US-Krieg gegen die Drogen

Der „War on Drugs“ ist weniger eine Sicherheitsstrategie als ein geopolitisches Instrument.
Anhand internationaler Drogendaten, historischer Muster und aktueller Eskalationen zeigt dieser Artikel, wie das US-Drogennarrativ immer wieder zur Rechtfertigung von Interventionen, Geheimdienstoperationen und Machtprojektion genutzt wird – selbst dort, wo die Faktenlage das offizielle Feindbild nicht trägt.

Oder wenn die CIA ruft „Haltet den Dieb“

von Michael Hollister
Veröffentlicht bei GlobalBridge am 25. Januar 2026

3.265 Wörter * 17 Minuten Lesezeit

Eine Timeline zur CIA und dem Drogenhandel finden Sie hier:
CIA & Drogenhandel: Eine Timeline verdeckter Verstrickungen (1960-2026)

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Der Mythos vom Narco-Staat – wenn die Realität nicht ins Narrativ passt

Es ist die alte Geschichte in neuer Verpackung: Die Vereinigten Staaten führen Krieg – gegen die Drogen, gegen den Terror, gegen das Chaos vor der eigenen Haustür. Diesmal trifft es Venezuela. Unter Präsident Donald Trump hat die US-Regierung im Jahr 2025 eine Reihe spektakulärer Maßnahmen gestartet: Luftangriffe auf angebliche Drogenboote, die Einstufung des südamerikanischen Landes als „narco-terroristischer Staat“, die Entführung von Präsident Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte – und zuletzt eine internationale Rhetorik, die Venezuela zum neuen Sündenbock des globalen Drogenproblems erklärt.

Trump persönlich kündigte an, man werde „den Kampf gegen die Drogen mit allen Mitteln gewinnen“. Die Rhetorik ist martialisch, die Bilder stark, das Ziel klar: die angebliche Unterwanderung der westlichen Welt durch Drogennetze aus Lateinamerika. Venezuela wird dabei als Knotenpunkt eines staatlich geschützten Kokainhandels beschrieben, Präsident Maduro als Drogenboss im Präsidentenpalast. Das offizielle Narrativ: Nur ein entschlossener Schlag gegen diesen „Narco-Staat“ könne Amerika – und die Welt – vor einem Tsunami aus Drogen retten.

Doch wer sich die Mühe macht, die Grundlagen dieser Behauptung zu prüfen, stößt auf eine erstaunliche Leerstelle: In den drei wichtigsten internationalen Drogenberichten – dem World Drug Report der UNODC, dem Jahresbericht des INCB sowie den Cocaine Trend Analyses der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) – spielt Venezuela praktisch keine Rolle. Weder als Herkunfts- noch als Transit- noch als Zielland. Mexiko, Kolumbien, Brasilien, selbst Westafrika – all diese Regionen finden sich prominent in den Daten. Venezuela? Ein Randvermerk. Kein Kapitel. Kein Schwerpunkt. Kein Beleg für die zentrale Rolle, die Washington behauptet.

Das allein wirft Fragen auf. Noch gravierender wird es, wenn man den Kontext kennt: Das größte Drogenproblem in den USA heißt derzeit Fentanyl, nicht Kokain – und Venezuela ist weder Produktionsland noch Umschlagplatz dieses synthetischen Opioids. Die zentrale Droge, wegen der laut CDC jedes Jahr zehntausende Amerikaner sterben, kommt hauptsächlich aus Mexiko und China – nicht aus Caracas.

Warum also dieser Fokus? Warum diese Härte – bis hin zu gezielten Tötungen auf hoher See? Warum diese propagandistische Zuspitzung?

