Die Lücke zwischen deutscher Sicherheitsrhetorik und realer Bundeswehrfähigkeit
von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 28. Dezember 2025
3.426 Wörter * 18 Minuten Lesezeit

Von der Zeitenwende zu „Germany is back“
Als Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar 2022 die „Zeitenwende“ ausrief, markierte das eine tektonische Verschiebung in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr, 2-Prozent-Ziel der NATO erreicht, Deutschland als „Führungsnation“ in Europa – die Rhetorik war groß, die Versprechen noch größer.
Sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU) setzte im Mai 2025 noch eins drauf. Bei seinem Amtsantritt als zehnter Bundeskanzler der Bundesrepublik verkündete er: „Germany is back“ – Deutschland sei zurück auf der internationalen Bühne. Merz präsentierte ein 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket samt aufgestocktem Bundeswehr-Sondervermögen. Deutschland solle nicht nur verteidigungsfähig werden, sondern „kriegstüchtig“, „siegfähig“. Die Bundeswehr müsse „in der Lage sein, diesen Krieg auch zu gewinnen“, forderte Merz bereits als CDU-Oppositionsführer. Verteidigungsminister Boris Pistorius sprach von der Notwendigkeit, „kriegstüchtig“ zu werden.
Die Begriffe sind gesetzt – und sie haben Konsequenzen.
Drei Jahre nach der Zeitenwende, ein halbes Jahr nach Merz‘ Amtsantritt, und Hunderte Milliarden Euro später lohnt sich ein Blick auf die Realität. Denn mit solchen Formulierungen wächst nicht nur der innenpolitische Erwartungsdruck, sondern auch die strategische Bedeutung Deutschlands im Bündnisrahmen. Wenn das wirtschaftlich stärkste Land Europas von „Siegfähigkeit“ spricht und ein halbes Billionen-Paket schnürt, dann wird es zum Prüfstein für die Glaubwürdigkeit kollektiver Verteidigung. Das impliziert Fähigkeiten, die einer modernen Armee in einem hochintensiven Konflikt nicht nur symbolisch, sondern real zur Verfügung stehen müssen.
Doch die nüchternen Zahlen zur Einsatzbereitschaft, Ausrüstung, Munitionslage und Kampferfahrung der Bundeswehr zeichnen ein gänzlich anderes Bild. Sie zeigen eine Armee, die auf dem Papier mit Milliarden – ja, mit einem halben Billionen-Paket – ausgestattet wurde, in der Praxis aber weder durchhaltefähig noch operativ robust ist. Die Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und militärischer Realität ist groß – und sie wirft ernsthafte Fragen auf: über Planbarkeit, Abschreckung und die Belastbarkeit von NATO-Szenarien.
Der Autor war sechs Jahre Soldat der Bundeswehr, mit Einsatzerfahrung im Balkan. Heute arbeitet er als unabhängiger Analyst mit Schwerpunkt auf sicherheitspolitischer Systemkritik und operativer Realität europäischer Streitkräfte. Dieser Artikel analysiert die zentralen Strukturen und Schwachstellen der Bundeswehr – von Heer, Luftwaffe und Marine über Logistik und Rüstungsproduktion bis hin zu Ausbildung und Kampferfahrung. Am Ende steht die Frage: Was bedeutet Deutschlands reale Wehrfähigkeit für die NATO – und für die Sicherheit Europas?
II. Das Heer: Begrenzte Feuerkraft und fehlende Masse
Das deutsche Heer gilt in der öffentlichen Debatte als Rückgrat der Landes- und Bündnisverteidigung. Die politische Zielvorgabe lautet, bis 2025 eine voll ausgestattete Division einsatzbereit zu machen – inklusive einer vorgeschobenen Brigade in Litauen, die dauerhaft stationiert werden soll. Der Auftrag ist klar: Deutschland soll im Rahmen der NATO wieder ein glaubhafter Landverteidiger werden. Doch zwischen Anspruch und realer Struktur klafft eine erhebliche Lücke.
