Venezuela: Breaking Democracy

Die militärische Entführung eines amtierenden Präsidenten, völkerrechtswidrige Seeblockaden und die offene Missachtung der UN-Charta markieren keinen Ausrutscher, sondern einen historischen Wendepunkt. Der Fall Venezuela zeigt: Die regelbasierte Weltordnung gilt nur noch für die Schwachen. Was hier geschieht, ist kein regionaler Konflikt, sondern ein Präzedenzfall mit globalen Folgen – für das Völkerrecht, für kleine Staaten und für die Zukunft internationaler Sicherheit.

Venezuelas Entführung und das Ende der regelbasierten Weltordnung

von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 18.01.2026

2.837 Wörter * 15 Minuten Lesezeit

I. Der Präzedenzfall – Warum Venezuela die Weltordnung erschüttert

Am 3. Januar 2026 bombardierten US-Streitkräfte Ziele in Caracas, setzten Spezialeinheiten ein und nahmen den amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores in Gewahrsam. Beide wurden in die USA überführt und sollen sich vor einem Bundesgericht in New York wegen Drogen- und Terrorismusvorwürfen verantworten. In den Tagen danach beschlagnahmten die USA fünf Öltanker mit venezolanischem Rohöl auf hoher See.

Diese Ereignisse markieren einen beispiellosen Bruch mit etablierten internationalen Normen – nicht nur eine direkte militärische Gewaltanwendung gegen einen souveränen Staat, sondern auch die gewaltsame Abführung seines Präsidenten. Sie werfen damit fundamentale Fragen auf über die Gültigkeit und Durchsetzungskraft des Völkerrechts im 21. Jahrhundert.

Dass dieser Schritt kommen würde, war absehbar. Bereits im Dezember 2025 hatten mehrere Think Tanks – darunter RAND und CSIS – „decapitation strikes“ gegen die venezolanische Führung als strategische Option benannt. Ein detaillierter Artikel vom 5. Dezember 2025 dokumentiert diese Empfehlungen und sagte die Intervention präzise voraus – einschließlich der Festnahme Maduros.

Die Grundfrage dieses Artikels lautet: Was bedeutet dieser Präzedenzfall für das internationale Recht, den Multilateralismus und die Fähigkeit multilateraler Institutionen wie der UNO, Normen durchzusetzen, wenn mächtige Staaten sie offen ignorieren?

Denn sollte ein Staat mit der global mächtigsten Militär- und Wirtschaftsgewalt – wie die USA – grundlegende völkerrechtliche Normen systematisch verletzen, ohne spürbare rechtliche oder politische Konsequenzen zu erfahren, dann steht nicht weniger auf dem Spiel als die Existenz einer internationalen Ordnung, die auf rechtsstaatlichen Prinzipien basiert und nicht auf dem Recht des Stärkeren.

II. Völkerrechtliche Bewertung – Ein kumulativer Bruch

Die militärische Intervention der USA in Venezuela, die Festnahme eines amtierenden Staatspräsidenten sowie die Beschlagnahmung mehrerer Handelstanker auf hoher See stellen keinen isolierten Regelverstoß dar. Es handelt sich vielmehr um einen kumulativen Bruch zentraler Normen des Völkerrechts, des internationalen Seerechts und der grundlegenden Trennung zwischen nationalem und internationalem Recht.

A. Gewaltverbot – Artikel 2 Absatz 4 UN-Charta

Das Herzstück der internationalen Nachkriegsordnung ist das allgemeine Gewaltverbot. Artikel 2 Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen verbietet jede Anwendung militärischer Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit eines Staates.

  • Der US-Militäreinsatz in Caracas (Luftschläge, Spezialeinheiten, bewaffnete Operationen) stellt eine klassische Anwendung militärischer Gewalt dar
  • Es lag kein Mandat des UN-Sicherheitsrates vor
  • Venezuela hatte keinen bewaffneten Angriff auf die USA verübt

Ergebnis: Ein klarer Verstoß gegen Art. 2 Abs. 4 UN-Charta.

B. Keine Rechtfertigung durch Selbstverteidigung

Artikel 51 der UN-Charta erlaubt militärische Gewalt ausschließlich im Falle eines bewaffneten Angriffs. Venezuela griff die USA nicht militärisch an. Vorwürfe wie Drogenhandel, Terrorismus oder Sanktionenumgehung stellen keinen bewaffneten Angriff dar. Selbst wenn strafrechtliche Vorwürfe zuträfen, rechtfertigen sie keine militärische Intervention.

