Überleben. Thyssenkrupp, BASF, Bayer – alle unter massivem Kostendruck.
Die Ukraine-Unterstützung hat Europa zusätzlich belastet. Nicht nur durch direkte Militärhilfe, sondern durch die Sanktionen, die Europa ebenso getroffen haben wie Russland – wenn nicht mehr. Das russische BIP ist 2022 um rund 2 Prozent geschrumpft. Die europäische Industrie hat Energiepreisexplosionen, Lieferkettenprobleme und Nachfrageeinbrüche gleichzeitig verkraftet.
Und nun kommt der Golfschock on top: Ölpreis über 100 Dollar seit dem 28. Februar, Treibstoffpreise in Deutschland zeitweise auf Allzeithöchststand, EU-Energieminister in Krisensitzung.
Wer Energie hat, kann produzieren. Wer keine hat, kauft – oder schrumpft.

6. Die US-Seite der Gleichung – Öl als Staatsdoktrin
Während Europa seine Energieversorgung systematisch verloren hat, hat die USA unter Trump die ihre systematisch aufgebaut.
„Drill, baby, drill“ ist keine Parole. Es ist Staatsdoktrin. Die USA sind seit Jahren der weltgrößte Ölproduzent – über 13 Millionen Barrel täglich. Venezuela, einst Hochburg des staatlichen Ölnationalismus, steht nach der US-Operation Anfang 2026 faktisch unter US-Energiekontrolle – rund 4.000 Kilometer von den US-Häfen entfernt, deutlich näher als der Persische Golf. Lieferwege kurz, Transportkosten gering, Abhängigkeit vom mittleren Osten eliminiert.
Trump hat es am 1. April offen gesagt: „Iran has been essentially decimated. The hard part is done. Go get your own oil.“ Und: „Buy from the US. We have plenty.“
Das ist kein Zynismus. Das ist Angebot und Nachfrage. Europa braucht Öl. Die USA haben Öl. Europa kann es nirgendwo anders herbekommen – zumindest nicht ohne Risiko, nicht ohne Kosten, nicht ohne Abhängigkeit.
In einer freien Marktwirtschaft hätte die US-Industrie den europäischen Produktionsstandorten nie die Stirn bieten können. Günstige europäische Energie, hochentwickelte Infrastruktur, qualifizierte Arbeitskräfte – das war ein Wettbewerbsvorteil, der nicht leicht zu schlagen war. Wenn allerdings die Energiekosten in Europa auf das Drei- bis Vierfache steigen, während die USA günstigste eigene Energie haben, verschiebt sich das Gleichgewicht fundamental. Die US-Industrie bekommt eine Chance, die sie im fairen Wettbewerb nicht hätte.
Ob das kalkuliert war oder sich aus einer Abfolge von Entscheidungen ergeben hat – der Leser zieht seine Schlüsse. Das Ergebnis ist identisch.
7. Der strategische Rahmen – was Brzezinski, Mackinder und Ismay wussten
Diese Entwicklungen sind nicht ohne historischen Rahmen zu verstehen.
Zbigniew Brzezinski hat in „The Grand Chessboard“ (1997) explizit beschrieben, dass eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland – eine deutsch-russische Achse – die größte Bedrohung für amerikanische Hegemonie in Eurasien darstellen würde. Russland allein ist handelbar. Deutschland allein ist handelbar. Beide zusammen, mit russischen Rohstoffen und deutscher Technologie und Industriekapazität, wären eine Macht, die den geopolitischen Rahmen des 21. Jahrhunderts neu definieren könnte.
Halford Mackinder hat 1904 in seiner Heartland-Theorie formuliert: Wer Osteuropa beherrscht, beherrscht das Herzland. Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer die Weltinsel beherrscht, beherrscht die Welt. Die Ukraine ist, wenn man diese Karte betrachtet, kein zufälliger Konfliktherd. Sie ist geografisch ein Keil – der direkteste Landweg zwischen dem deutschen Wirtschaftsraum und dem russischen Ressourcenraum. Ein physischer Keil im wahrsten Sinne.
Ein dritter Baustein dieses Rahmens ist Syrien – weniger sichtbar, aber strategisch nicht minder bedeutsam. Chinas Belt and Road Initiative plant einen Landkorridor von Zentralasien über den Iran und Syrien ans Mittelmeer – eine Alternative zu den seegestützten Energierouten, die Iran und China verbindet. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 übernahm Hayat Tahrir al-Sham unter Ahmed al-Sharaa die Kontrolle über Syrien. Al-Sharaa stand bis 2023 auf der US-Terrorliste mit einem Kopfgeld von 10 Millionen Dollar. Heute ist er Syriens De-facto-Präsident. Ob das Zufall ist oder Ergebnis – der Landkorridor, den China und Iran gemeinsam entwickeln wollten, ist damit vorerst unterbrochen. Die Belt and Road Initiative verliert ihren westlichen Endpunkt. Auch das ist ein Ergebnis, das sich in eine kohärente Logik einfügt.
