von Michael Hollister
Veröffentlicht bei tkp.at am 24.03.2026
3.259 Wörter * 17 Minuten Lesezeit

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Eine Analyse der koordinierten US-Strategie gegen Chinas Energieinfrastruktur: Von Syrien über Venezuela und Iran bis Panama
Geopolitik wird nicht in Pressekonferenzen entschieden. Sie wird entschieden, wo Pipelines enden, wo Tanker anlegen und wer das Ventil dreht. Wer in den vergangenen 25 Jahren aufmerksam die Landkarte der US-Militäroperationen mit der Karte der globalen Ölreserven überlagert hat, sieht ein Muster, das sich der Zufallserklärung entzieht: Irak 2003, Libyen 2011, Syrien seit 2011, Venezuela im Januar 2026, Iran ab dem 28. Februar 2026. Alle Ölproduzenten. Alle Länder, die China beliefern oder beliefern könnten. Alle Staaten, die in den vergangenen Jahren aktiv daran gearbeitet haben, den Rohstoffhandel am US-Dollar vorbeizuleiten.
Das ist kein Zufall. Es ist strukturelle Logik – und ein ablaufendes Uhrwerk.
Das Zeitfenster: Was RAND 2016 voraussah
Im Jahr 2016 veröffentlichte die RAND Corporation eine Studie, die in Washington zunächst wenig Aufsehen erregte, in strategischen Planungszirkeln aber seither als Referenzdokument gilt: War with China: Thinking Through the Unthinkable. Die Kernaussage war präzise und unangenehm: „Technological advances are creating conditions of conventional counterforce. At present, Chinese losses would greatly exceed U.S. losses. But, by 2025, that gap could be much smaller.“
Die Schlussfolgerung, die aus diesem Befund folgt, ist nüchtern: Falls die USA jemals militärisch gegen China vorgehen oder es zumindest wirksam eindämmen wollen, müssen sie das innerhalb eines Zeitfensters von acht bis zehn Jahren tun – also spätestens 2025 oder 2026. Danach schließt das Fenster.
Zehn Jahre später liest sich die US-amerikanische Sicherheitsarchitektur wie die operative Umsetzung genau dieser Warnung. Die im November 2025 veröffentlichte National Security Strategy der Trump-Administration nennt Russland nurmehr eine „persistente, aber handhabbare Bedrohung“. Die National Defense Strategy vom Januar 2026 ist unmissverständlich: China ist die strategische Herausforderung, auf die sich die USA konzentrieren. Europa soll „primäre Verantwortung für seine eigene konventionelle Verteidigung“ übernehmen. Der Indopazifik ist der eigentliche Schauplatz.
Nur: Bevor die USA im Indopazifik freie Hand haben können, müssen sie ihren Flanken absichern. Und die verwundbarste Flanke Chinas liegt nicht in Taiwan – sie liegt in den Ölfeldern von Arabien, im venezolanischen Orinocogebiet und vor der Küste von Kharg Island.
Chinas strukturelle Achillesferse: Das Malacca-Dilemma
China ist der größte Rohölimporteur der Welt. Rund 70 Prozent seines gesamten Rohölbedarfs kommen aus dem Ausland – täglich etwa 11 bis 12 Millionen Barrel. Was auf den ersten Blick wie eine Handelsstatistik wirkt, ist in Wahrheit ein geopolitisches Risiko von strategischem Ausmaß.
Über 80 Prozent dieser Importe passieren die Straße von Malacca – jene schmale Meerenge zwischen Malaysia und Indonesien, die von US-Verbündeten flankiert wird und deren Kontrolle Teil der amerikanischen Indopazifik-Strategie ist. Peking bezeichnet dieses Dilemma intern seit Jahren beim Namen: Ein einziges Ereignis in der Malaccastraße könnte Chinas Energieversorgung unterbrechen. Die Konsequenz war die Belt and Road Initiative – Chinas Versuch, durch Landrouten über Myanmar, Pakistan und Zentralasien sowie durch Seerouten entlang der neuen Seidenstraße alternative Versorgungspfade zu schaffen.
