Atlantic Council: Das Schachbrett der Meinungsmacher

Außenpolitische „Expertise“ in Washington ist kein neutraler Raum - sie ist ein Markt. Millionen aus Golfstaaten und Rüstungskonzernen fließen in Denkfabriken, die gleichzeitig Kriege analysieren, legitimieren und vorbereiten. Dieser Artikel zeigt anhand konkreter Fälle und Daten, wie Einfluss funktioniert, ohne je offen ausgesprochen zu werden - und warum „unabhängige Analyse“ oft genau das nicht ist.

von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 22.03.2026

1.804 Wörter * 10 Minuten Lesezeit

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Wer Amerika denkt – und wer dafür zahlt

Im Januar 2023 erschien auf CNBC ein Gastbeitrag von Fred Kempe, Präsident und CEO des Atlantic Council, einer der einflussreichsten außenpolitischen Denkfabriken Washingtons. Kempe lobte die Vereinigten Arabischen Emirate als vorbildliches Gastgeberland für den UN-Klimagipfel COP28, nannte den Ölminister Sultan Al-Jaber eine „ideale Wahl“ für die Leitung der Konferenz und feierte Abu Dhabis „utopischen“ Plan zur Bekämpfung des Klimawandels. Was Kempe in seinem Artikel nicht erwähnte: Die VAE hatten im Vorjahr über eine Million Dollar an seinen Think Tank gespendet. Die Abu Dhabi National Oil Company – also Al-Jabers eigenes Unternehmen – war Hauptsponsor der jährlichen Energiekonferenz des Atlantic Council.

Die Redaktion von CNBC bemerkte den Interessenkonflikt erst, als die Washington Free Beacon nachfragte – und fügte nachträglich einen langen Hinweis ein, der den „offensichtlichen Interessenkonflikt“ benannte, der „nicht offengelegt“ worden war. Kempe entschuldigte sich für die fehlende Transparenz. Das Atlantic Council bezeichnete es als „Versehen.“

Es war kein Versehen. Es war das System.

Was der Tracker zeigt

Am 16. März 2026, wenige Wochen nach Beginn des US-israelischen Krieges gegen Iran, veröffentlichte das Quincy Institute for Responsible Statecraft die aktualisierte Version seines Think Tank Funding Trackers – der ersten öffentlich zugänglichen, systematischen Datenbank zur Finanzierung der 75 wichtigsten US-Außenpolitik-Denkfabriken. Die Zahlen sind ernüchternd.

Im Jahr 2024 erhielten diese Think Tanks über 25 Millionen Dollar von ausländischen Regierungen und über 7 Millionen Dollar von Pentagon-Auftragnehmern. Beide Zahlen sind konservative Schätzungen: Rund 40 Prozent der erfassten Think Tanks veröffentlichen überhaupt keine Spenderlisten. Was der Tracker sieht, ist die sichtbare Oberfläche eines noch größeren Flusses.

Seit 2019 flossen über 110 Millionen Dollar von ausländischen Regierungen an die Top-50-Denkfabriken. Der größte ausländische Geldgeber in diesem Zeitraum war kein westlicher Verbündeter, sondern die Vereinigten Arabischen Emirate: Seit 2019 flossen von den VAE mindestens 16,7 Millionen Dollar an die Top-50-Denkfabriken insgesamt – davon der größte Einzelbetrag an den Atlantic Council. Rechnet man frühere Jahre zurück, hat allein der Atlantic Council seit 2014 mehr als 20 Millionen Dollar aus dem Emirat erhalten. Unter den Pentagon-Auftragnehmern führen Northrop Grumman mit 5,6 Millionen Dollar, Lockheed Martin mit 2,6 Millionen Dollar und Saab mit 2,1 Millionen Dollar – gemessen an den Gesamtzahlungen seit 2019. Der Atlantic Council erhielt von Pentagon-Auftragnehmern und ausländischen Regierungen zusammen mindestens 48,8 Millionen Dollar – mehr als jede andere Denkfabrik im Tracker.