Lord Hastings Ismay, erster NATO-Generalsekretär, hat den Zweck des Bündnisses auf drei Formeln reduziert: „Keep the Americans in, the Russians out, the Germans down.“
Und dann, am 1. April 2026, geht Trump einen Schritt weiter. Im Interview mit The Telegraph sagt er, ein NATO-Austritt der USA sei „beyond reconsideration“ – also längst beschlossene Sache in seiner Gedankenwelt. Auf die direkte Frage ob er erwäge, die USA aus dem Bündnis zu ziehen: „Oh, absolutely, without question. Wouldn’t you do that if you were me?“ NATO sei ein „paper tiger“. „I was never swayed by NATO. I always knew they were a paper tiger, and Putin knows that too, by the way.“
Hintergrund: Europa hat die US-Militärflugzeuge für Operationen gegen Iran nicht durchgelassen. Spanien, aber auch andere Länder haben die Nutzung ihrer Basen verweigert. Trump reagiert mit der maximalen Drohung – dem Ende der Beistandsgarantie, die Europa seit 1949 als selbstverständlich betrachtet hat.
Ismay hätte es gewusst: „Keep the Americans in“ war immer die erste Bedingung. Wenn die erste Bedingung wegfällt, ist die Architektur des westlichen Sicherheitssystems offen.
Alle drei Ziele sind 2026 erfüllt. Die USA sind in Europa präsent wie seit Jahrzehnten nicht. Russland ist isoliert, sanktioniert und in einem Zermürbungskrieg gebunden. Und Deutschland? Deutschland diskutiert über Wehrpflicht, kann keine Artilleriegranaten kaufen, verliert seine Industrie – und erklärt auf dem FAZ-Kongress, „das ist nicht unser Krieg.“
Ob Brzezinski und Mackinder als Blaupause dienten oder ob sich die Geschichte einfach nach ihren eigenen Gesetzen bewegt – das Ergebnis entspricht der Theorie.
8. Merz, Rammstein und die Frage der Ehrlichkeit
Bundeskanzler Friedrich Merz hat in diesem Krieg eine Position eingenommen, die einer näheren Betrachtung standzuhalten hat.
Einerseits erklärt er: „Das ist nicht unser Krieg.“ Deutschland sei nicht Teil des Konflikts und wolle es nicht werden. Das ist eine legitime Position – sie hat nur einen Haken. Denn gleichzeitig operieren US-amerikanische Reaper-Drohnen von deutschem Boden aus. Ramstein Air Base, eines der wichtigsten US-Logistikzentren weltweit, ist in Deutschland. AFRICOM ist in Stuttgart. Die USA unterhalten über 40 Militäreinrichtungen auf deutschem Territorium.
„Das ist nicht unser Krieg“ und „von unserem Boden aus gestartet“ schließen sich logisch aus.
Merz hat auf dem FAZ-Kongress gesagt, was Trump im Iran tut, sei „eine massive Eskalation mit offenem Ausgang“ – richtig. Er hat bezweifelt, dass Regime-Change das Ziel sein kann – analytisch korrekt. Er hat gleichzeitig angedeutet, die Bundeswehr könnte nach dem Krieg bei der Minenräumung in Hormuz helfen – womit er implizit eine deutsche Rolle im Nachgang des Krieges akzeptiert, den er „nicht unser Krieg“ nennt.
Das ist keine politische Kritik. Das sind Widersprüche, die der Leser einordnen möge.
9. Das Gesamtbild – Europas Abgang von der geopolitischen Bühne
Wo steht Europa am 1. April 2026?
Energieversorgung Ost: weg. Energieversorgung Süd: weg. Militärische Handlungsfähigkeit: minimal. Industrielle Wettbewerbsfähigkeit: unter massivem Druck. Politische Geschlossenheit: Spanien macht sein Ding, die anderen streiten über gemeinsame Erklärungen.
Die einzige verbleibende Energieoption ist Import aus den USA. Das ist teurer als russisches Gas und teurer als Golf-Öl. Es bedeutet strukturelle Abhängigkeit von einem Partner, der gerade öffentlich erklärt hat: „The USA won’t be there to help you anymore.“
Europa ist nicht auf dem Abstellgleis gelandet. Es wurde dorthin geführt – durch eine Abfolge von Entscheidungen, deren Ergebnis heute sichtbar ist: Nord-Stream-Sprengung, Russland-Sanktionen, Ukraine-Militärhilfe bis zur Selbstentleerung, Hormuz-Schließung durch den Iran-Krieg. Ob diese Abfolge koordiniert war oder ob jedes Glied unabhängig entstand – das Resultat ist eine europäische Wirtschaft ohne günstige Energieversorgung, eine europäische Armee ohne Kampffähigkeit, und eine europäische Politik ohne strategischen Kompass.