Doch selbst wenn die Malaccastraße umgangen werden kann: 45 Prozent der chinesischen Rohölimporte passieren die Straße von Hormuz. Nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran ab dem 28. Februar 2026 ist diese Meerenge faktisch gesperrt – zumindest selektiv. Berichten zufolge erhalten chinesisch-geflaggte Schiffe Durchfahrt, während US-amerikanische Verbündete blockiert werden. Das ist eine taktische Entscheidung Teherans mit strategischer Implikation: China wird zumindest kurzfristig nicht völlig abgeschnitten, aber der Preis der Versorgung steigt dramatisch, die Versicherungskosten explodieren, und die Abhängigkeit von einem einzigen Transitkorridor ist in aller Schärfe sichtbar geworden.
Die Zahlen, die das Bruegel Institute in einer aktuellen Analyse vorlegt, illustrieren das Ausmaß: China bezog bis Ende 2025 täglich 5,4 Millionen Barrel durch die Hormuzstraße – mehr als doppelt so viel wie es über Russland-Pipelines bezieht. Die russische Pipeline läuft bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Selbst wenn Moskau wollte, könnte es den Ausfall nicht kurzfristig kompensieren.
China hat vorgebaut. Strategische und kommerzielle Reserven von etwa 1,3 bis 1,4 Milliarden Barrel decken nach Bruegel-Berechnungen rund vier Monate Importe ab. Im Jahr 2025 hat China den Aufbau dieser Reserven massiv beschleunigt: täglich 430.000 Barrel eingelagert, gegenüber nur 84.000 Barrel pro Tag im Vorjahr. Peking wusste, was kommen würde. Aber vier Monate Puffer sind kein strategischer Schutzwall – sie sind Zeitgewinn.
Die unmittelbar betroffene Schicht der chinesischen Wirtschaft sind die sogenannten „Teapot“-Raffinerien in der Provinz Shandong – kleine, private Anlagen, die zusammen etwa ein Viertel der gesamten chinesischen Raffineriekapazität ausmachen. Ihr Geschäftsmodell beruht auf günstigem Sanktionsöl aus Iran und Venezuela. Dieses Modell ist gerade kollabiert.
Venezuela: Der erste Schlag und die inoffizielle Zwangsverwaltung
Am 3. Januar 2026 ließ Donald Trump die venezolanische Staatsführung entführen. Nicolás Maduro wurde von US-Spezialkräften gefasst und in die Vereinigten Staaten überstellt. Washington sprach von Drogenhandel und Terrorismus. Was folgte, beschreibt Ricardo Hausmann, ehemaliger venezolanischer Planungsminister und heute Professor an der Harvard Kennedy School, mit einem Begriff, der nichts beschönigt: „informal receivership“ – eine inoffizielle Zwangsverwaltung.
Die wirtschaftliche Lebensader Venezuelas – die Fähigkeit, Öl zu verkaufen und auf die Einnahmen zuzugreifen – wurde unter US-Kontrolle gestellt. Trump selbst ließ keinen Zweifel am Motiv: „We need total access. We need access to the oil.“ Das Center for American Progress dokumentierte den Deal: Die USA beschlagnahmen zunächst 30 bis 50 Millionen Barrel Rohöl, verkaufen diese zu Marktpreisen und nutzen die Einnahmen als Druckmittel gegenüber der Übergangsführung unter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez.
Venezuela ist kein kleiner Preis. Das Land sitzt auf den größten nachgewiesenen Ölreserven der Erde: 303 Milliarden Barrel, 17 Prozent der globalen Gesamtreserven. Zum Vergleich: Saudi-Arabien kommt auf 267 Milliarden Barrel, Iran auf 209 Milliarden. Venezuela hatte vor dem US-Eingriff täglich 389.000 Barrel nach China geliefert – rund 4,5 Prozent der chinesischen Seeölimporte. Diese Lieferungen sind seit Januar praktisch zum Erliegen gekommen.
Hinzu kommt die Dimension der chinesischen Investitionen: Peking hatte über Jahrzehnte schätzungsweise 50 bis 60 Milliarden Dollar in Venezuela investiert, davon 10 bis 15 Milliarden in Kredite, die mit Öllieferungen besichert waren. Ein erheblicher Teil dieser Ölmengen wird China nun nicht mehr erreichen – oder wird unter US-Beteiligung weiterverkauft.