Ergebnis: Die Berufung auf Art. 51 ist völkerrechtlich nicht haltbar.

C. Verletzung staatlicher Souveränität und Immunität

Die Festnahme eines amtierenden Präsidenten auf dem Territorium seines Staates verletzt mehrere Kernprinzipien zugleich: Souveränität des Staates Venezuela, politische Unabhängigkeit und den Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Ein amtierender Präsident genießt persönliche Immunität (immunity ratione personae). Diese Immunität gilt absolut, unabhängig von politischen oder strafrechtlichen Vorwürfen.

Ergebnis: Die Festnahme von Nicolás Maduro stellt einen schweren Bruch des Völkergewohnheitsrechts dar.

D. Verletzung des internationalen Seerechts (UNCLOS)

Nach der UN-Seerechtskonvention (UNCLOS) gilt auf hoher See exklusive Jurisdiktion des Flaggenstaates und Freiheit der Schifffahrt. Die Beschlagnahmung von fünf Öltankern erfolgte außerhalb territorialer US-Gewässer, ohne UN-Mandat und ohne Zustimmung der jeweiligen Flaggenstaaten.

UNCLOS erlaubt das Entern fremder Schiffe nur in eng begrenzten Fällen: Piraterie, Sklavenhandel, Staatenlosigkeit oder Notstand. Keiner dieser Tatbestände lag vor. Kategorien wie „sanktioniertes Öl“, „Schattenflotte“ oder „Umgehung von US-Recht“ sind keine Kategorien des internationalen Seerechts.

Ergebnis: Verstoß gegen die Freiheit der Meere und gegen Art. 87, 92 UNCLOS.

E. Extraterritoriale Anwendung nationalen Rechts

Die USA berufen sich auf OFAC-Sanktionsrecht, US-Gerichtsbeschlüsse und nationale Strafnormen. Diese Rechtsakte gelten nur im US-Rechtsraum, nicht automatisch international. Kein Staat ist verpflichtet, US-Innenrecht weltweit zu befolgen, sofern kein internationales Mandat existiert.

Ergebnis: Die globale Durchsetzung nationalen US-Rechts ist völkerrechtlich unzulässig.

Zwischenfazit: Die US-Maßnahmen verletzen gleichzeitig und kumulativ das Gewaltverbot der UN-Charta, die Souveränität Venezuelas, die persönliche Immunität eines Staatsoberhauptes, das internationale Seerecht und die Grenze zwischen nationalem und internationalem Recht. Dies ist kein Grenzfall, keine Grauzone, kein juristisches Missverständnis – sondern ein offener Bruch der bestehenden internationalen Rechtsordnung.

III. Die UNO – Debattierclub statt Durchsetzungsorgan

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Ereignisse forderten Russland und Venezuela eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. China, Kuba und Iran unterstützten diese Forderung und bezeichneten die Aktionen der USA als „völkerrechtswidrig“ und teils als „moderne Piraterie“. Der UN-Generalsekretär António Guterres äußerte „tiefe Besorgnis“ über die „Erosion internationaler Normen“.

Doch trotz dieser Reaktionen geschah das, was immer geschieht, wenn der Aggressor eine Vetomacht ist: Es folgte keine bindende Resolution. Kein Untersuchungsmandat. Keine Sanktion. Der Sicherheitsrat blieb praktisch handlungsunfähig – nicht, weil kein Unrecht erkannt wurde, sondern weil das Veto der USA jede konkrete Maßnahme im Keim erstickte.

Die UN-Charta verleiht den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates – USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich – ein permanentes Vetorecht. In der Realität wurde dies zu einem Instrument struktureller Paralyse: USA blockieren Maßnahmen gegen sich selbst, Russland blockiert Resolutionen zu Syrien oder Ukraine, China blockiert Maßnahmen zu Taiwan oder Xinjiang.

Das Ergebnis: Die UNO ist zunehmend das, was viele Beobachter als „symbolisches Weltparlament ohne Exekutivgewalt“ bezeichnen. Ein Ort, an dem das Unrecht benannt, aber nicht geahndet wird. Ein System, das zwar Regeln formuliert, aber keine verbindlichen Konsequenzen mehr erzeugt, wenn diese Regeln gebrochen werden – zumindest nicht durch die Mächtigen.

