Selenskyjs 20 Punkte

Was als Friedensplan präsentiert wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als geopolitische Wunschliste voller wirtschaftlicher Interessen, moralischer Inszenierung und strategischer Fallstricke. In dieser Punkt-für-Punkt-Analyse zeigt sich: Keiner der 20 Vorschläge zielt ernsthaft auf eine Deeskalation mit Russland ab.
Statt Frieden erleben wir Verwaltung, Machtpolitik und PR – und die Frage: Wer spielt hier eigentlich mit wem?

Wie man einen Krieg nicht beendet

von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 28. Dezember 2025

2.567 Wörter * 14 Minuten Lesezeit

Was ist das überhaupt?

Anmerkung: Der vollständige Text von Selenskyjs 20-Punkte-Plan ist hier einsehbar. Die folgende Analyse basiert auf dem Originaldokument sowie öffentlich zugänglichen Berichten über dessen Inhalt.

Man nennt es einen Friedensplan.

Genauer gesagt: „Ein Grundlagendokument zur Beendigung des Krieges in der Ukraine“, vorgetragen von Wolodymyr Selenskyj – dem Mann, der aktuell weder per Wahl noch per Verfassung Präsident der Ukraine ist, aber trotzdem mit der Ernsthaftigkeit eines Staatsmanns vorträgt, was Russland, Europa und die USA in Zukunft gefälligst unterschreiben sollen.

Doch was auf den ersten Blick wie ein diplomatisches Konzept daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als das Gegenteil: ein geopolitischer Wunschzettel, zusammengestellt aus Forderungen, Drohungen, Geschäftsmodellen, Rückfallmechanismen und – ja – sogar Investorenversprechen.

Es geht hier nicht um Frieden – sondern um Verwaltung. Und um Besitzansprüche. Und um postkonfliktuelle Märkte.

Selenskyjs 20 Punkte (es sind faktisch 22, je nach Zählweise) bieten kaum Antworten auf die zentrale Frage eines jeden echten Friedensdokuments:

„Wie beenden wir die Gewalt – und wie verhindern wir neue?“

Stattdessen geht es um EU-Beitritt, LNG-Geschäfte mit den USA, Kinder-Rückführungen, ein Freihandelsabkommen, eine amerikanische Hauptverwaltung über ein russisch besetztes Kernkraftwerk – und ein Fondsmanagement zur Reindustrialisierung der Ukraine, dessen Struktur mehr an BlackRock erinnert als an die UNO.

Wir machen hier genau das, was jeder strategische Analyst tun sollte:

Wir gehen die 20 Punkte einen nach dem anderen durch – und stellen nur eine einzige Frage:

„Bringt uns dieser Punkt objektiv näher an ein Ende des Ukrainekriegs – oder hat er mit Frieden so viel zu tun wie McDonald’s mit Ayurveda?“

Los geht’s.

Der Prüfrahmen: Woran misst man Frieden?

Bevor wir die 22 Punkte einzeln unter die Lupe nehmen, sollten wir kurz klären, woran man überhaupt erkennt, ob ein Vorschlag dem Frieden dient – oder nur der PR.

Ein echter Friedensplan müsste im Kern drei zentrale Anforderungen erfüllen:

a. Sicherheitsinteressen beider Seiten ernst nehmen

Ein Friedensplan kann nur funktionieren, wenn beide Konfliktparteien das Gefühl haben, dass ihre fundamentalen Interessen anerkannt und berücksichtigt werden.

Russland hat seit Jahren drei rote Linien gezogen:

  • Keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine
  • Keine westlichen Offensivwaffen an der Grenze
  • Anerkennung des russischen Einflussraums im Donbass und auf der Krim

Ob man diese Positionen teilt oder nicht: Ein Plan, der sie komplett ignoriert, wird keinen Frieden bringen.

b. Die tatsächlichen Konfliktursachen benennen

Kein Konflikt entsteht aus dem Nichts.