Für das Quincy Institute ist der zeitliche Zusammenhang kein Zufall: Der Tracker wurde veröffentlicht, um zu erklären, warum so viele dieser Institutionen vor dem Angriff auf Iran für militärische Optionen geworben hatten.

Eine Fallstudie: Atlantic Council und die Vereinigten Arabischen Emirate

Die Beziehung zwischen dem Atlantic Council und den VAE ist das am besten dokumentierte Beispiel dafür, wie dieses System in der Praxis funktioniert – nicht weil sie die extremste ist, sondern weil sie am häufigsten öffentlich sichtbar wurde.

Die VAE zahlen seit mindestens 2014 jährlich an den Atlantic Council. Zwischen 2014 und 2018 summierte sich die Unterstützung allein durch Botschaft, Außenministerium und die staatliche Ölgesellschaft ADNOC auf mindestens 4 Millionen Dollar, laut einer Analyse des Center for International Policy. Seitdem ist der Geldzufluss nicht abgerissen – der Tracker dokumentiert für jedes verfügbare Jahr einen weiteren VAE-Beitrag in der Größenordnung von einer Million Dollar oder mehr.

Was hat der Atlantic Council dafür geliefert? Die direkte Kausalität lässt sich nicht beweisen – so arbeiten diese Systeme nicht. Verträge über Meinungen werden nicht geschlossen. Was sich belegen lässt, ist der Output.

Seit der Unterzeichnung der Abraham Accords im Jahr 2020 produzierte der Atlantic Council eine kontinuierliche Analyse-Pipeline, die die VAE-Israel-Normalisierung als strategischen Gewinn für die Region und die USA darstellte. Berichte empfahlen dem Kongress, die Abkommen zu stärken, die VAE als verlässlichen Partner zu behandeln und das Format auf weitere Staaten auszuweiten. Eine dieser Studien wurde 2021 in einer formellen trilateralen Partnerschaft veröffentlicht – zwischen dem Atlantic Council, dem Emirates Policy Center in Abu Dhabi und dem Institute for National Security Studies in Tel Aviv. Eine institutionalisierte Zusammenarbeit, finanziert von denselben Emiraten, über die berichtet wurde.

Der CNBC-Artikel von CEO Kempe ist der Fall, der erwischt wurde. Die Häufung wohlwollender Analysen ist das breitere Muster. Doch es gibt noch konkretere Belege.

Geleakte E-Mails, über die der Intercept und das Center for International Policy berichteten, zeigen: Der damalige Leiter des Brent Scowcroft Center on International Security im Atlantic Council räumte gegenüber dem VAE-Botschafter Yousef Al Otaiba ein, dass Donoren die Möglichkeit hatten, Berichte vor der Veröffentlichung zu kommentieren. Al Otaiba nutzte diesen Kanal für einen Atlantic Council-Bericht über die US-Politik gegenüber Iran. Einige seiner Anmerkungen flossen ein. Die Hauptargumentationslinie des Berichts blieb erhalten – aber die Einflussnahme fand statt. Und sie war vertraglich abgesichert durch die Partnerschaft.

Der CNAS-Drohnenfall: Wenn der Zusammenhang explizit wird

Einige Fälle sind weniger ambivalent. 2016 zahlten die VAE 250.000 Dollar an das Center for a New American Security (CNAS), eine weitere Denkfabrik mit engen Verbindungen zu Pentagon und State Department. Die Zahlung war zweckgebunden: für eine Studie über das Missile Technology Control Regime (MTCR), einem internationalen Abkommen, das den Export bestimmter Waffentechnologien – darunter bewaffnete Drohnen – einschränkt. Die VAE wollten in dieses Regime aufgenommen werden, um Zugang zu US-Kampfdrohnen zu erhalten.