Das venezolanische Muster war präzise. Ein ölreiches Land unter US-Sanktionen, das sich strategisch an China gebunden hatte und zusammen mit Iran das Rückgrat von Chinas sanktionsresistenter Energieversorgung bildete, wurde mit chirurgischer Militäroperation aus der chinesischen Einflusssphäre herausgelöst. Kein langer Krieg, keine Besatzung – eine Führungsenthauptung, danach Kontrolle über die Ressourcen.
Trump nannte es das „Venezuela-Modell“. Er meinte damit, was als nächstes kommen würde.
Iran: Der zweite Schlag und die Hormuz-Falle
Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel gemeinsame Luftangriffe auf den Iran. Das offizielle Narrativ war das Atomprogramm. Die geostrategische Logik liegt tiefer.
Iran ist für China nicht irgendein Lieferant. Es ist das Fundament von Chinas sanktionsresistenter Energiearchitektur. Seit der Verschärfung der US-Sanktionen unter Trump im Jahr 2018 konzentrierte sich Irans Ölexportstrom fast ausschließlich auf China. Was zuvor ein diversifizierter Markt mit OECD-Staaten, Indien und anderen Abnehmern war, wurde zu einer bilateralen Pipeline: Teheran liefert, Peking zahlt – in Renminbi, über das chinesische CIPS-System, am SWIFT-Netzwerk und damit am Dollarsystem vorbei.
Die Zahlen sind eindeutig. China importierte bis Ende 2025 täglich etwa 1,4 Millionen Barrel iranisches Rohöl – 13 Prozent seiner gesamten Rohölimporte. China kaufte dabei über 80 bis 90 Prozent aller iranischen Seeölexporte. Das 2021 unterzeichnete 25-Jahres-Kooperationsabkommen zwischen Iran und China – ein Vertrag über chinesische Investitionen in iranische Infrastruktur im Gegenzug für Öllieferungen zu Vorzugspreisen im Gesamtvolumen von 400 Milliarden Dollar – war das strategische Gerüst dieser Partnerschaft. Seit dem 28. Februar liegt dieses Gerüst unter Beschuss.
Die iranische Küste erstreckt sich über die gesamte Nordseite der Straße von Hormuz. Wer den Iran kontrolliert oder destabilisiert, kontrolliert faktisch den Öltransit des gesamten Persischen Golfs. Jeder Tanker aus Saudi-Arabien, dem Irak, Kuwait oder den Emiraten muss an der iranischen Küste vorbei. Das haben die strategischen Planer in Washington immer gewusst.
Was sie möglicherweise unterschätzt haben, ist die iranische Gegenstrategie. Teheran zielt nicht primär auf die angreifenden Mächte selbst – es zielt auf deren Verbündete im Golf. Angriffe auf die Infrastruktur der Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwaits, auf LNG-Verarbeitungsanlagen, auf Ölförderplattformen in der Region haben eine klare Botschaft: Wer eine US-Militärbasis auf seinem Territorium duldet und damit zum Teil der Angriffskette wird, wird selbst zur Zielscheibe. Das Sicherheitsversprechen der amerikanischen Präsenz entpuppt sich als sein Gegenteil.
Die Konsequenz ist brisant: Mehrere Golfstaaten beginnen, ihre Verträge und Allianzen mit den USA neu zu bewerten. Sollte Saudi-Arabien – derzeit noch Chinas größter einzelner Öllieferant – unter dem Druck iranischer Vergeltungsschläge oder aus strategischem Eigeninteresse von der US-Einflusssphäre abrücken, käme das die gesamte Kalkulation Washingtons teuer zu stehen. Die Strategie, durch die Kontrolle der Golf-Verbündeten Ersatz für den Ausfall iranischen und venezolanischen Öls zu schaffen, setzt voraus, dass diese Verbündeten zuverlässig bleiben. Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
Syrien und Panama: Die BRI-Flanken
Man muss Venezuela und Iran verstehen, um Syrien richtig einzuordnen. Denn Syrien ist kein Ölspiel. Es ist ein Infrastrukturspiel.