Ein glaubwürdiger Plan muss die Ursachen des Krieges zumindest benennen – ob man sie nun so bewertet wie Russland oder nicht. Dazu gehören:

  • Der Bruch von Minsk II
  • Die Behandlung der russischsprachigen Minderheit
  • Die NATO-Osterweiterung und Sicherheitsdilemmata
  • Der verfassungswidrige Regierungswechsel 2014

Ein Dokument, das all das ausblendet, kann nicht als seriös gelten.

c. Konkrete Schritte zur Deeskalation und Vertrauensbildung enthalten

Frieden entsteht nicht durch Wunschdenken, sondern durch klare, überprüfbare Schritte:

  • Rückzug von Truppen
  • Entmilitarisierte Zonen
  • Einigung auf neutrale Vermittler
  • Sicherstellung von Wahlbeobachtungen, Menschenrechten und territorialer Integrität beidseitig

Was wir prüfen werden, ist also ganz einfach:

Trägt ein Punkt konkret dazu bei, Gewalt zu beenden, Vertrauen zu schaffen und Konfliktursachen zu entschärfen – oder nicht?

Wenn nicht, dann ist es kein Friedenspunkt, sondern bestenfalls Dekoration.

Im schlimmsten Fall ein strategisches Täuschungsmanöver.

Was ein realistischer Friedensplan enthalten müsste

Bevor wir uns Selenskyjs Vorschlag widmen, lohnt ein kurzer Blick darauf, was tatsächlich auf den Tisch müsste, wenn man es ernst meint:

1. Neutralitätsstatus für die Ukraine
Verbindliche Garantie, dass die Ukraine weder der NATO noch einem anderen Militärbündnis beitritt. Im Gegenzug: Sicherheitsgarantien durch neutrale Mächte oder ein multilaterales Abkommen.

2. Föderalisierung und Minderheitenrechte
Verfassungsreform, die den russischsprachigen Regionen weitgehende Autonomie sichert – ähnlich wie in der Schweiz oder Belgien. Gesetzlich verankerte Rechte für die russische Sprache, Kultur und Verwaltung.

3. Status von Krim und Donbass
Realistische Anerkennung der Machtverhältnisse – entweder durch Referenden unter internationaler Aufsicht oder durch einen Sonderstatus mit langfristiger Übergangslösung. Maximalpositionen bringen hier nichts.

4. Sicherheitsgarantien für beide Seiten
Russland erhält Garantien, dass keine NATO-Infrastruktur in der Ukraine stationiert wird. Die Ukraine erhält Garantien gegen erneute Angriffe – vermittelt durch neutrale Staaten wie Indien, Brasilien, Türkei oder Schweiz.

5. Entmilitarisierte Zonen
Klare Rückzugslinien, überwacht durch UN-Blauhelme oder OSZE-Missionen. Keine schweren Waffen in definierten Pufferzonen.

6. Wirtschaftliche Normalisierung
Schrittweise Aufhebung von Sanktionen gegen Russland im Austausch für territoriale und politische Zugeständnisse. Wiederaufbau der Ukraine durch internationale Investitionen – aber ohne einseitige westliche Kontrolle.

7. Wahrheitskommission
Unabhängige Untersuchung von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Keine Siegerjustiz, sondern Aufarbeitung nach südafrikanischem Vorbild.

Das wäre ein Plan, der die Realität anerkennt, Kompromisse zulässt und beiden Seiten eine Brücke baut.

Selenskyjs Dokument tut nichts davon.

Die 20 Punkte – strukturiert nach Kategorien

Um die Absurdität dieses „Friedensplans“ klarer zu machen, ordnen wir die Punkte thematisch:

I. Symbolpolitik ohne reale Wirkung

Punkt 1: „Die Ukraine ist ein souveräner Staat“

Was vorgeschlagen wird:
Alle Unterzeichner bestätigen schriftlich die Souveränität der Ukraine.

Kommentar:
Völkerrechtlich ist die Ukraine längst ein anerkannter Staat. Dieser Punkt hat keinerlei konkrete Wirkung auf das Kriegsgeschehen – außer als moralischer Appell.

Aber es steckt mehr dahinter: „Souveränität“ bedeutet hier implizit die Forderung nach vollständiger territorialer Integrität – also: Die Krim ist ukrainisch, der Donbass ist ukrainisch, und Russland hat dort nichts verloren.