Dieser Artikel will keine endgültigen Antworten geben. Aber er will etwas anderes leisten: den Kontrast zwischen der offiziellen Rhetorik und der bekannten Faktenlage offenlegen. Er will zeigen, wie historische Muster – von Vietnam über Afghanistan bis heute – auf frappierende Weise wiederkehren. Und er will den Leser ermutigen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Denn wie meine Großmutter immer sagte:

„Es gibt immer zwei Gründe – den, den man Dir erzählt, und den wahren.“

2. Das offizielle Narrativ: Krieg gegen Drogen und „Narco-Terrorismus“

Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit inszeniert Donald Trump den Kampf gegen Drogen als sicherheitspolitische Notwendigkeit ersten Ranges. „Narco-Staaten“, „narco-terroristische Netzwerke“, „existenzielle Bedrohung“ – Drogenhandel wird nicht mehr als kriminelles, sondern als kriegerisches Phänomen dargestellt, das militärische Antworten legitimieren soll.

Im Zentrum steht der Begriff Narco-Terrorismus: eine angebliche Verschmelzung von Drogenkartellen, terroristischen Organisationen und staatlichen Strukturen. Venezuela wird zum Paradebeispiel: Drehkreuz des Kokainhandels, geschützt von Militär und Geheimdiensten. Maduro wird als „Drogenboss mit staatlicher Rückendeckung“ bezeichnet, ein Kopfgeld von 50 Millionen Dollar ausgesetzt. Hier geht es nicht mehr um Diplomatie, sondern um Fahndung.

Die Schlussfolgerung: Wenn ein Staat selbst zum Kartell wird, greifen herkömmliche Regeln nicht mehr. Militärische Einsätze, gezielte Tötungen, CIA-Operationen, die Entführung eines Staatspräsidenten – all das erscheint nicht als Eskalation, sondern als notwendige Selbstverteidigung. Man handele nicht politisch, betont Washington, sondern technokratisch und moralisch alternativlos.

Diese Argumentationslinie hat Tradition. Seit den 1970er-Jahren dient der „War on Drugs“ als Begründung für Maßnahmen, die sonst schwer vermittelbar wären: militärische Präsenz im Ausland, geheimdienstliche Interventionen, Einschränkungen rechtlicher Standards. Neu ist die Radikalität, mit der dieses Narrativ heute vorgetragen wird – und die Geschwindigkeit, mit der aus Anschuldigungen Gewaltakte folgen.

Ein Narrativ mit solchen Konsequenzen müsste auf belastbaren Fakten beruhen. Ob das der Fall ist, untersucht das nächste Kapitel.

3. Was die Faktenlage tatsächlich zeigt

3.1 Venezuela in den internationalen Drogenberichten

Das offizielle US-Narrativ malt Venezuela als zentralen Drogenlieferanten. Die Daten internationaler Drogenberichte zeigen ein anderes Bild.

Laut UNODC und DEA ist Venezuela weder Hauptlieferant von Kokain noch von Fentanyl in die USA. Die tödliche Fentanyl-Krise geht hauptsächlich auf mexikanische Schmuggelnetze zurück, die Vorläuferstoffe aus China beziehen. Auch bei Kokain dominieren andere Routen: Die Hauptanbauländer sind Kolumbien, Peru und Bolivien; der größte Teil der Lieferungen läuft über Mexiko und Zentralamerika, nicht über venezolanische Küstenwege.

Ein Bericht über UN-Daten 2019-2023 zeigt: Venezuela hatte rund 260 Kokainverarbeitungsanlagen – Kolumbien über 26.000. Die als Direktlieferanten identifizierten Routen verlaufen weitgehend ohne venezolanische Beteiligung.

Kurz: Das amtliche Bild wird durch internationale Drogendaten nicht gestützt. Venezuela spielt eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu etablierten Routen – und die Fentanyl-Krise ist nicht mit Venezuela verbunden.

3.2 Politische Instrumentalisierung

Wenn die Datenlage so klar ist, warum diese harte Linie? Kritische Beobachter sehen darin politische Instrumentalisierung. Der Fokus auf Venezuela spiegelt weniger belegte Drogenströme als strategische Interessen: Druck auf politische Gegner, Rechtfertigung militärischer Präsenz, innenpolitische Demonstration von Stärke.