Die Belt and Road Initiative – Chinas globale Infrastrukturinitiative – hat zwei Säulen: die maritime Seidenstraße über Häfen und Meerengen und die Landrouten durch Zentralasien und den Nahen Osten nach Europa. Syriens geografische Lage am östlichen Mittelmeer macht das Land zu einem unersetzlichen Knotenpunkt der zweiten Säule. Mehrere akademische Analysen bezeichnen Syrien explizit als „strategischen Zugang zum Mittelmeer“ und „zentrales logistisches Drehkreuz“ der BRI. Ein chinesischer Experte des China Institute of Contemporary International Relations beschrieb es präzise: Eine Eisenbahnverbindung, die Iran mit dem Irak verbindet, durch Syrien nach Latakia oder Tartus führt und an das China-Europa-Bahnnetz anknüpft, war Pekings geplante Alternative zu den maritimen Engstellen.
Diese Linie ist jetzt durchschnitten.
Im September 2023 hatte Xi Jinping persönlich eine strategische Partnerschaft mit Baschar al-Assad unterzeichnet – ein Schritt, den China seinen engsten Verbündeten vorbehält. Syrien war seit Januar 2022 Mitglied der Belt and Road Initiative. China hatte seit 2005 diplomatische Beziehungen kultiviert, hatte Wiederaufbauprojekte angeboten, hatte im UN-Sicherheitsrat wiederholt sein Veto genutzt, um Assad vor internationalen Maßnahmen zu schützen.
Mit dem Sturz Assads und der Installation von Ahmed al-Sharaa – vormals al-Jolani, vormals auf der US-Terrorliste geführt, nun rehabilitierter Präsident – ist dieses strategische Fundament weggebrochen. China enthielt sich als einziges UN-Sicherheitsratsmitglied bei der Abstimmung über die Streichung al-Sharaas von der Terrorliste – ein unmissverständliches Signal des Misstrauens gegenüber dem neuen Regime. Noch unmissverständlicher: Drei Kämpfer der Turkistanischen Islamischen Partei (TIP), einer Organisation chinesischer Uiguren aus Xinjiang, wurden kurz nach dem Machtwechsel in Führungspositionen der neuen syrischen Streitkräfte befördert. Für Peking ist das ein direktes Sicherheitsproblem, keine abstrakte geopolitische Komplikation.
Die USA visieren nun eine Einbindung Syriens in die Abraham Accords an – ein Bündnis mit Israel und den Golfstaaten, das China und den Iran aus dem syrischen Wiederaufbau heraushalten und Peking den geplanten Mittelmeer-Zugang dauerhaft versperren soll.
Panama vervollständigt das Bild. Im November 2025 trat Panama aus der Belt and Road Initiative aus. Unmittelbar danach erklärte das panamaische Verfassungsgericht die langjährigen Konzessionsverträge mit dem chinesischen Konzern Hutchison Ports für verfassungswidrig – Verträge, die China den Betrieb zweier strategisch wichtiger Häfen am Panamakanal gesichert hatten. Der parallele Verkauf des globalen Hafenportfolios von CK Hutchison zieht massive US-Aufmerksamkeit auf sich. Der Panamakanal ist der wichtigste Transitpunkt für den Handel zwischen Atlantik und Pazifik – und damit eine weitere Schlüsselposition in Chinas globaler Handelsinfrastruktur, die gerade systematisch aus chinesischer Kontrolle herausgelöst wird.
Das Muster ist konsistent: Syrien, Venezuela, Iran, Panama. Keine dieser Operationen ist mit dem Blick auf das jeweils genannte offizielle Ziel – Demokratie, Drogenbekämpfung, Atomwaffen, Infrastrukturrecht – vollständig erklärbar. Zusammen ergeben sie eine Strategie.
Der unbeabsichtigte Gewinner: Russland
Es gibt eine Konsequenz der US-Strategie, die in Washington möglicherweise kalkuliert ist, möglicherweise aber auch ein strategischer Eigentreffer: Russland profitiert.