Die aktuelle Truppenstärke des Heeres liegt bei etwa 63.000 Soldaten – weit entfernt von der Zielstruktur der 1980er Jahre, in der das westdeutsche Heer über 12 Divisionen verfügte. Heute ist geplant, mittelfristig drei Divisionen zu formieren, wovon eine tatsächlich vollständig einsatzbereit sein soll – mitsamt Panzerbataillonen, Artillerie, Pionieren, Logistik und Führungsstruktur. In der Praxis jedoch fehlen nicht nur die Masse an Personal, sondern auch einsatzfähiges Großgerät.
Der Bestand an Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 (Modelle A5, A6, A7) liegt laut Bundeswehr und IISS bei rund 310 Fahrzeugen. Doch nur ein Teil davon ist einsatzbereit. Schätzungen aus parlamentarischen Anfragen und Fachmedien gehen davon aus, dass je nach Zeitpunkt lediglich 100 bis 150 dieser Fahrzeuge tatsächlich verfügbar sind – in manchen Monaten weniger. Der Schützenpanzer Marder ist technisch überaltert, das modernere Nachfolgemodell Puma wiederum litt 2022 unter einem Totalausfall aller eingesetzten Fahrzeuge während einer NATO-Übung. Trotz Nachrüstprogrammen bleibt die Verfügbarkeit problematisch.
Auch bei der Artillerie ist der Bestand begrenzt: Die Bundeswehr verfügt über etwa 120 Panzerhaubitzen 2000, ein hochmodernes System, das jedoch wartungsintensiv ist und aufgrund von Ersatzteilmangel nicht durchgehend verfügbar. Ein Teil wurde zudem an die Ukraine abgegeben. Künftige Systeme wie die RCH 155 befinden sich noch in der Beschaffungs- oder Testphase und werden frühestens ab 2027 in nennenswerter Stückzahl verfügbar sein.
Noch gravierender ist die Lage bei der Munition. Nach offiziellen Angaben sowie Berechnungen auf Basis von NATO-Standards (mindestens 30 Tage Vorrat für Hochintensitätsoperationen) verfügt Deutschland über kaum mehr als zwei bis fünf Tage Durchhaltefähigkeit im Gefecht. Für die Panzerhaubitze 2000 etwa wären je Batterie täglich 1.000 bis 1.500 Schuss erforderlich – real vorhanden sind jedoch nur einige zehntausend Schuss. Die Bundeswehr hat Nachbestellungen ausgelöst, doch die Produktionskapazitäten sind begrenzt: Rheinmetall kündigte an, die Jahresproduktion bis 2025 auf 600.000 Schuss steigern zu wollen, doch diese Zahl gilt für ganz Europa und deckt nicht den deutschen Bedarf allein.
Das Fazit fällt entsprechend ernüchternd aus: Das deutsche Heer ist in Teilen modernisiert und besitzt einzelne hochwertige Waffensysteme. Doch es fehlt an Masse, Munitionsvorräten und logistischer Tiefe. Für symbolische Präsenz und begrenzte NATO-Operationen mag das ausreichen – für einen mehrwöchigen, hochintensiven Landkrieg in Osteuropa, wie ihn die politische Rhetorik impliziert, reicht es nicht. Die Bundeswehr könnte einen solchen Konflikt beginnen – aber sie könnte ihn nicht führen, geschweige denn gewinnen.
III. Die Luftwaffe: Mindestfähigkeiten ohne Durchhaltevermögen
In der sicherheitspolitischen Kommunikation spielt die Lufthoheit eine zentrale Rolle. Ob zur Abschreckung, zur Verteidigung kritischer Infrastruktur oder zur Wahrung der nuklearen Teilhabe – die Erwartungen an die deutsche Luftwaffe sind hoch. Die Realität ist jedoch eine andere: Die Luftwaffe ist eine vergleichsweise kleine Teilstreitkraft mit eingeschränkter Einsatzbereitschaft, dünner Munitionsbasis und keiner nennenswerten Durchhaltefähigkeit in einem intensiven Konfliktszenario.
Die aktuelle Flottenstruktur basiert im Wesentlichen auf zwei Systemen: dem Eurofighter Typhoon (primär Luftüberlegenheit) und dem Tornado IDS (Luft-Boden, Tiefflug, nukleare Teilhabe). Die geplante Ablösung des Tornado durch die F-35A Lightning II wurde 2022 beschlossen; die ersten Maschinen sollen 2026 zulaufen. Bis dahin bleibt die nukleare Komponente abhängig von einem alternden und wartungsintensiven System. Der Eurofighter steht zudem nicht in ausreichender Stückzahl für eine nachhaltige Luftoperation zur Verfügung.