Trump verteidigte Luftangriffe auf Schmuggelboote ohne klare Belege für deren Verbindung zum Fentanyl-Import. Die dramatische Sprache – „narco-terroristischer Staat“, „Drogenbaron im Präsidentenpalast“ – verschiebt völkerrechtliche Grenzen und wird besonders in Wahljahren betont, ohne dass eine breite Datenbasis vorliegt.

4. Historische Kontexte: US-Geheimdienste, Drogen und geopolitische Interessen

Das offiziell propagierte Narrativ des „Kriegs gegen den Drogenhandel“ ist kein historisch singuläres Phänomen. Seit Jahrzehnten zeigen sich Muster, in denen politische Macht, strategische Interessen und illegale Drogenökonomien in asymmetrischen Konflikten miteinander verschränkt sind. Drei besonders aufschlussreiche historische Felder sind der Vietnam-Kontext im Goldenen Dreieck, Afghanistan 2001–2021 und die Iran-Contra-Affäre in Zentralamerika.

4.1 Das „Goldene Dreieck“: Air America und die verdeckte CIA-Logistik

Der Historiker Alfred W. McCoy dokumentiert in „The Politics of Heroin“ (1972, aktualisiert 2003), wie die CIA während des Indochinakriegs gezielt mit lokalen Warlords zusammenarbeitete – obwohl diese tief im Opiumhandel verstrickt waren.

Die CIA betrieb in den 1960er und frühen 1970er Jahren unter dem Deckmantel von Air America, einer offiziell zivilen Fluglinie, Lufttransporte in entlegene Gebiete von Laos. McCoy zufolge wurden Waffen für antikommunistische Milizen geliefert – und im Gegenzug Rohopium aus den Hmong-Anbaugebieten ausgeflogen, das später in saigonischen Labors zu Heroin verarbeitet wurde.

CIA contract aircraft flew opium out of the Hmong hills in Laos, while providing weapons and supplies to the tribal armies that protected the poppy fields.“

(McCoy, A. W., The Politics of Heroin, 2003, S. 163)


Die CIA dementierte offiziell jegliche Beteiligung, doch McCoy belegte anhand interner Berichte und Zeugenaussagen, dass Air America teils direkt, teils durch geduldete Kooperation zum Transportnetzwerk des Drogenexports wurde. In der Region Long Tieng etablierte General Vang Pao mit amerikanischer Rückendeckung ein weitreichendes Opiumsystem.

By 1971, Southeast Asia supplied 70 percent of the world’s illicit heroin.“

(ebd., S. 186)

4.2 Afghanistan 2001–2021: Opiumboom unter US-Beteiligung

Afghanistan ist ein besonders aussagekräftiger Fall dafür, wie sich Krieg und Drogenökonomie gegenseitig verstärken können – unabhängig davon, welche Seite gerade herrscht.

Opiumproduktion Afghanistan (2000–2023)

2000Taliban (vor Verbot)~3.276 TonnenAfghanistan Opium Survey 2001
2001Taliban (Verbot)~185 TonnenAfghanistan Opium Survey 2001
2010US/NATO-Besatzung~3.600 TonnenAfghanistan Opium Survey 2010
2017US/NATO-Besatzung~9.000 TonnenAfghanistan Opium Survey 2017
2021US-Abzug, Taliban-Rückkehr~6.200 TonnenAfghanistan Opium Survey 2022
2023Taliban (erneutes Verbot)~330 TonnenAfghanistan Opium Survey 2023

UNODC 2023 Report – Originalzitat:

Opium cultivation in Afghanistan has collapsed following a drug ban imposed by the de facto authorities: from 233,000 hectares in 2022 to 10,800 hectares in 2023 — a drop of 95 per cent. The expected amount of opium harvested fell by 95 per cent — from 6,200 tons to 333 tons.“

— UNODC Afghanistan Opium Survey 2023, Executive Summary

Die Daten zeigen ein klares Muster: Unter einer starken, autoritären Verbotsstrategie der Taliban sank der Opiumanbau drastisch – sowohl 2000-2001 als auch 2021-2023 um jeweils über 90 %. Unter langjähriger militärischer Präsenz westlicher Streitkräfte stieg die Produktion hingegen von ~185 Tonnen (2001) auf bis zu ~9.000 Tonnen (2017) – ein Anstieg um über 4.700 %.