Das Carnegie Endowment for International Peace hat es explizit formuliert: Die Interventionen in Iran und Venezuela liegen zwar auf der Linie von Trumps China-Eindämmungsstrategie, stärken aber gleichzeitig Russlands Position. Moskau kann nun Teile seiner Ölexporte, die bisher nach Indien flossen, nach China umlenken. Das schwächt gleichzeitig den amerikanischen Druck auf Neu-Delhi und festigt die russisch-chinesische Partnerschaft – genau das strategisch Gefährlichste für Washington.
Mehr noch: Trumps Vorgehen liefert Russland das stärkste Argument seiner China-Politik auf dem Silbertablett. Moskaus Kernthese lautet seit Jahren: Maritime Routen für Chinas Ressourcenversorgung können jederzeit von den USA gekappt werden. Die einzige verlässliche Option sind Pipelines und Landrouten aus Russland. Das Power of Siberia 2-Gaspipeline-Projekt, im September 2025 auf politischer Ebene vereinbart, könnte nun erheblich beschleunigt werden.
Bush-Berater hatten bereits in den späten 1990er Jahren eine taktische Partnerschaft mit Moskau gegen Peking vorgeschlagen. Trump flirtet mit Putin – aber die Frage, ob eine solche Annäherung strategisch gelingt oder ob Russland am Ende als lachender Dritter dasteht, der von beiden Seiten profitiert, bleibt offen. Vorerst ist Russland der Gewinner einer Konfrontation, an der es kaum beteiligt ist.
Der Petrodollar und die BRICS-Unit: Das eigentliche Fundament
Um zu verstehen, warum Washington diese Operationen jetzt durchführt und nicht früher oder später, muss man das monetäre Fundament amerikanischer Macht verstehen.
Seit 1973 ist der US-Dollar nicht mehr durch Gold gedeckt, sondern durch Öl. Das Petrodollar-System funktioniert einfach: Öl wird weltweit in Dollar gehandelt. Wer Öl kaufen will, braucht Dollar. Wer Dollar hält, kauft US-Staatsanleihen. Die USA können auf diese Weise ihre Schulden in die Welt exportieren – eine Fähigkeit, die keine andere Nation besitzt und die die Grundlage amerikanischer Wirtschaftsmacht ist. Kriege zum Schutz dieses Systems waren in den vergangenen Jahrzehnten kein Tabu, sondern Doktrin.
Diese Grundlage wird gerade angegriffen. Die BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und ihre jüngsten Mitglieder – entwickeln unter dem Arbeitstitel „The Unit“ eine potenzielle Alternativwährung für den internationalen Handel: 40 Prozent Gold gedeckt, 60 Prozent BRICS-Währungskorb, abgewickelt über eine blockchain-basierte Plattform. JP Morgan, das man nicht im Verdacht haben kann, antiamerikanische Propaganda zu verbreiten, bezeichnete The Unit als „perhaps the most thoroughly fleshed-out of de-dollarization proposals“ der BRICS. Wenn diese Währung kommt – in 2026, 2027 oder 2028 – könnten zahlreiche Staaten ihren Rohstoffhandel darin abwickeln.
Es sei denn, das Öl, das in dieser Währung gehandelt werden müsste, ist unter US-Kontrolle.
Genau das ist die Logik der aktuellen Operationen. Venezuela und Iran – die zwei größten Ölreservennationen der Welt außerhalb des traditionellen US-Bündnissystems – wurden in den Griff genommen. Zusammen mit den bereits US-freundlichen Golfstaaten Saudi-Arabien, UAE, Kuwait und Irak kontrollieren oder beeinflussen die USA nunmehr die überwiegende Mehrheit der weltweiten Förderkapazität und Reserven. Unter diesen Bedingungen ist The Unit eine Währung, in der man Autos oder Konsumgüter handeln kann – aber kein Öl. Und ohne Öl ist sie kein Petrodollar-Ersatz.
Szenarien: Was kommt als nächstes
Die Situation ist nicht abgeschlossen. Drei strukturell unterschiedliche Entwicklungslinien sind erkennbar.