Laut Bundestagsausschüssen und Medienberichten liegt die Einsatzbereitschaft der Eurofighter-Flotte bei rund 55 bis 60 %, bei den Tornados teilweise deutlich darunter. Von den etwa 138 Eurofightern sind demnach zu einem gegebenen Zeitpunkt realistisch 60 bis 80 Maschinen verfügbar. Doch auch diese Zahl täuscht über die operative Wirksamkeit hinweg, denn Wartungszyklen, Ersatzteillage und Ausbildungsstand begrenzen die Zahl der tatsächlich gleichzeitig einsetzbaren Flugzeuge weiter. In Hochintensitätsszenarien reduziert sich dieser Wert nochmals drastisch.
Besonders prekär ist die Munitionslage. Zwar verfügt Deutschland über moderne Luft-Luft-Raketen wie IRIS-T und Meteor, sowie über begrenzte Bestände an AMRAAM (AIM-120). Doch die Stückzahlen sind gering: Der Bundestag genehmigte 2024 etwa 270 Meteor-Raketen für 521 Millionen Euro – genug für rund zwei Einsätze pro Eurofighter. Für ein realistisch geführtes Luftkampf-Szenario wären jedoch tägliche Nachladungen erforderlich. Luft-Boden-Munition für Tornado und Eurofighter ist ebenfalls nur begrenzt verfügbar; die Auslieferung neuer Smart-Bomben und Präzisionsbewaffnung erfolgt schleppend. Nach Berechnungen auf Basis öffentlich zugänglicher Bestände wäre ein hochintensiver Luftkrieg für maximal drei bis fünf Tage aufrechtzuerhalten – danach wären zentrale Systeme kampfunfähig.
Auch in der integrierten Luftverteidigung ist Deutschland schwach aufgestellt. Zwar existieren sieben Patriot-Feuereinheiten sowie erste IRIS-T SLM Systeme, doch die geografische Abdeckung bleibt minimal. Realistisch kann Deutschland derzeit drei bis vier Ballungsräume oder strategische Ziele schützen – mehr nicht. Die geplante Beschaffung weiterer Systeme wird Jahre dauern. Unter dem Projekt Sky Shield will Deutschland eine zentrale Rolle spielen – faktisch aber bleibt es beim „Patchwork-Schirm“, nicht beim Rückgrat.
Das Gesamtbild ist ernüchternd: Die Luftwaffe ist modernisiert, aber klein. Sie kann punktuell wirken, zum Beispiel bei Abschreckung oder in NATO-Missionen. Doch eine großflächige, mehrwöchige defensive Luftkampagne – etwa zur Verteidigung des eigenen Luftraums in einem eskalierenden NATO-Szenario – ist aus eigener Kraft nicht durchführbar. Auch hier zeigt sich: Zwischen Anspruch und realer Fähigkeit besteht eine gefährliche Lücke.
IV. Die Marine: Präsenz ja, längerer Seekrieg nein
Die deutsche Marine gilt in der Öffentlichkeit als verlässlich, modern und weltweit einsatzfähig. In der Realität ist sie ein hoch belasteter, aber personell und materiell knapp gehaltener Flottenverband, der vor allem in der Stückzahl und Munitionsausstattung deutliche Grenzen erreicht. Während politische Strategien von einer aktiven Rolle im Indopazifik, im Roten Meer oder im Nordatlantik sprechen, fehlen in der Praxis sowohl die Plattformen als auch die Nachschubstruktur für einen längeren, intensiven maritimen Konflikt.
Aktuell verfügt die Bundeswehr über elf Fregatten (F123 bis F125), fünf Korvetten der Klasse K130, sowie sechs U-Boote der Klasse 212A. In Planung sind weitere Fregatten der neuen Klasse F126, langfristig auch F127 – doch diese Systeme werden erst gegen Ende der 2020er-Jahre verfügbar. Kerneinsatzräume sind Ostsee, Nordsee, Nordatlantik sowie punktuell Mittelmeer und Rotes Meer. Bereits diese vier Räume würden rechnerisch jeweils eine Handvoll einsatzfähiger Plattformen erfordern, um Präsenz und Wirkung glaubhaft aufrechtzuerhalten – eine Anforderung, die derzeit nicht erfüllbar ist.