Das ist keine Verhandlungsbasis. Das ist eine Maximalforderung, verpackt als Selbstverständlichkeit.

Fazit: Rhetorisch geschickt, diplomatisch wertlos.

Punkt 2: Nichtangriffspakt mit Überwachung durch Satelliten

Was vorgeschlagen wird:
Ein verbindlicher Nichtangriffspakt, überwacht per Satellit, samt Frühwarnsystem bei Verstößen.

Kommentar:
Die Idee klingt vernünftig – aber in der Realität überwachen sich die Großmächte längst gegenseitig mit Satelliten. Die USA, Russland, China, sogar Indien und Israel. Der Vorschlag bringt nichts Neues – außer einem Symbolsignal.

Frage am Rand: Wer wertet diese Daten aus? Wer kontrolliert die Kontrolle? Und was passiert, wenn die Interpretation der Satellitendaten unterschiedlich ausfällt?

Fazit: Klingt technisch, schafft aber kein Vertrauen.

Punkt 11: Atomwaffenverzicht

Was vorgeschlagen wird:
Die Ukraine bleibt atomwaffenfrei, bekennt sich zum Nichtverbreitungsvertrag.

Kommentar:
Das ist völkerrechtlich längst geregelt. Die Ukraine besitzt keine Atomwaffen und wird auch keine bekommen.

Diesen Punkt als „Zugeständnis“ zu verkaufen, ist wie wenn ich dir anbiete, dir meinen Ferrari nicht zu verkaufen – den ich gar nicht besitze.

Fazit: Der billigste Punkt im ganzen Dokument. Null praktischer Wert.

Punkt 13: Toleranzunterricht in Schulen

Was vorgeschlagen wird:
Bildungsprogramme für Toleranz, Minderheitenschutz und religiöse Vielfalt.

Kommentar:
Klingt super – wenn man 2050 lebt.

Im aktuellen Kriegskontext wirkt das wie das Curriculum für eine PR-Agentur. Frieden entsteht nicht durch Lehrpläne, sondern durch politische Lösungen.

Fazit: Wichtige Themen – aber kein Beitrag zur Lösung des aktuellen Konflikts.

II. Militärische Eskalationslogik statt Deeskalation

Punkt 3: Sicherheitsgarantien für die Ukraine – ohne Sicherheitsgarantien für Russland

Was vorgeschlagen wird:
Die Ukraine bekommt solide Sicherheitsgarantien.

Kommentar:
Welche? Von wem? Gegen wen? Und: Was ist mit den russischen Sicherheitsinteressen?

Ein Plan, der nur einem Kriegsbeteiligten Schutz verspricht, ist kein Friedensplan – sondern ein geopolitisches Schutzschild für weitere Eskalation.

Fazit: Einseitig. Keine Balance. Kein Frieden.

Punkt 4: 800.000 Soldaten in Friedenszeiten

Was vorgeschlagen wird:
Die ukrainische Armee soll in Friedenszeiten 800.000 Mann stark bleiben.

Kommentar:
Während Europa über Abrüstung redet, will ein von Krieg und Schulden gezeichneter Staat fast eine Million Soldaten dauerhaft unterhalten?

Wer soll das bezahlen? Und vor allem: Was hat das mit Deeskalation zu tun?

Fazit: Das ist kein Friedenspunkt – das ist ein permanentes Rüstungsprogramm.

Punkt 5: NATO-ähnliche Beistandsgarantie – mit eingebauter Exit-Klausel

Was vorgeschlagen wird:
Wenn Russland erneut angreift, greifen USA und NATO ein – in Koordination. Wenn die Ukraine provoziert, verfällt der Schutz.

Kommentar:
Ein schöner Versuch, Artikel 5 der NATO zu simulieren – aber mit der Kriegslogik einer Ampelschaltung.

Das bedeutet im Klartext:
„Wenn Russland anfängt, helfen alle. Wenn wir anfangen, war’s halt Pech.“

Aber wer entscheidet, wer angefangen hat? CNN? Der US-Präsident? Ein EU-Gremium?