IV. Warum die USA das tun – Strategie, nicht Zufall

Die juristische Bewertung des US-Militäreinsatzes ergibt ein klares Bild: ein massiver Bruch des Völkerrechts. Doch rechtlich unzulässig heißt in der internationalen Politik noch lange nicht irrational. Hinter dem offensiven Vorgehen der USA stehen handfeste Interessen.

A. Kontrolle über Öl und Abschneiden Chinas

Venezuela besitzt mit geschätzten 303 Milliarden Barrel die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt – mehr als Saudi-Arabien. Unter Nicolás Maduro war Venezuela wirtschaftlich eng an China gebunden – rund 90% der venezolanischen Ölexporte gingen nach China, oft in Form von Rohstoffsicherheiten für Kredite. Die Exporte wurden zunehmend in Yuan, Tether oder im Tausch gegen Infrastruktur abgewickelt – außerhalb des Dollar-Systems.

China investierte in den letzten 15 Jahren rund 70 Milliarden USD in venezolanische Infrastrukturprojekte, Raffinerien und Telekommunikation. Wer Caracas kontrolliert, kontrolliert nicht nur Öl – sondern auch chinesisches Kapital.

B. Monroe-Doktrin 2.0 – Die Hemisphäre als Einflusszone

Die Monroe-Doktrin von 1823 besagt, dass jegliche Einmischung externer Mächte in die westliche Hemisphäre als feindlicher Akt gewertet wird. Was unter Obama und Bush noch rhetorisch beschworen wurde, erhielt unter Trump eine strategische Aufladung – oft inoffiziell als „Trump Corollary“ bezeichnet: Keine militärische Präsenz Russlands, Chinas oder Irans in Lateinamerika. Kein Zugang dieser Mächte zu Energieinfrastruktur, Seehäfen oder politischen Einflusszonen.

Venezuela war – nach Kuba – das letzte verbliebene Bollwerk gegen diese Hegemonieansprüche. Der Bruch mit Venezuela war mehr als ein Sanktionskonflikt. Caracas wurde zum Testfeld einer neuen amerikanischen Außenpolitik, die offen Souveränität anderer Staaten bricht, wenn dies als notwendig erachtet wird.

C. Think-Tank-Strategie: RAND, NSS und der Indo-Pazifik

Die US National Security Strategy 2025 stellt klar: „Der Indo-Pacific ist das Zentrum der weltpolitischen Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert.“ Die strategische Neuausrichtung auf den Indo-Pazifik ist dabei kein Zufall – sie folgt exakt den Empfehlungen der RAND Corporation, die in mehreren Studien eine aggressive Eindämmungsstrategie gegenüber China formuliert hat.

Mehrere RAND-Studien – insbesondere Extending Russia, China Containment 2030 und Tinking the Unthinkable – betonen: Die USA haben ein schrumpfendes Zeitfenster (2025–2033), um Chinas strategischen Aufstieg zu bremsen. Ziel ist ein multidimensionales Containment: finanziell, digital, militärisch, energiepolitisch.

Durch die Kontrolle über Caracas schneiden die USA China einen der wichtigsten Rohstoffpartner ab, verhindern den Aufbau alternativer Zahlungssysteme (Yuan, Tether, Gold-Swaps) und setzen ein Signal an alle, die sich zu sehr an China binden: Wer sich zu eng an China bindet, riskiert Intervention.

Wer diese Zusammenhänge im Detail verstehen will: Dieser Artikel über die RAND-NSS-Pipeline liefert eine umfassende Analyse der Think-Tank-zu-Policy-Verbindung.

Zwischenfazit: Die US-Operation gegen Venezuela war weder spontan, noch rein symbolisch, noch ausschließlich innenpolitisch motiviert. Sie war Teil einer umfassenden Neuaufstellung der amerikanischen Außenpolitik, die sich zunehmend von der regelbasierten Ordnung verabschiedet – und stattdessen auf strategische Präemption, militärische Erpressung und ökonomische Blockade setzt.

V. Neokolonialismus 2.0 – Venezuela als Modellfall

Die US-Militäraktion gegen Venezuela ist nicht nur ein geopolitischer Vorfall – sie ist Ausdruck eines strukturellen Paradigmenwechsels in der globalen Machtausübung. Was sich hier vollzieht, ist kein klassischer Kolonialismus mit Fahne und Generalgouverneur, sondern ein hochentwickeltes System von Abhängigkeit, Kontrolle und gezielter Destabilisierung unter dem Deckmantel von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten.