Die Verfügbarkeit der vorhandenen Einheiten schwankt stark. Aufgrund von Wartung, Modernisierung und Personalmangel liegt der einsatzfähige Anteil der Flotte regelmäßig unter 60 Prozent. Bei den U-Booten etwa waren über Jahre hinweg zeitweise nur zwei von sechs Booten einsatzbereit. Auch bei den Fregatten kommt es immer wieder zu Ausfällen; bei gleichzeitigen Einsätzen (z. B. NATO-Einsatz, UNIFIL, Rotes Meer) wird die Flotte auf Kante gefahren.
Noch gravierender ist die Lage bei der Bewaffnung. Die Marine nutzt eine Vielzahl unterschiedlicher Waffensysteme, darunter Seezielflugkörper vom Typ RBS15, Flugabwehrraketen ESSM, RAM und SM-2, sowie (zukünftig) die Naval Strike Missile (NSM). Doch die vorhandenen Munitionsvorräte reichen nur für eine Handvoll Tage intensiver Gefechtsbelastung. Beispiel ESSM: Für die Sachsen-Klasse (F124) wird ein Bedarf von Dutzenden Flugkörpern je Schiff kalkuliert – real verfügbar sind oft nur einstellige oder niedrige zweistellige Stückzahlen pro Einheit. Nach Informationen des Bundestags wurden 2023 rund 1.000 RAM-Raketen für 1 Milliarde Euro bestellt, was auf lange Sicht hilfreich ist, aber die aktuelle Einsatzlage nicht verbessert.
Ein Fallbeispiel verdeutlicht die Lage: Im Frühjahr 2024 war die Fregatte Hessen im Rahmen der Operationen im Roten Meer gegen Huthi-Angriffe im Einsatz. Schon nach wenigen Tagen wurde öffentlich bekannt, dass Munitionsmangel die Einsatzoptionen deutlich einschränkte. Trotz modernem Sensorik- und Radarsystem musste der Verband operativ reduziert wirken – ein klares Warnsignal für Szenarien mit länger andauernden Hochintensitätsbedrohungen.
Die Bewertung ist eindeutig: Die Marine kann Präsenz zeigen, Geleitschutz leisten und punktuelle Beiträge zur NATO liefern. Doch ein durchhaltefähiger Seekrieg – etwa gegen eine gegnerische Flotte oder zur langfristigen Sicherung von Seewegen – ist aus eigener Kraft nicht durchführbar. Die Flotte ist modern, aber klein; ihre Feuerkraft effektiv, aber kurzlebig. Auch hier gilt: Deutschlands Rhetorik über globale Verantwortung steht auf einem Fundament aus taktischen Momenten – nicht aus strategischer Substanz.
V. Logistik, Industrie und Kampferfahrung: Die unsichtbaren Engpässe
In der öffentlichen Debatte über die Wehrfähigkeit der Bundeswehr liegt der Fokus meist auf sichtbaren Größen: Anzahl der Panzer, Verfügbarkeit von Jets, Bestände an Munition. Doch entscheidend für militärische Durchhaltefähigkeit sind logistische Basis, industrielle Tiefe und einsatznahe Ausbildung – und gerade hier offenbaren sich Engpässe, die oft übersehen werden, aber strategisch zentral sind.
Beginnen wir mit der logistischen Basis. Zwar hat Deutschland milliardenschwere Munitionsbestellungen ausgelöst, doch die Vorräte an Artillerie-, Luftwaffen- und Marinebewaffnung sind heute weit unterhalb des NATO-Solls. Nach NATO-Standard müssten Staaten Vorräte für 30 Tage Hochintensitätskrieg halten – Deutschland liegt realistisch bei zwei bis fünf Tagen, je nach Waffengattung. Die Produktion bei Rheinmetall, Diehl und anderen soll zwar deutlich gesteigert werden, doch Werke sind bereits heute ausgelastet. Zwischen Bestellung und Auslieferung vergehen nicht Monate, sondern Jahre – zu lange für Szenarien schneller Eskalation.