Szenario 1: Die US-Strategie geht auf. Iran wird nach dem Venezuela-Modell behandelt: Führungsenthauptung, pragmatischer Regime-Insider als Gesprächspartner, Kontrolle über Ressourcen, keine Besatzung. Die Golf-Allianz hält. Saudi-Arabien bleibt im US-Orbit. Die BRI verliert mit Syrien und Panama zwei weitere Schlüsselknotenpunkte. The Unit kommt zu spät oder in entmachteter Form. China sieht sich in einem strategischen Schraubstock, der sich über Jahrzehnte schließt, ohne dass es einen klaren Kriegsanlass gibt.
Szenario 2: Der iranische Widerstand zermürbt die US-Position. Die Schläge auf Golf-Verbündete eskalieren. Saudi-Arabien und die UAE prüfen ihre Allianzen neu. Der Krieg bindet US-Militärkapazitäten im Nahen Osten, die für den Indopazifik fehlen. China gewinnt diplomatisch im globalen Süden – als Macht, die sich für Souveränität einsetzt, während die USA wieder einen Regime-Change-Krieg führen. Das Taiwan-Fenster, das Washington schließen wollte, steht offen. In diesem Szenario funktioniert die China-Eindämmungsstrategie nicht nur nicht – sie erzeugt die Bedingungen für eine chinesische Initiative genau dort, wo sie sie verhindern wollte.
Szenario 3: Russland als struktureller Gewinner. Unabhängig davon, wie der Iran-Konflikt ausgeht, vertieft sich die russisch-chinesische Energiepartnerschaft. Power of Siberia 2 wird beschleunigt. China diversifiziert seine Energiebezüge strukturell in Richtung Landrouten und wird damit mittel- bis langfristig tatsächlich weniger verwundbar. Trumps Interventionen hätten in diesem Szenario das Gegenteil ihres Zwecks bewirkt: Sie hätten China und Russland zu einer Partnerschaft gezwungen, die strategisch wesentlich gefährlicher ist als die Situation zuvor.
Diese drei Szenarien schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie können sich überlagern und in verschiedenen Regionen gleichzeitig entwickeln.
Befund: Folgt dem Öl
Es gibt keine einzige Quelle, kein Dokument, kein geleaktes Memo, das einen expliziten „Masterplan“ belegt. Das ist kein Zufall – Grand Strategy ist selten so formuliert, und wenn, dann nicht veröffentlicht.
Was es gibt, ist eine Konvergenz. RAND hat 2016 das Zeitfenster beschrieben. Die NSS und NDS von 2025 und 2026 haben China als strategischen Fokus definiert. Das Carnegie Endowment for International Peace hat explizit formuliert, dass die Interventionen in Iran und Venezuela mit Trumps China-Eindämmungsstrategie konsistent sind. The Diplomat hat die direkte Linie von 25 Jahren US-Grand-Strategy gezogen, die in der Kontrolle globaler Energiegeographie kulminiert. Ricardo Hausmann von der Harvard Kennedy School hat das Venezuela-Modell als „informal receivership“ bezeichnet. Das Bruegel Institute hat die wirtschaftlichen Konsequenzen für China quantifiziert.
Ob das alles geplant ist oder ob strukturelle Interessen und opportunistische Entscheidungen am Ende dasselbe Muster erzeugen, ist für die Analyse zweitrangig. Das Ergebnis ist dasselbe.
Was wir beobachten, ist der Versuch, die Energieversorgung des einzigen strategischen Rivalen der USA zu kontrollieren – nicht durch Krieg gegen China, sondern durch die Kontrolle der Quellen und Transitrouten, von denen China abhängig ist. Gleichzeitig soll das Fundament einer potentiellen BRICS-Alternativwährung – die Bindung des Rohstoffhandels an den Dollar – gesichert werden, bevor The Unit einsatzbereit ist.
Die Frage ist nicht, ob diese Strategie legitim ist. Großmächte handeln nach Machtlogik, nicht nach Moralphilosophie. Die Frage ist, ob sie funktioniert.
Bisher läuft nicht alles nach Plan. Der Iran schlägt auf Verbündete zurück, nicht auf Angreifer. Die Golfstaaten wackeln. Russland profitiert. Das Zeitfenster, das RAND 2016 beschrieben hat, ist jetzt offen – und es schließt sich, während Washington noch jongliert.