A. Neokolonialismus: Alte Kontrolle in neuer Verpackung

Neokolonialismus bezeichnet die indirekte Kontrolle eines souveränen Staates durch ökonomische, politische, finanzielle oder technologische Abhängigkeiten – ohne formale Besetzung. Das Entscheidende: Es ist die Form der Kontrolle, nicht ihr Anschein, die zählt.

Zentrale Merkmale:

  • Rohstoffausbeutung durch ausländische Konzerne bei gleichzeitiger Kapitalabwanderung
  • Währungsabhängigkeit durch US-Dollar- oder SWIFT-Zugänge
  • Strukturelle Verschuldung und „Hilfe gegen Bedingungen“-Programme (IWF, Weltbank)
  • Politische Erpressbarkeit durch Sanktionen, Visa-Politik, diplomatische Isolation
  • Mediale Kontrolle westlicher Narrative durch internationale Medien- und Plattformdominanz

Im Fall Venezuelas sind fast alle dieser Punkte erfüllt – trotz formaler Souveränität. Mit der Kontrolle über Venezuelas Ölexporte hat Washington einen direkten Hebel über Staatsfinanzen, Importfähigkeit und Inflationskontrolle. Die Blockade digitaler Zahlungssysteme (Tether, SWIFT, Ölexportkonten) zeigt, wie finanzielle Infrastruktur als geopolitische Waffe genutzt wird.

B. Neoprotektoratismus: Kontrolle ohne Verantwortung

Ein Neoprotektorat ist ein Staat, der nicht formell, aber faktisch unter ausländischer Verwaltung oder Schutz steht, ohne dabei rechtlich als Kolonie zu gelten. Formale Eigenstaatlichkeit bleibt erhalten, aber Exekutive, Finanzen oder Sicherheitsstrukturen werden maßgeblich von außen gesteuert. Entscheidungsfreiheit ist de facto aufgehoben.

Nach der militärischen Intervention beginnen amerikanische und europäische Akteure mit dem Aufbau eines neuen „demokratischen“ Venezuela: Wiederaufbaupläne mit IWF-Strukturprogrammen, Neuvergabe von Förderlizenzen an westliche Konzerne (Chevron, ExxonMobil, BP), Aufbau neuer Sicherheitsstrukturen mit Hilfe von USAID, Freedom House und NED.

All dies geschieht unter westlicher Kontrolle, mit lokalen Eliten als Erfüllungsgehilfen – eine prototypische Form des Neoprotektorats, das unter dem Deckmantel von Stabilität, Demokratie und Entwicklung agiert.

Fazit: Venezuela ist nicht Ziel – sondern Modellfall. Was hier funktioniert, wird später in Afrika, Südostasien, Zentralasien wiederholt werden.

VI. Kleinere Staaten im Großmachtspiel – Neutralität ist keine Option

Der US-Militäreinsatz gegen Venezuela wirkt wie ein Flächenbrand im sicherheitspolitischen Kalkül kleinerer Staaten: Wenn ein souveräner Staat durch eine Großmacht gewaltsam destabilisiert, sein Präsident entführt und seine Ressourcen beschlagnahmt werden – ohne internationale Konsequenzen – stellt sich für viele Länder die Frage: Bin ich der Nächste?

A. Beispiel Serbien – Aufrüstung als Signal

Serbien reagierte 2025/26 mit einer Verdopplung seines Militärbudgets – offiziell als Reaktion auf Spannungen im Kosovo. Doch hinter der Rhetorik steckt mehr: Wiederbewaffnung kleiner Staaten ist heute kein bloßer Regionalreflex, sondern Teil eines größeren geopolitischen Erwachens. Die militärische Stärkung bedeutet: Man will in Zukunft nicht mehr bloß Appelle an die UNO richten, sondern notfalls selbst verteidigen.

Souveränität muss wieder aktiv verteidigt werden – im Zweifel auch jenseits multilateraler Garantien.

B. Südostasien: Thailand, Malaysia und das stille Abwägen

Südostasien galt lange als geopolitisch stabilisierende Region – wirtschaftsorientiert, blockfrei, pragmatisch. Doch seit dem wachsenden Systemkonflikt USA–China und spätestens seit Venezuela ist das Kalkül neu. Staaten wie Thailand, Malaysia, Indonesien oder die Philippinen investieren zunehmend in ihre eigene strategische Autonomie: Modernisierung der Marine, Ausbau der Cyber- und Satellitenkapazitäten, geheimdienstliche Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren.