Ein weiterer Engpass liegt bei Ersatzteilen und Systemverfügbarkeit. Die Bundeswehr ist stark von Industrie und Zulieferketten abhängig, insbesondere bei Hochtechnologie (Eurofighter, Fregatten, PzH 2000). Ersatzteile fehlen oft wochen- oder monatelang; in der Praxis wird auf „Kannibalisierung“ zurückgegriffen – also das Ausschlachten anderer Systeme, um einzelne Einsatzplattformen verfügbar zu halten. Diese Praxis senkt langfristig die Flottenverfügbarkeit weiter.
Auch Transportkapazitäten sind limitiert. Der militärische Fuhrpark ist klein, alt und lückenhaft – insbesondere im Bereich Tanklogistik. Die Bahn hat keine dedizierte militärische Schwerlastkapazität in Reserve, und die Bundeswehr verfügt über weniger als 50 einsatzbereite A400M-Transporter, mit begrenzter Verfügbarkeit durch Wartung und Ausbildung.
Hinzu kommt: Selbst wenn Ausrüstung und Munition vorhanden wären – Erfahrung und Ausbildung fehlen. Nur ein sehr geringer Anteil der aktiven Soldaten hat reale Kampferfahrung – zumeist aus Afghanistan. Die letzten Gefechtsjahre mit hoher Intensität liegen über ein Jahrzehnt zurück. Heute fehlt es an erfahrenen Ausbildern für hochintensive Operationen im Verband, an Schießplätzen, realitätsnaher Ausbildung und taktischer Reaktion auf Feindkontakt. Die Wehrpflicht wurde ausgesetzt, und selbst bei einer Rückkehr würden zehn bis zwölf Monate Grunddienst kaum reichen, um Gefechtsverbände kriegsreif zu machen.
Der Trainingsalltag bleibt beschränkt: Wenig Gefechtsübungen, zu geringe Munitionszuteilung, zu seltene Verlegeübungen in Brigadestärke. Dabei wären gerade diese Fähigkeiten entscheidend, wenn Deutschland im Bündnisfall verlässlich wirken will.
Die Bewertung fällt klar aus: Selbst bei kurzfristiger Beschaffung von Gerät und Munition fehlt es an allem, was eine Armee langfristig kriegstüchtig macht – an tiefen Strukturen, an industrieller Redundanz und an Menschen mit Erfahrung im Ernstfall. Solche Defizite lassen sich nicht über Nacht beheben. Und sie lassen sich auch nicht durch Rhetorik kompensieren.
VI. Strategische Konsequenzen für NATO, Abschreckung und Bündnisplanung
Deutschland beansprucht heute eine Schlüsselrolle in der europäischen Sicherheitsarchitektur. Politisch gilt die Bundesrepublik als „Dreh- und Angelpunkt“ der Landverteidigung in Europa – nicht nur geografisch, sondern auch strategisch. Der Anspruch lautet: Führungsnation in der EU, tragende Säule der NATO-Ostflanke, Partner in nuklearer Teilhabe und Rückgrat gemeinsamer Rüstungsinitiativen. Doch der Blick auf die operative Realität zeigt: Deutschlands militärischer Beitrag ist begrenzt, seine Durchhaltefähigkeit schwach, und zentrale Fähigkeiten – etwa Luftverteidigung und Nachschub – sind lückenhaft.
Diese Diskrepanz hat unmittelbare Folgen für die Glaubwürdigkeit der Abschreckung. In der Sprache der NATO zählt nicht allein die Fähigkeit, Gewalt anzudrohen – sondern die Fähigkeit, sie im Ernstfall auch durchhalten zu können. Wenn ein Land wie Deutschland öffentlich von „Siegfähigkeit“ spricht, aber tatsächlich nur zwei bis fünf Tage Hochintensität durchhält, wirkt sich das direkt auf die strategische Kalkulation möglicher Gegner aus – etwa Russlands Einschätzung westlicher Reaktionsfähigkeit. Abschreckung verliert Wirkung, wenn Worte und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind.