Das ist kein isoliertes Detail, sondern ein empirischer Befund, der in vielen Analysen als Hinweis darauf gedeutet wird, dass Krieg und Instabilität selbst einen fruchtbaren Nährboden für Drogenökonomie schaffen – ganz gleich, ob ein Narrativ von Drogenbekämpfung ausgerufen wird oder nicht.

4.3 Iran-Contra & Zentralamerika: Drogenhandel und verdeckte Finanzierung

Ein weiteres historisch relevantes Beispiel ist die Iran-Contra-Affäre in den 1980er-Jahren:

In der Reagan-Ära unterstützte die US-Regierung antikommunistische Rebellen in Nicaragua – die sogenannten Contras –, obwohl der Kongress dies per Gesetz untersagte. Der Journalist Gary Webb dokumentierte in seiner „Dark Alliance“-Serie, dass Contra-nahe Drogenhändler Kokain in US-Städte schmuggelten. Offizielle Untersuchungen bestätigten, dass CIA-Mitarbeiter von diesen Aktivitäten wussten, ohne einzugreifen.

Der Drogenhandel diente nicht als eigenständiges Geschäftsmodell der Regierung, sondern als Finanzierungsquelle und logistisches Element in einem verdeckten geopolitischen Konfliktfeld. Dieses Muster – strategische Interessen vor Drogenbekämpfung – wiederholt sich in verschiedenen Kontexten und ist Teil einer größeren Debatte über die Rolle von Geheimdiensten, militärischen Interventionen und illegalen Finanzströmen.

Zwischenfazit

Die historische Analyse zeigt: Die Beziehung zwischen staatlicher Macht, Geheimdienstinteressen und dem internationalen Drogenhandel ist komplexer als die meisten Narrative annehmen. Wo legitime Drogenbekämpfung auftritt, kann sie zu drastischen Rückgängen führen (z. B. unter Taliban-Verboten) – oder sie wird begleitet von paradoxen Ergebnissen, wenn politische Instabilität, Krieg und unterschiedliche Interessen dominieren.

Diese historischen Muster – CIA-Toleranz im Goldenen Dreieck, massiver Opiumboom unter US-Beteiligung in Afghanistan, politische Tolerierung von Drogennetzwerken im Iran-Contra-Kontext – bilden das Hintergrundrauschen für das heutige offizielle Narrativ des „Kriegs gegen Drogen“.

5. Strategische Interessen hinter dem „War on Drugs“

Der Krieg gegen die Drogen war von Beginn an mehr als nur ein Versuch, kriminelle Netzwerke zu zerschlagen. Er war – und ist bis heute – ein politisches Werkzeug. Seine Sprache klingt moralisch, seine Bilder sind drastisch, seine Zielsetzung angeblich edel. Doch unter der Oberfläche zeigt sich ein Instrumentarium, das politische Legitimation, militärische Präsenz und geopolitische Zielverfolgung ermöglicht – oft unabhängig von der tatsächlichen Bedrohungslage.

5.1 Politische Legitimation: Von Nixon bis Trump

Der Begriff „War on Drugs“ geht zurück auf 1971, als US-Präsident Richard Nixon den Kampf gegen Drogen zum „Staatsfeind Nummer 1″ erklärte. Was als innenpolitische Maßnahme begann, entwickelte sich schnell zu einem außenpolitischen Hebel. Drogen wurden zum Symbol des moralischen Verfalls, der von außen importiert wurde – und damit zum Feindbild, das militärische und geheimdienstliche Reaktionen rechtfertigte.