Wer profitiert? Die USA haben Öl zu verkaufen, Märkte zu erschließen und eine Industrie, die plötzlich konkurrenzfähig ist. China kauft iranisches und russisches Öl zu Discountpreisen – abgeschirmt vom Dollar-System, in Yuan abgewickelt. Russland hat seine Energieexporte nach Asien umgeleitet und kämpft in der Ukraine mit europäischem Geld und amerikanischer Munition, aber ohne europäische Truppen gegenüber.
Europa zahlt die Rechnung. Und kauft das Öl der USA.
Ausblick: Teil 3 – Die Golfstaaten zwischen den Fronten
Was mit Europa passiert ist, passiert mit den Golfstaaten in einem anderen Register. Sie sind nicht auf dem Abstellgleis – sie sind der Kampfplatz. Bahrain, Katar, Kuwait, die VAE: bombardiert, unter Druck gesetzt, zwischen US-Sicherheitsgarantien und iranischen Drohungen. Und intern gespalten: Saudi-Arabien und die VAE wollen den Krieg beendet sehen – aber Iran geschwächt. Katar und Oman wollen Diplomatie, so schnell wie möglich.
Trump hat durch den Krieg einen Keil in die Golfregion getrieben, der die OPEC-Kohärenz gefährdet und die regionale Sicherheitsarchitektur fundamental neu schreibt.
Das ist der Stoff für Teil 3.


Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellen
[1] Zbigniew Brzezinski – The Grand Chessboard (1997), Basic Books
[2] Halford Mackinder – The Geographical Pivot of History (1904), The Geographical Journal
[3] Lord Hastings Ismay – NATO-Gründungsdoktrinen, zitiert in: Timothy Garton Ash, Free World (2004)
[4] Michael Hollister – „Siegfähig“: Eine Realsatire in 7 Akten (2025): https://www.michael-hollister.com/de/2025/12/28/siegfaehig/
[5] Michael Hollister – Kriegstüchtig auf dem Papier, Siegfähig in der Planung (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/01/04/kriegstuechtig-auf-dem-papier-siegfaehig-in-der-planung/
[6] Michael Hollister – Iran Insight: Bodentruppen und das Doppelschloss (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/03/29/iran-insight-bodentruppen-und-das-doppelschloss/
[7] Michael Hollister – Iran Insight: Was passiert, wenn Buschehr brennt (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/03/29/iran-insight-kommentar-was-passiert-wenn-bushehr-brennt/
[8] Al Jazeera – Trump tells allies „get your own oil“ (01.04.2026): https://www.aljazeera.com/news/2026/4/1/trump-tells-allies-get-your-own-oil-says-iran-war-could-end-in-2-3-weeks
[9] NBC News – Iran’s Tehran toll booth, Hormuz (29.03.2026): https://www.nbcnews.com/world/iran/irans-tehran-toll-booth-forces-tankers-pay-millions-leave-strait-hormu-rcna265258
[10] Bloomberg – Saudi Pipeline to Bypass Hormuz Hits 7 Million Barrel Goal (28.03.2026): https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-03-28/saudi-pipeline-that-bypasses-hormuz-hits-7-million-barrel-goal
[11] Tagesspiegel – Merz wirft Trump „massive Eskalation“ vor (28.03.2026): https://www.tagesspiegel.de/internationales/liveblog/verhaltnis-wird-konfrontativer-merz-wirft-trump-massive-eskalation-im-iran-krieg-vor-10586281.html
[12] IISS Military Balance 2024 – Bundeswehr Einsatzbereitschaft: https://www.iiss.org
[13] Augen geradeaus! – Munition Bundeswehr: https://augengeradeaus.net/2024/01/munition-fuer-die-bundeswehr-wie-viel-fehlt-und-was-kostet-das/
[14] Defence Network – Marine Munitionsversorgung: https://defence-network.com/unzureichende-munition-nicht-nur-in-der-bundeswehr/
[15] Michael Hollister – Follow the Oil Teil 1 (24.03.2026): https://tkp.at/2026/03/24/folgt-dem-oel-wie-washington-chinas-energieversorgung-demontiert
[16] The Telegraph – Trump interview: I am strongly considering pulling out of NATO (01.04.2026), via Reuters: https://www.investing.com/news/world-news/trump-says-us-strongly-considering-nato-exit-telegraph-newspaper-says-4592267
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