Noch gravierender ist die Gefahr einer Fehleinschätzung innerhalb des Bündnisses. Partnerländer wie Polen oder die baltischen Staaten bauen auf die zugesagte deutsche Präsenz: etwa durch die geplante Brigade Litauen, durch Truppenverstärkung, durch militärische Logistik aus deutschem Hinterland. Auch die USA rechnen in ihren Szenarien mit einem funktionierenden deutschen Knotenpunkt – für Materialumschlag, Truppenverlegung, Flugabwehr, Sanität und Nachschub. Wenn diese Fähigkeiten im Ernstfall jedoch nach wenigen Tagen erschöpft sind, geraten ganze Planungsansätze ins Wanken. Die Folge wären operative Lücken – oder ein überproportionaler Lastenausgleich durch Partnerstaaten wie die USA oder Großbritannien.
Auch innenpolitisch hat diese Lage Konsequenzen. Die öffentliche Kommunikation in Deutschland suggeriert eine Streitkraft im Wiederaufstieg, ein Land, das wieder verteidigungsfähig sei – oder zumindest auf dem besten Weg dorthin. Doch wenn die Schwächen bekannt werden – etwa durch NATO-Manöver, Lageanalysen oder Kriseneinsätze – droht ein Reputationsverlust gegenüber den Alliierten. Deutschland könnte als „Lautsprecher ohne Substanz“ wahrgenommen werden: ein politisch aktiver Akteur, der sicherheitspolitisch mehr verspricht, als er tatsächlich leisten kann.
Solche strategischen Lücken gefährden nicht nur die militärische Handlungsfähigkeit der NATO – sie untergraben auch Vertrauen. Und Vertrauen ist, neben Kampfkraft, der härteste Faktor in jedem Bündnis.
VII. Optionen: Ehrliche Strategie statt symbolischer „Siegfähigkeit“
Die Analyse zeigt: Deutschland steht sicherheitspolitisch an einem Scheideweg. Der politische Diskurs fordert „Kriegstüchtigkeit“ und „Siegfähigkeit“ – Begriffe, die Erwartungen erzeugen, Bündnisplanungen prägen und öffentliche Wahrnehmung formen. Doch solange diese Begriffe nicht mit realen Fähigkeiten hinterlegt sind, entsteht daraus mehr Unsicherheit als Stärke. Drei strategische Handlungsoptionen liegen auf dem Tisch:
Option 1: Rhetorik an Realität anpassen.
Statt den Begriff „kriegstüchtig“ weiter zu verwenden, sollte Deutschland öffentlich auf eine differenziertere Sprache umschalten. Eine realistische Kommunikation wäre: Deutschland stellt spezialisierte, qualitativ hochwertige Teilfähigkeiten innerhalb der NATO – etwa in Logistik, Lufttransport, Sanitätswesen, Cyberabwehr oder Artillerie für definierte Einsatzszenarien. Das Land wäre dann kein Frontstaat im klassischen Sinn, aber ein unverzichtbarer Stabilisierungsfaktor im Rückraum. Klarheit schafft Vertrauen – auch bei Verbündeten.
Option 2: Fähigkeiten an den Anspruch anpassen.
Wenn die politische Linie ernsthaft auf „Kriegstüchtigkeit“ hinausläuft, dann braucht es mehr als Investitionen: Es braucht einen strukturellen Umbau. Das beginnt mit mehrjährigen Munitionsprogrammen, dem konsequenten Ausbau industrieller Produktionskapazitäten (für Artillerie, Luftabwehr, Seezielflugkörper) und klaren Zielgrößen – etwa: „30 Tage Hochintensitätskrieg, NATO-kompatibel“. Auch die Ausbildung müsste reformiert werden: mehr Schießtage, realistische Gefechtsübungen, taktische Verlegefähigkeit im Verband, und ggf. ein längerer Grundwehrdienst oder ein neues Dienstpflichtmodell.
Option 3: Eine strategisch ehrliche Kombination.
Realistisch ist ein Mittelweg: Deutschland könnte sich rhetorisch neu justieren, sich auf wenige, aber strategisch zentrale Fähigkeitslücken konzentrieren, und gleichzeitig innenpolitisch offen kommunizieren, was leistbar ist – und was nicht. So entsteht kein strategischer Übermut, sondern ein belastbarer Kern an Fähigkeiten, auf den sich NATO-Partner tatsächlich verlassen können.