Seitdem nutzen US-Regierungen den Drogenkrieg zur Legitimation von Maßnahmen, die andernfalls kaum durchsetzbar wären: Waffenlieferungen an zweifelhafte Regime, Zusammenarbeit mit autoritären Sicherheitsdiensten, verdeckte Operationen, extralegale Tötungen.

Unter Donald Trump erlebte diese Rhetorik eine Renaissance. Drogenkartelle wurden als terroristische Netzwerke dargestellt, Staaten wie Venezuela als feindliche Systeme. In dieser Logik war die Entführung von Nicolás Maduro kein völkerrechtswidriger Akt, sondern notwendige Exekution von Gerechtigkeit.

5.2 Militärische Machtprojektion und geopolitische Zielsetzung

Der Drogenkrieg diente als Eintrittskarte für militärische Präsenz in geopolitisch interessanten Regionen. Kaum eine Region wurde in den letzten fünfzig Jahren militärisch so konsequent überwacht wie jene, die Washington als „Hauptquellen des Drogenproblems“ ausrief:

• Operation Just Cause (1989): Invasion Panamas zur Absetzung von Manuel Noriega – offiziell wegen Drogenhandels, inoffiziell wegen Kontrollverlust über den Panama-Kanal.

• Plan Colombia (1999 ff.): Militär- und Wirtschaftshilfe in Milliardenhöhe, begründet mit Kokainbekämpfung – genutzt zur Aufstandsbekämpfung und geopolitischen Absicherung.

• Operation Southern Spear (2025): Die jüngste US-Marinekampagne im Karibikraum gegen vermeintliche Drogenboote, begleitet von gezielten Tötungen und der Entführung eines Staatsoberhaupts.

In all diesen Fällen war die Drogenrhetorik nicht das Ziel, sondern das Vehikel, um militärisch tätig zu werden und Einfluss auszuweiten.

Besonders deutlich wird dies im Fall Venezuela: Das Land ist wirtschaftlich von China und Russland gestützt, politisch ungehorsam und geostrategisch relevant (Zugang zur Karibik, Erdöl, symbolische Bedeutung in Lateinamerika). Die Stilisierung zum „Narco-Staat“ ermöglicht Maßnahmen, die sonst nur im Falle offener Kriegserklärungen denkbar wären: gezielte Tötungen, Sanktionen, diplomatische Isolation, militärische Drohkulissen – und letztlich die gewaltsame Entfernung des Staatschefs.

Diese Strategie hat den Vorteil, dass sie nach außen moralisch klingt, aber nach innen geostrategisch wirkt. Wer dagegen argumentiert, riskiert, als „Drogenverharmloser“ dazustehen. Genau deshalb ist das Drogennarrativ so wirksam: Es ersetzt die Auseinandersetzung mit der Realität durch eine moralische Gewissheit.

Der „War on Drugs“ ist längst kein technokratischer Kampf gegen ein reales Problem mehr, sondern ein strategisch einsetzbares Werkzeug, das es Regierungen erlaubt, Maßnahmen zu ergreifen, die unter anderen Umständen weder durchsetzbar noch international vertretbar wären. Die Sprache der Drogenbekämpfung wird zur Maskierung geopolitischer Interessen, zur Legitimation von Gewalt und zum Eintrittscode für militärische Kontrolle.

6. Hypothesen – mögliche dunkle Mechanismen hinter dem Drogenkrieg-Narrativ

6.1 Narrative vs. Reality – Warum hält sich das US-Narrativ gegen Venezuela?

Wenn die Rohdaten keine signifikante Verbindung zwischen Venezuela und den Hauptrouten harter Drogen zeigen – warum wird dann dennoch öffentlich ein völlig anderes Bild vermittelt? Warum inszenieren US-Behörden Venezuela ausgerechnet als Knotenpunkt eines Fentanylproblems, das faktisch kaum dort seinen Ursprung hat?