Fazit: Hochriskantes Eskalationsinstrument mit PR-Verpackung.

Punkt 14: Truppenabzug aus vier Gebieten – der Rest bleibt offen

Was vorgeschlagen wird:
Russland zieht sich aus Dnipropetrowsk, Mykolajiw, Sumy und Charkiw zurück.

Kommentar:
Und die anderen besetzten Gebiete? Donbass? Krim?

Die werden entweder de facto festgeschrieben oder „später geklärt“. Das ist keine Friedenslösung, sondern ein Teilrückzug als Showgeste – ohne Klärung der Kernfrage: Was gehört zu wem?

Fazit: Selektive Territorialforderung – kein Gesamtkonzept.

Punkt 15: Keine Änderung territorialer Vereinbarungen mit Gewalt

Was vorgeschlagen wird:
Beide Seiten verpflichten sich, territoriale Fragen nicht mehr mit Gewalt zu ändern.

Kommentar:
Hübsch formuliert.

Aber solange die bestehende Gewaltlage nicht gelöst ist, bleibt dieser Satz so verbindlich wie ein „bitte nicht stören“-Schild im offenen Schützengraben.

Fazit: UN-Rhetorik. Klingt gut, nutzt nichts.

Punkt 20: Waffenstillstand sofort – nach Unterschrift aller

Was vorgeschlagen wird:
Sobald alle Parteien unterschreiben, tritt der Waffenstillstand sofort in Kraft.

Kommentar:
Das wäre schön.

Aber dieser letzte Punkt steht auf einem Fundament aus Wunschdenken, Halbwahrheiten und geopolitischer Einseitigkeit.

Russland wird dieses Dokument nicht unterschreiben – und das weiß auch jeder.

Fazit: Der schönste Schlusssatz der Welt – wenn davor nicht 19 Punkte wären, die ihn unmöglich machen.

III. Einseitige Forderungen an Russland – ohne Gegenleistung

Punkt 6: Russland soll sich selbst zivilisieren – per Gesetz

Was vorgeschlagen wird:
Russland verpflichtet sich per Gesetz zu einer Nichtangriffspolitik, ratifiziert durch die Duma mit „überwältigender Mehrheit“ (US-Vorschlag).

Kommentar:
Aha, und als nächstes unterschreibt Nordkorea, dass es den Weltfrieden verteidigen will?

Russland soll per Gesetz garantieren, dass es nie wieder jemanden angreift – während man ihm gleichzeitig keinerlei Sicherheitsgarantien gibt.

Fazit: Einseitige Selbstverpflichtung ohne Gegenleistung = geopolitischer Selbstmord. Wird nicht passieren.

Punkt 16: Russland soll Zugang zum Schwarzen Meer garantieren – während es selbst sanktioniert wird

Was vorgeschlagen wird:
Russland darf den Handel der Ukraine über den Dnipro und das Schwarze Meer nicht blockieren.

Kommentar:
Die Ukraine will freien Zugang – während Russland wirtschaftlich stranguliert wird.

Frieden setzt gegenseitige Wirtschaftsrechte voraus – nicht einseitige Durchleitungen.

Fazit: Ein Wunsch – aber keine Verhandlungsgrundlage.

IV. Provokationen und geopolitische Trollversuche

Punkt 12: Ein AKW auf russischem Boden – betrieben von den USA

Was vorgeschlagen wird:
Das KKW Saporischschja soll gemeinsam von USA, Ukraine und Russland betrieben werden. Die USA führen die Verwaltung, die Ukraine bekommt 50 % des Stroms, die USA den Rest – zur freien Verfügung.

Kommentar:
Dreistigkeit in Reinform.

Ein US-geführtes Konsortium auf einem Kraftwerksgelände, das unter russischer Kontrolle steht, auf Gebiet, das Russland als eigenes betrachtet.

Was könnte da schiefgehen?

Fazit: Das ist kein Friedenspunkt – das ist ein geopolitischer Trollversuch.