Der Auftrag an CNAS: eine Analyse der Kosten und Vorteile einer VAE-Mitgliedschaft im MTCR. Die damalige CNAS-Chefin Michèle Flournoy schrieb dem UAE-Botschafter: „Yousef: Hier ist der CNAS-Vorschlag für ein Projekt, das die potenziellen Vorteile und Kosten der VAE-Mitgliedschaft im MTCR analysiert, wie besprochen. Bitte teilen Sie uns mit, ob das Ihren Vorstellungen entspricht.“ Als der Bericht fertig war, schrieb Al Otaiba zurück: „Ich denke, er wird helfen, die Debatte in die richtige Richtung zu lenken.“

Im August 2020 genehmigten die USA den Verkauf bewaffneter Drohnen an die VAE.

Das ist kein Zufall, keine Korrelation. Das ist der dokumentierte Ablauf: Bezahlen, beauftragen, liefern, profitieren.

Rüstung plus Golfstaaten: Zwei Finanzierungsquellen, ein Ergebnis

Die Geldgeber-Struktur des atlantischen Sicherheitsestablishments folgt einer doppelten Logik. Auf der einen Seite stehen die Golfstaaten – VAE, Saudi-Arabien, Katar –, die jährlich Millionen in Washingtons Think Tanks pumpen. Auf der anderen Seite stehen die US-Rüstungskonzerne: Northrop Grumman allein im Jahr 2024 mit 1,1 Millionen Dollar, gefolgt von MITRE Corporation, Saab und Lockheed Martin.

Diese beiden Finanzierungsströme mögen unterschiedliche Quellen haben – sie verfolgen komplementäre Ziele. Die Golfstaaten wollen Legitimität in Washington, wohlwollende Außenpolitikanalysen, Zugang zu Waffentechnologie und eine Gegendarstellung zur Kritik an ihren Menschenrechtspraktiken. Die Rüstungskonzerne wollen Verteidigungsbudgets, Waffenverkäufe in die Region und die intellektuelle Vorbereitung von Konflikten, die ihre Auftragsbücher füllen. Beide Interessen konvergieren im gleichen Output: Iran als Bedrohung, Militärlösungen als Antwort, Rüstungsausgaben als Notwendigkeit.

Kurz vor Beginn des Iran-Krieges veröffentlichte der Atlantic Council – finanziert von Northrop Grumman – einen Artikel eines „Gastforschers aus dem israelischen Sicherheitsapparat“ mit dem Titel: „Sechs Gründe warum Trump die Militäroption in Iran wählen sollte.“ Dieser Text ist nicht verschwunden. Er ist Teil des Archivs, das dem Kongress als Referenz dient, wenn Think-Tank-Experten als unabhängige Zeugen geladen werden.

Das strukturelle Problem: Kein Gesetz verbietet es

Das vielleicht Verstörende an diesem System ist nicht, dass es im Verborgenen operiert. Es operiert öffentlich, weil es legal ist.

In den Vereinigten Staaten gibt es keine Offenlegungspflicht für Think Tanks bezüglich ihrer Geldgeber. Der Foreign Agents Registration Act (FARA) gilt für direkte Lobbyarbeit, nicht für akademische Forschung und Politikempfehlungen. Eine außenpolitische Denkfabrik, die Millionen von einer ausländischen Regierung erhält und anschließend vor dem Kongress als „unabhängige Expertise“ zitiert wird, verstößt gegen kein Gesetz. Sie verletzt lediglich das, was man als intellektuelle Integrität bezeichnen könnte – aber das ist nirgendwo kodifiziert.

Das Ergebnis ist eine strukturelle Asymmetrie: Wer Geld hat, kann Argumente kaufen. Nicht in einem direkten, korrupten Sinne, sondern durch das subtilere Prinzip der institutionellen Abhängigkeit. Think Tanks, die von bestimmten Ländern oder Industrien finanziert werden, stellen keine kritischen Analysen über diese Geldgeber an. Sie produzieren auch keine grundsätzlich anderen Analysen – sie produzieren einfach nichts, was wehtun würde. Die Stille ist die Leistung.