Folgt dem Öl. Es erzählt mehr über die Zukunft der Weltordnung als jede Pressekonferenz.
Diese Analyse ist frei zugänglich – aber gute Recherchen kosten Zeit, Geld, Energie und Nerven. Unterstützen Sie mich, damit diese Arbeit weitergehen kann.
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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellen
- RAND Corporation (2016): War with China: Thinking Through the Unthinkable – David C. Gompert, Astrid Stuth Cevallos, Cristina L. Garafola – https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR1140.html
- The White House (Dezember 2025): National Security Strategy of the United States of America – https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
- Carnegie Endowment for International Peace (05. März 2026): How Trump’s Wars Are Boosting Russian Oil Exports – Mikhail Korostikov – https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2026/03/us-china-russia-iran-oil
- Carnegie Endowment for International Peace (20. März 2026): The Diverging U.S. and Israeli Goals in Iran Are Making the Endgame Even Murkier – Eric Lob – https://carnegieendowment.org/emissary/2026/03/iran-us-israel-goals-diverge-oil-leaders
- Carnegie Endowment for International Peace (21. Januar 2026): Unpacking Trump’s National Security Strategy – https://carnegieendowment.org/emissary/2026/01/trump-national-security-strategy
- Bruegel Institute (17. März 2026): What the War in Iran Means for China – Alicia García-Herrero – https://www.bruegel.org/analysis/what-war-iran-means-china
- The Diplomat (13. Januar 2026): Oil, Venezuela, and China: How Trump’s Caracas Raid Fits With 25 Years of US Grand Strategy – https://thediplomat.com/2026/01/oil-venezuela-and-china-how-trumps-caracas-raid-fits-with-25-years-of-us-grand-strategy
- Columbia University, Center on Global Energy Policy (29. Januar 2026): Where China Gets Its Oil: Crude Imports in 2025 – Erica Downs – https://www.energypolicy.columbia.edu/where-china-gets-its-oil-crude-imports-in-2025-reveal-stockpiling-and-changing-fortunes-of-certain-suppliers-including-those-sanctioned/
- Geopolitical Monitor (04. Februar 2026): Venezuela and Iran Unrest: Implications for China’s Oil Import Economics – https://www.geopoliticalmonitor.com/venezuela-and-iran-unrest-implications-for-chinas-oil-import-economics/
- Harvard Kennedy School / Growth Lab (22. Januar 2026): Venezuela’s Economic Lifeline Under U.S. Control – Ricardo Hausmann – https://growthlab.hks.harvard.edu/publications/venezuelas-economic-lifeline-under-us-control (Hausmann-Zitat über „informal receivership“ dokumentiert via Center for American Progress, 29. Januar 2026: https://www.americanprogress.org/article/rubios-venezuela-strategy-has-traded-a-democratic-transition-for-oil-access/)
- New Lines Institute (22. Januar 2020, aktuell): China’s Syria Policy Could Increase Beijing’s Middle East Footprint – Adham Sahloul – https://newlinesinstitute.org/middle-east-center/chinas-syria-policy-could-increase-beijings-middle-east-footprint/
- CSIS (2024): Dire Straits: China’s Push to Secure Its Energy Interests in the Middle East – https://features.csis.org/hiddenreach/china-middle-east-military-facility/
- Institute for Energy Research (12. Februar 2026): First Venezuela, Now Iran: China Could Lose Major Portion of Oil Supply – Caleb Jasso – https://www.instituteforenergyresearch.org/fossil-fuels/first-venezuela-now-iran-china-could-lose-major-portion-of-oil-supply/
- Al Jazeera (04. September 2025): Venezuela Has the World’s Most Oil – https://www.aljazeera.com/news/2025/9/4/venezuela-has-the-worlds-most-oil-why-doesnt-it-earn-more-from-exports
- Columbia University, Center on Global Energy Policy (04. März 2026): Implications of the Conflict in the Middle East for China’s Energy Security – Erica Downs – https://www.energypolicy.columbia.edu/implications-of-the-conflict-in-the-middle-east-for-chinas-energy-security/
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