Punkt 17: Kinder, Geiseln, politische Gefangene – und die Sache mit der Schuld

Was vorgeschlagen wird:
Alle Kriegsgefangenen, Zivilisten und Kinder sollen ausgetauscht werden – „alle gegen alle“.

Kommentar:
Klingt humanitär – aber es ist ein juristischer Minenfeldpunkt.

Denn implizit steht hier: „Russland hat Kinder entführt.“

Die medial hochgekochten Vorwürfe der „Kindesentführung“ durch Russland basieren auf dünner Beweislage. Aber sobald dieser Punkt im Vertrag steht, wird er zum permanenten Druckmittel:

„Russland hat nicht alle Kinder zurückgegeben“ → Vertragsbruch → Garantien greifen → Eskalation.

Fazit: Humanitär getarnt – strategisch als Rückzugsfalle konzipiert.

Punkt 19: Ein Friedensrat unter Präsident Trump

Was vorgeschlagen wird:
Ein „Friedensrat“ überwacht das Abkommen – unter Leitung von Donald Trump.

Kommentar:
Die Idee ist so bizarr, dass sie fast schon Charme hat.

Aber sie zeigt vor allem eins: Dieser Plan richtet sich an US-Innenpolitik, nicht an Russland.

Fazit: PR-Geste für Republikaner – keine internationale Friedensarchitektur.

V. Wirtschafts- und Investitionspunkte – oder: BlackRock grüßt

Punkt 7: EU-Mitgliedschaft als Friedensinstrument

Was vorgeschlagen wird:
Die Ukraine wird (irgendwann) EU-Mitglied, erhält schon vorher privilegierten Marktzugang.

Kommentar:
Was genau hat der EU-Beitritt mit dem Frieden zwischen Russland und der Ukraine zu tun?

Richtig: nichts.

Er dient nur einem Zweck: politische Integration in den Westen, wirtschaftliche Ausschlachtung durch den Westen.

Fazit: Innenpolitische Zielsetzung, außenpolitisch irrelevant für den Frieden.

Punkt 8: Wohlstand auf Pump – mit US-Finanzaufsicht

Was vorgeschlagen wird:
Ein globaler Wiederaufbauplan mit Investitionen in KI, Gasnetze, Rechenzentren. Hauptsponsor: die USA. Hauptnutznießer: ebenfalls die USA.

Kommentar:
Klingt eher nach Privatisierungspaket als nach Friedensplan.

Während der Krieg noch läuft, wird schon geplant, wer später an der Beute verdient.

Fazit: BlackRock grüßt. Frieden spielt hier keine Rolle – nur ROI.

Punkt 9: 800 Milliarden für die Ukraine – wer fragt, bezahlt

Was vorgeschlagen wird:
Zahlreiche Fonds sollen bis zu 800 Milliarden Dollar mobilisieren. Kapital, Zuschüsse, Bonds, privates Geld. Ziele: Aufbau, Modernisierung, Zukunft.

Kommentar:
Noch mal: Der Krieg läuft. Russland steht im Osten. Die Front ist aktiv. Aber hier wird schon die Infrastruktur für einen Konsum- und Investitionsstaat im westlichen Stil geplant.

Die Frage, wie Frieden entsteht, wird nicht gestellt – nur wie man ihn danach kapitalisiert.

Fazit: Ökonomische Interessen verschleiern das diplomatische Vakuum.

Punkt 10: Freihandel mit den USA – weil es so gut zum Waffenstillstand passt

Was vorgeschlagen wird:
Ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA, das „beide Seiten gleich behandelt“.

Kommentar:
Frage: Was genau hat ein Handelsabkommen mit einem Drittstaat mit der Beendigung eines Krieges zwischen zwei anderen Staaten zu tun?

Antwort: Nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts.

Fazit: Das ist nicht Friedenspolitik – das ist Lobbyarbeit auf Regierungsebene.

VI. Machterhaltung durch Verfahrenstricks

Punkt 18: Wahlen – später, unter Selenskyjs Aufsicht

Was vorgeschlagen wird:
Wahlen sollen „so bald wie möglich“ stattfinden, sobald das Abkommen in Kraft tritt.