In Thailand wird das Projekt des Kra-Kanals wieder diskutiert – eine künstliche Seehandelsroute als Alternative zur US-kontrollierten Straße von Malakka. Der Kanal ist nicht nur ein ökonomisches Projekt, sondern ein Sicherheitsventil: „Wer die Routen kontrolliert, kontrolliert unsere Verwundbarkeit.“

In politischen Hinterzimmern stellen sich viele ASEAN-Staaten dieselbe Frage: „Was ist für uns gefährlicher – unter US-Einfluss zu stehen, oder chinesischer Satellit zu werden?“ Dabei ist keine Option wirklich souverän – die Angst ist groß, instrumentalisiert zu werden, z.B. als Frontstaat in einem künftigen US-China-Konflikt.

Ergebnis: Ein Trend zu gezielter Mehrgleisigkeit (Multi-Alignment) – weniger Idealismus, mehr strategische Elastizität.

C. Die Zeit der „Nicht-Blöcke“ ist vorbei

Staaten wie Brasilien, Indonesien, Saudi-Arabien oder Ägypten wägen ihre Optionen neu: Wo bekomme ich Schutz, wenn der Multilateralismus versagt? Wer garantiert mir Zugang zu Technologie, Kapital, Märkten – ohne mich zu entmündigen? Welcher Partner interveniert nicht in meine Innenpolitik?

Die BRICS+-Erweiterung, chinesische Sicherheitsgarantien für Pakistan oder Iran, und sogar türkisch-russische Militärabkommen zeigen: Ein neuer Sicherheitsarchitekturkrieg hat begonnen – nicht mehr nur NATO versus SCO, sondern ein Flickenteppich neuer, bilateraler Vereinbarungen.

In dieser multipolaren Welt alignen sich Staaten nicht mehr moralisch, sondern funktional: Wer garantiert meine Sicherheit, meine Lieferketten, mein Regimeüberleben?

Fazit: Der Fall Venezuela hat den letzten Schleier gelüftet: Wenn selbst ein rohstoffreiches Land mit Sitz in der UNO nicht sicher ist, ist niemand sicher. Kleine und mittlere Staaten betreten eine Ära, in der ihre Sicherheitsarchitektur nicht mehr auf UNO-Konventionen, sondern auf nationaler Resilienz, Infrastruktur-Resouveränisierung und strategischer Diversifikation basieren muss.

VII. Konsequenzen für die internationale Ordnung

Die Militäraktion gegen Venezuela ist nicht nur ein völkerrechtlicher Präzedenzfall – sie ist ein politischer Kipppunkt. Ein dominanter Akteur verletzt in aller Öffentlichkeit zentrale Normen des internationalen Rechts und bleibt vollkommen unbehelligt. Was sagt das über den Zustand der Weltordnung – und über ihre Zukunft?

A. Erosion der regelbasierten Ordnung

Das Völkerrecht wird nicht durch seine Buchstaben definiert, sondern durch seine Durchsetzbarkeit. Wenn Staaten wie die USA offensiv gegen die UN-Charta, das Seerecht und multilaterale Abkommen verstoßen – und keinerlei Konsequenzen spüren – dann zerfällt die Glaubwürdigkeit der regelbasierten Ordnung. Wenn das Gesetz nicht für alle gleichermaßen gilt, dann ist es kein Gesetz – sondern bloß eine Maske für Macht.

Das Prinzip der Staatensouveränität – einst unantastbar – wird zur Verhandlungsmasse. Militärische Interventionen, extraterritoriale Sanktionen, Asset-Freeze-Maßnahmen auf hoher See: All das wird zur neuen „Normalität“ – solange sie vom richtigen Akteur ausgehen.

B. Der Weg hin zu neuen multilateralen Ordnungsmodellen

Staaten wie Russland, China, Indien, Iran und Brasilien bauen unter Hochdruck eigene Institutionen aus: BRICS Plus als ökonomisches Gegengewicht, SCO (Shanghai Cooperation Organisation) als sicherheitspolitische Plattform, neue multilaterale Abkommen, die den Dollar umgehen und politische Unabhängigkeit sichern sollen.