Hypothese: Die Kommunikation folgt nicht der empirischen Lage, sondern einer politischen Strategie. Die Drogenrhetorik dient als Projektionsfläche – ein Mittel zur Meinungslenkung, nicht zur Aufklärung. Es geht nicht um die Realität des Drogenhandels, sondern um das Design eines Feindbilds, das flexibel an politische Ziele angepasst wird.

Ein solches Vorgehen ist strategisch extrem effektiv: Wer sich gegen militärische Maßnahmen oder Sanktionen stellt, läuft Gefahr, als „Verteidiger von Narcos“ dargestellt zu werden. Die moralische Codierung dieses Narrativs macht Widerspruch politisch riskant – selbst für neutrale Dritte.

6.2 Geheimdienstfinanzierung – Die dunkle Rückseite des Drogenkriegs

Ein oft diskutierter, aber schwer beweisbarer Mechanismus ist die mögliche Nutzung des internationalen Drogenhandels zur geheimdienstlichen Finanzierung schwarzer Operationen. Bereits während der Iran-Contra-Affäre kam ans Licht, dass US-Behörden mit Wissen der CIA Waffenlieferungen organisiert hatten – teils finanziert durch Drogengelder. Diese Praxis wurde nie umfassend aufgearbeitet.

Hypothese: Der War on Drugs könnte eine doppelte Funktion erfüllen: öffentlich als moralischer Feldzug, verdeckt als Deckmantel für geheimdienstliche Operationen. Besonders in Ländern mit schwachen Institutionen lassen sich Einnahmequellen schaffen, die keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegen – sei es über verdeckte Handelskanäle, Kooperation mit Milizen oder kontrollierte Duldung bestimmter Akteure im Drogenumfeld.

Afghanistan liefert ein weiteres Beispiel: Nach dem US-Einmarsch 2001 kontrollierten US-nahe Warlords weite Teile des Opiumhandels. Waren die explodierenden Produktionszahlen während der NATO-Besatzung wirklich nur Kollateralschaden – oder Teil einer stillschweigenden Strategie, bei der lokale Verbündete über Drogeneinnahmen finanziert wurden?

Die historische Evidenz ist fragmentarisch, aber eindeutig suggestiv: Von Südostasien (Golden Triangle) über Afghanistan (Opiumwirtschaft unter US-Besatzung) bis Lateinamerika zeigen sich Muster, die Fragen aufwerfen, denen bislang kaum unabhängig nachgegangen wurde.

6.3 Musteranalyse – Warum dieses Narrativ immer wieder?

Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass das Narrativ vom „War on Drugs“ seit den 1970ern mit nahezu identischen Mechanismen verwendet wird – unabhängig davon, ob die jeweiligen Zielstaaten tatsächlich Hauptproduzenten oder Transitländer sind.

Beispielhafte Zielstaaten:
• 1970er–1980er: Panama, Kolumbien, Nicaragua
• 1990er–2000er: Mexiko, Bolivien, Afghanistan
• ab 2020: Venezuela

Hypothese: Der War on Drugs fungiert als universell einsetzbares Werkzeug zur politischen Stigmatisierung. Er erlaubt eine Legitimierung von Spionageaktivitäten, Militäreinsätzen, Sanktionspaketen, wirtschaftlicher Isolation und diplomatischer Ausgrenzung.

Dabei ist nicht die tatsächliche Rolle eines Landes im Drogenhandel entscheidend, sondern dessen geopolitische Position. Sobald ein Land „aus der Reihe tanzt“, lässt sich über das Drogen-Narrativ internationaler Druck aufbauen – unabhängig davon, ob die Faktenlage dies rechtfertigt.