Kommentar:
Fun Fact: Laut Verfassung ist Selenskyjs Amtszeit abgelaufen (Mai 2024). Gemäß Artikel 112 der ukrainischen Verfassung müsste in diesem Fall der Rada-Vorsitzende kommissarisch die Amtsgeschäfte übernehmen [1] – aber das wird ignoriert.

Stattdessen plant er Wahlen unter seiner eigenen Aufsicht, zu einem Zeitpunkt, den er selbst festlegt.

Ergo: Wahlen als Legitimationserhalt für den derzeitigen Machtanspruch – kein Friedensschritt, sondern Machterhaltungsmaßnahme.

[1] Verfassung der Ukraine, Artikel 103 (5 Jahre Amtszeit), Artikel 108 (vorzeitige Beendigung), Artikel 112 (Übergang der Befugnisse an Parlamentspräsidenten). Volltext verfügbar unter: https://www.verfassungen.net/ua/

Fazit: Was bleibt übrig – außer Staub und Show?

Wenn man alle 20 Punkte durchgeht, bleibt am Ende eine unangenehme Erkenntnis:

Dieser „Friedensplan“ ist kein Plan, um Frieden mit Russland zu schließen.

Es ist ein politisches Schaubild, eine PR-Offensive, ein Investorenprospekt und ein moralischer Monolog – aber kein diplomatisches Angebot.

Er enthält:

  • 0 Punkte, die Russlands Grundforderungen direkt ansprechen.
  • 0 Kompromisse, die Vertrauen aufbauen könnten.
  • 0 Rücknahmen, die reale Deeskalation ermöglichen.
  • Dafür: jede Menge Träume, Geldflüsse, Verwalter, Fonds, Freihandelszonen und Bildungsprogramme.

Der Kernkonflikt – Sicherheit vs. Ausdehnung, Neutralität vs. Blockpolitik – wird nicht mal gestreift.

Stattdessen geht man davon aus, dass Russland einfach mitspielt, wenn es nur ordentlich verwaltet und von US-Experten mitregiert wird.

Das ist entweder dreist naiv oder gezielt provokativ.

Selenskyjs Punkte sind kein Beitrag zur Friedenslösung, sondern eher ein Bewerbungsschreiben:

„Liebe NATO, lieber Westen – ich bin bereit. Gebt mir Geld, Waffen, Garantien und freie Hand.“

Nur: Ein Friedensplan, der nicht einmal versucht, die Gegenseite mitzunehmen, ist keiner.

Er ist – im besten Fall – ein PR-Text für westliche Medien.

Im schlimmsten Fall: Die Blaupause für den nächsten Krieg.

Denn wenn man einen „Friedensvertrag“ schreibt, in dem man
– den Gegner nicht beim Namen nennt,
– seine Interessen ignoriert,
– sich selbst als Sieger der Zukunft inszeniert,
– und gleich noch 800 Milliarden für den Wiederaufbau kalkuliert –

dann hat man nicht den Krieg beendet.

Dann hat man den nächsten schon eingebaut.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Quellen

Ukraine unveils 20-point peace proposal
https://www.reuters.com/world/ukraine-unveils-20-point-peace-proposal-under-discussion-with-us-2025-12-24/

Verfassung der Ukraine – mit Übersetzungen ins Deutsche und Englische
https://www.verfassungen.net/ua/

Verfassungsrechtlicher Exkurs:

Die ukrainische Verfassung regelt klar, was passiert, wenn die Amtszeit eines Präsidenten endet, aber keine Neuwahl möglich ist:

– Art. 103: Präsident wird für 5 Jahre gewählt (Selenskyj: Mai 2019 – Mai 2024)

– Art. 112: Bei vorzeitiger Beendigung übernimmt der Rada-Vorsitzende kommissarisch

– Art. 19 Kriegsrechtsgesetz: Wahlen während Kriegsrecht verboten

Selenskyjs Argument:

„Kriegsrecht = keine Wahlen = ich bleibe“

Verfassungsgemäß wäre:

„Kriegsrecht = keine Wahlen = Rada-Vorsitzender übernimmt kommissarisch“


Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

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