In einer Al Jazeera-Dokumentarserie über die Rüstungsindustrie stellte die Journalistin Hind Hassan dem stellvertretendem Direktor des Atlantic Council, Mark Massa, die direkte Frage: „Wie können Sie sich von den Interessen der Waffenkonzerne lösen, wenn Geld von ihnen kommt?“ Massa schwieg laut dem Bericht von Responsible Statecraft zehn Sekunden. Dann sagte er: „Ich denke, Sie haben recht…, dass das viele kommentiert haben, die Beziehung… die Beziehung zwischen, wissen Sie, den Interessen, wir sehen das, wir sehen das, wissen Sie, wir sehen das oft.“

Kein Dementi. Keine Gegenargumentation. Ein zehn Sekunden langes Schweigen, das mehr sagte als jede Antwort.

Was das bedeutet

Dieser Artikel erhebt keinen Vorwurf gegen einzelne Analysten oder Forscher. Die meisten Menschen, die in diesen Institutionen arbeiten, sind kompetent und handeln in gutem Glauben. Das System braucht keine bewusste Korruption, um zu funktionieren. Es braucht nur Anreize – und die sind klar gesetzt.

Die entscheidende Frage ist eine andere: Wenn die Institution, die „unabhängige Expertise“ für außenpolitische Entscheidungen liefert, von denselben Akteuren finanziert wird, die von diesen Entscheidungen profitieren, was bedeutet dann noch das Wort „unabhängig“?

Der Quincy Think Tank Funding Tracker ist der erste öffentlich zugängliche Versuch, diese Frage mit Daten zu beantworten. Sein Erscheinen am 16. März 2026 – drei Wochen nach Beginn eines Krieges, für den viele dieser Institutionen jahrelang geworben haben – ist kein Zufall. Es ist eine Einladung zur Überprüfung.

Ergänzende Lektüre: Wie die intellektuelle Vorbereitung von Kriegen in der Praxis funktioniert, analysiert Michael Hollister im Interview mit Patrik Baab in seiner Analyse
Nichts ist so gut vorbereitet wie ein plötzlich ausbrechender Krieg

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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com, bei Substack unter https://michaelhollister.substack.comsowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Quellenverzeichnis

  1. Quincy Institute for Responsible Statecraft: Think Tank Funding Tracker – New Research, 16. März 2026 https://quincyinst.org/2026/03/16/new-research-think-tank-funding-tracker-provides-insight-into-cheerleading-of-iran-war/
  2. Think Tank Funding Tracker – Atlantic Council (Primärdatenbank) https://thinktankfundingtracker.org/think-tank/atlantic-council/
  3. Think Tank Funding Tracker – UAE (Primärdatenbank) https://thinktankfundingtracker.org/donor/united-arab-emirates/
  4. Quincy Institute: Big Ideas and Big Money – Think Tank Funding in America, April 2025 https://quincyinst.org/research/big-ideas-and-big-money-think-tank-funding-in-america/
  5. Washington Free Beacon: The UAE Has Donated Millions to the Atlantic Council. They Just Got a Glowing Op-Ed From the Think Tank’s Chief., 17. Januar 2023 https://freebeacon.com/national-security/the-uae-has-donated-millions-to-the-atlantic-council-they-just-got-a-glowing-op-ed-from-the-think-tanks-chief/
  6. Responsible Statecraft: Is the UAE buying silence at US think tanks?, August 2021 https://responsiblestatecraft.org/2021/08/10/is-the-uae-buying-silence-at-us-think-tanks/
  7. Responsible Statecraft – enthält Zitat aus Al Jazeera-Dokumentarserie : Weapons makers, foreign states lavish $32 million on US think tanks, März 2026 https://responsiblestatecraft.org/think-tank-funding-tracker/
  8. Inkstick Media: Think Tanks Under the (Foreign) Influence, August 2021 https://inkstickmedia.com/think-tanks-under-the-foreign-influence/
  9. INSS: The Atlantic Council, Emirates Policy Center, and INSS Announce Strategic Partnership to Advance UAE-Israel Relations, 2021 https://www.inss.org.il/think-tanks-cooperation/
  10. Atlantic Council / INSS: The Abraham Accords at Five, September 2025 https://www.atlanticcouncil.org/in-depth-research-reports/issue-brief/the-abraham-accords-at-five/

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