7. Ausblick und offene Fragen

Die offizielle Rhetorik der USA im Kampf gegen Drogen – von Nixon über Bush bis Trump – verfolgte stets ein Ziel: Staatliches Handeln moralisch aufzuladen, außenpolitische Entscheidungen zu legitimieren und innenpolitische Mobilisierung zu fördern.

Drei zentrale Fragen bleiben offen:

Erstens: Welche Interessen werden tatsächlich verfolgt? Die zunehmende Militarisierung der Anti-Drogen-Politik – inklusive Auslandsoperationen in Lateinamerika und Afrika – deutet auf außenpolitische Machtprojektion hin, nicht auf Sicherheit.

Zweitens: Warum werden Drogenkriege ausgeweitet, obwohl Daten der UNO, WHO oder DEA zeigen, dass sie weder Konsum noch Handel effektiv reduzieren? Warum erleben wir 2026 eine Rückkehr zu aggressiver Rhetorik, obwohl US-Städte längst eigene Wege im Umgang mit Drogen gehen?

Drittens: Welche Daten fehlen – und warum? Wie viele zivile Opfer forderte der War on Drugs weltweit? Welche Rolle spielen Banken, Geheimdienste oder privatwirtschaftliche Akteure? Warum sind viele dieser Fragen seit Jahrzehnten unbeantwortet?

Diese Lücken markieren die Grenze zwischen demokratischer Kontrolle und geopolitischer Nutzanwendung. Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag für investigativen Journalismus: Nicht mehr nur berichten, was gesagt wird – sondern systematisch untersuchen, was nicht gesagt werden darf.

8. Schlussfolgerung: Der Dieb schreit „Haltet den Dieb“

Der „War on Drugs“ war nie nur ein Krieg gegen Substanzen. Er war immer auch ein Narrativkrieg – ein Kampf um Deutungshoheit, moralische Überlegenheit und geopolitische Einflusszonen. Über Jahrzehnte hinweg wurde eine Geschichte erzählt, die gleichzeitig Schuldige definierte, Interventionen rechtfertigte und Kritik delegitimierte.

Doch wer die Muster betrachtet, erkennt ein beunruhigendes Bild: Die lautesten Rufer gegen den Drogenhandel sitzen oft an den Hebeln der Macht, die seine Strukturen tolerieren, nutzen oder in Einzelfällen gar verdeckt mitsteuern. Die Rolle der CIA in den 1980er Jahren, die stille Duldung von Kartellgeldern im Bankensektor, das doppelte Spiel in Afghanistan – all das zeigt: Es geht nicht um Nulltoleranz. Es geht um Kontrolle.

Wenn Donald Trump 2026 erneut mit harter Anti-Drogen-Rhetorik auftritt – während seine außenpolitischen Strategien auffällig mit Ressourcen- und Migrationsfragen in Lateinamerika verschränkt sind – dann wiederholt sich ein Muster, das weder mit Fakten noch mit echter Problemlösung zu tun hat, sondern mit einem geostrategischen Drehbuch, das längst geschrieben wurde.

Die Schlussfolgerung ist so einfach wie brisant: Der War on Drugs ist kein Krieg gegen die Drogen. Er ist ein Krieg um Narrative, Einflusszonen und wirtschaftliche Kontrolle. Der War on Drugs legitimiert Maßnahmen, die unter anderen Umständen als Verstöße gegen Völkerrecht gelten würden. Und während der Dieb ruft „Haltet den Dieb!“, werden demokratische Standards leise untergraben.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Quellenliste

I. Drogen- und internationale Berichte (Primärdaten)

UNODC – World Drug Report 2025 (Key Findings & Maps)
Überblick über globale Drogenproduktion, Routen und Trends, ohne Fokus auf Venezuela als Hauptproduzent.
https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/WDR_2025/WDR25_B1_Key_findings.pdf
(Map-Ansicht der globalen Routen):
https://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/world-drug-report-2025-maps.html