Resümee
In einer sicherheitspolitisch volatilen Lage ist Ehrlichkeit über eigene Fähigkeiten selbst ein sicherheitspolitischer Wert. Eine Armee, die nach wenigen Tagen ihre Munitionsreserven aufgebraucht hat, ist nicht „siegfähig“. Sie ist abhängig von der Hoffnung, dass es nicht zum Ernstfall kommt – oder davon, dass andere einspringen. Solange diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht, bleiben große Worte über Kriegstüchtigkeit vor allem eins: ein Risiko – für Deutschland und für das Bündnis, das sich darauf verlässt.
Die Frage, die bleibt
Zwischen 2015 und 2024 hat Deutschland seine Verteidigungsausgaben von rund 38 auf über 88 Milliarden US-Dollar pro Jahr gesteigert – ein Zuwachs von mehr als 130 Prozent. Damit liegt die Bundesrepublik laut SIPRI heute auf Platz vier der weltweiten Rüstungsausgaben, hinter den USA, China und Russland. Und doch ist die Bundeswehr nicht einsatzbereit, nicht durchhaltefähig, nicht „kriegstüchtig“. Sie kann keinen Krieg führen – geschweige denn gewinnen.
Wo also ist dieses Geld geblieben?
In funktionierenden Großverbänden? In gefüllten Munitionslagern? In einsatzfähigen Eurofightern und Fregatten? Oder doch in einem Beschaffungsapparat, der Milliarden verbrennt, ohne die Truppe kriegsbereit zu machen?
Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, ist nicht nur die militärische Wirksamkeit Deutschlands gefährdet – sondern auch das Vertrauen der Bündnispartner. Denn wer über „Siegfähigkeit“ spricht, muss zeigen können, wohin das Geld geflossen ist, das genau dafür vorgesehen war.
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Michael Hollister
war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com, bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com
sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellenverzeichnis
HEER
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Bundeswehr-Journal https://www.bundeswehr-journal.de/2023/schuetzenpanzer-puma-bericht-fuer-das-parlament-vorgelegt/
ORF https://orf.at/stories/3298272/
Augen geradeaus! https://augengeradeaus.net/2024/01/munition-fuer-die-bundeswehr-wie-viel-fehlt-und-was-kostet-das/
Defence Network https://defence-network.com/verzoegerungen-munition-fuer-die-bundeswehr/
LUFTWAFFE
Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Eurofighter_Typhoon
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/eurofighter
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Defence Network https://defence-network.com/bundeswehr-weitere-lenkflugkoerper-meteor/
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/landsysteme-bundeswehr/flugabwehrraketensystem-patriot
Stuttgarter Zeitung https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bundeswehr-schutz-systematisch-abgeschafft.7494d269-5de9-40c7-88dd-2a8c5071e7d6.html
MARINE
marineforum.online https://marineforum.online/
Defence Network https://defence-network.com/unzureichende-munition-nicht-nur-in-der-bundeswehr/
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/einsaetze-bundeswehr/erste-waffeneinsaetze-fregatte-hessen-5751848
AFGHANISTAN
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/20-jahre-afghanistan-dank-anerkennung-einsatz-soldaten
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/afghanistan-160-000-oder-93-000-im-einsatz-5229438
ZMSBw https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/afghanistan-dossier-karfreitagsgefecht-5746712
Bundeswehr.de https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/karfreitagsgefecht-fallschirmjaeger-afghanistan-5925760
Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Bundeswehreinsatz_in_Afghanistan
FACHMEDIEN
Augen geradeaus! https://augengeradeaus.net
marineforum.online https://marineforum.online
Defence Network https://defence-network.com
Bundeswehr-Journal https://www.bundeswehr-journal.de
© Michael Hollister— Die Weitergabe, Veröffentlichung oder Nutzung dieses Textes ist ausdrücklich willkommen. Voraussetzung ist lediglich die Angabe der Quelle und ein Link auf www.michael-hollister.com (bzw. bei Druckwerken der Hinweis „Quelle: www.michael-hollister.com“).
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