Weil die globale Ordnung nicht mehr als gerecht empfunden wird, orientieren sich viele Staaten neu: ASEAN, MERCOSUR, die Afrikanische Union und andere regionale Verbände gewinnen an Bedeutung. Ziel: Selbstschutz durch regionale Solidarität statt Abhängigkeit von Washington, Brüssel oder Peking.

Das neue geopolitische Paradoxon: Die Welt wird immer stärker vernetzt, aber immer weniger koordiniert. Der Zerfall der universalen Ordnung führt nicht zur neuen Einigkeit – sondern zu einem Pluriversum der Regeln: Wer stark ist, definiert das Recht. Wer schwach ist, sucht Schutz in alternativen Ordnungen.

VIII. Schluss – Die Jahrhundertfrage

Die Entführung eines amtierenden Präsidenten, die militärische Kontrolle eines ressourcenreichen Staates ohne UN-Mandat, die völkerrechtswidrige Beschlagnahmung von Schiffen auf hoher See – all das hat nicht nur Venezuela getroffen. Es hat das globale Machtgefüge selbst erschüttert.

Drei Szenarien zeichnen sich ab:

1. De-Eskalation durch Diplomatie: Einige Staaten – insbesondere in Europa, Afrika und Südostasien – werden versuchen, den Bruch nicht zum System werden zu lassen. Sie setzen auf diplomatische Verurteilungen, Verstärkung multilateraler Gremien, Rufe nach einer Reform des Sicherheitsrats. Problem: Diese Stimmen verhallen ungehört, solange keine Macht dahintersteht.

2. Weitere Stellvertreterkonflikte: Die wahrscheinlichere Variante. Venezuela ist kein Ausreißer, sondern ein Vorläufer. Die USA haben gezeigt, dass sie bereit sind, militärisch durchzuregieren, selbst gegen UN-Recht zu handeln, und dabei keine nennenswerte Gegenwehr fürchten müssen. Folge: Weitere militärische Interventionen werden normalisiert. Rivalen wie China und Russland werden beginnen, ihrerseits Schutzräume und Einflusssphären aktiv abzusichern – möglicherweise präventiv.

3. Neubewertung der globalen Sicherheitsarchitektur: Die dritte Möglichkeit – und vielleicht die einzige tragfähige – liegt in einer radikalen Neubewertung der Weltordnung durch jene Staaten, die weder Washington noch Peking oder Moskau heißen. Diese „Nicht-Hegemonialstaaten“ müssen sich entscheiden: Bleiben sie Spielball – oder werden sie Akteur? Konkret bedeutet das: Stärkung regionaler Zusammenschlüsse (ASEAN, CELAC, AU), Zugang zu alternativen Finanz- und Rechtssystemen (BRICS-Währung, multilaterale Schiedsgerichte), Schutz kritischer Infrastruktur durch eigene Sicherheitsabkommen.

Letzter Satz:

Venezuela war nicht das Ende einer Weltordnung – sondern ihr öffentlicher Zusammenbruch.

Jetzt entscheidet sich, ob daraus ein anarchisches „Jeder gegen jeden“ entsteht – oder ob die Staaten der Welt den Mut haben, eine neue, gerechtere Ordnung zu schaffen – jenseits von Monroe, Hegemonie und Gewalt.

Diese Analyse ist frei zugänglich – aber gute Recherchen kosten Zeit, Geld, Energie und Nerven. Unterstützen Sie mich, damit diese Arbeit weitergehen kann.

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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Quellenliste

Konflikt & juristische Bewertung

1. UN Security Council: United States action in Venezuela puts sovereignty and international law at stake

2. Brookings Institute: Making sense of the US military operation in Venezuela

3. Wikipedia: 2026 United States intervention in Venezuela

Völkerrecht & internationale Normen

4. UN News: Maduro seized, norms tested – Security Council divided

5. Security Council Report: Venezuela emergency meeting

6. UN Secretary-General: Power of law must prevail in Venezuela

Militärische Aktionen & Reaktionen

7. Reuters: Lavrov says US raid undermines world order

8. Wikipedia: International reactions to US intervention

Strategische Analysen

9. Brookings: Global implications of US military operation

10. Council on Foreign Relations: US military campaign targeting Venezuela

11. Center for International Policy: Venezuela and the erosion of legal constraint

12. Chatham House: Venezuela, force, and the erosion of legal constraint

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