UNODC – Global Report on Cocaine 2023
Detaillierter Coke-Report, zeigt Coca-Anbau und Verkehrsströme – Kolumbien, Peru, Bolivien dominieren.
https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/cocaine/Global_cocaine_report_2023.pdf

U.S. State Department – International Narcotics Control Strategy Report (INCSR 2023)
Bestehender staatlicher Bericht, der Venezuela als Transitland beschreibt, aber nicht als Hauptlieferant.
https://www.state.gov/wp-content/uploads/2024/09/2023-INCSR-Vol-1-Drug-and-Chemical-Control-Accessible.pdf

II. Medien & Berichterstattung zur US-Politik, Trump und Venezuela

Reuters: US military strikes vessel carrying drugs from Venezuela
Bericht über US-Militäroperationen im Karibikraum im Namen der Drogenbekämpfung.
https://www.reuters.com/world/americas/us-military-kills-11-people-strike-alleged-drug-boat-venezuela-trump-says-2025-09-03/

Reuters: Trump administration says more operations against cartels coming
Äußerung der Trump-Administration über fortgesetzte Anti-Drogen-Operationen.
https://www.reuters.com/world/us/trump-administration-says-more-operations-against-cartels-coming-2025-09-03/

Reuters: Trump will target drugs by land, comments on drug flows (Jan 20, 2026)
Trump spricht über künftige Maßnahmen gegen Drogenschmuggel auf dem Landweg.
https://www.reuters.com/world/us/us-will-soon-target-drugs-coming-by-land-trump-says-2026-01-20/

Associated Press: Trump confirms the CIA is conducting covert operations inside Venezuela
Bestätigung durch Trump, dass der CIA verdeckte Operationen im Zusammenhang mit Drogen in Venezuela durchführt.
https://apnews.com/article/ecb477ac7f07d5beaf48d44dee75c5e5

III. Kontext zu „Narco-State“, Cartel of the Suns & Kritik

Wikipedia: Cartel of the Suns
Darstellung der US-Regierungsdarstellung und Anklagen gegen venezolanische Führung.
https://en.wikipedia.org/wiki/Cartel_of_the_Suns

Reuters: US Senate und Venezuela Kriegsmächte
US-Senat debattiert Kriegsvollmachten im Kontext der Operationen gegen Venezuela.
https://www.reuters.com/world/us/us-senate-blocks-effort-rein-trumps-venezuela-war-powers-2026-01-14/

The Guardian: Venezuela accuses US of narco-terrorism narrative
Venezolanische Kritik am US-Narrativ rund um „narco-terrorism“ und außenpolitische Ziele.
https://www.theguardian.com/world/2025/nov/24/venezuela-maduro-us-drug-cartel-terrorism

Washington Post: Officials, locals undercut Trump claims about Venezuela drug boats
Kritische Einschätzung der Trump-Militärschläge auf Drogenboote nahe Venezuela.
https://www.washingtonpost.com/world/2025/10/20/trump-attacks-venezuela-drug-boats/

IV. Analysen & Hintergrundberichte

Cato Institute: Trump’s Venezuela Gambit: An Incoherent Encore in a Failed Drug War
Analyse, die US-Behauptungen zu Venezuela mit UNODC-Daten kontrastiert.
https://www.cato.org/blog/trumps-venezuela-gambit-incoherent-encore-failed-drug-war

UNODC World Drug Reports 2024 & 2025 (allgemeiner Kontext)
Globale Trends im Kokain- und Heroinkonsum.
https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/WDR_2024/WDR24_Key_findings_and_conclusions.pdf

United Nations Global Report on Cocaine 2023 – Coca Cultivation Dynamics
Unabhängige UN-Analyse zu Coca-Anbau und -Produktion.
https://idpc.net/publications/2023/04/unodc-global-report-on-cocaine-2023

McCoy, Alfred W.: The Politics of Heroin: CIA Complicity in the Global Drug Trade (2003)
Standardwerk zur Rolle der CIA im Drogenhandel Südostasiens.

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