von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 07.06.2026
7.227 Wörter * 41 Minuten Lesezeit
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Mai 2026 – Der Monat, in dem die Versorgung zur Waffe wurde
1. Monatsdiagnose
Wer im Mai 2026 die Schlagzeilen verfolgte, sah ein halbes Dutzend getrennter Krisen: einen brüchigen Waffenstillstand am Golf, einen zähen Stellungskrieg in der Ukraine, einen Gipfel zwischen Washington und Peking, eine zerfallende Front im Sahel und eine kollabierende Insel in der Karibik. Wer dieselben Ereignisse nebeneinanderlegt, sieht etwas anderes – nicht sechs Krisen, sondern eine Bewegung. In ihrem Zentrum steht kein Schlachtfeld, sondern ein Rohstoff: Energie.
Den Takt gibt eine Uhr vor, die in Washington seit Jahren läuft. Die RAND Corporation umriss bereits 2016 und 2017 ein sich schließendes Zeitfenster gegenüber China; ihre Studien und die offizielle National Security Strategy vom November 2025 markieren das Jahrzehnt zwischen 2025 und 2035 als die Phase, in der die USA ihre militärische Überlegenheit im Westpazifik noch beanspruchen können. Mitte 2026 steht Washington an der nahen Kante dieses Fensters – das erklärt das Tempo. Dieselbe Strategie stuft Russland als beherrschbar ein und betrachtet Europa nicht mehr als Partner, sondern als Risiko.
Der zweite Antrieb ist der Dollar. Solange Öl und Gas in Dollar gehandelt werden, bleibt die Weltwirtschaft an die amerikanische Währung gekettet – unabhängig davon, ob einzelne Staaten ihre Reserven in eine andere Verrechnungseinheit umschichten. Wer den Energiemarkt kontrolliert, kontrolliert die Nachfrage nach Dollar. Genau hier setzt der Druck an: Während die BRICS-Staaten über eine eigene Verrechnungseinheit nachdenken, sichert sich Washington nicht die Währung, sondern das, wofür sie ausgegeben wird. Trump formulierte diese Logik im Januar selbst, nach der Festsetzung des venezolanischen Präsidenten, auf die Frage eines Reporters, was die Übernahme eines südamerikanischen Landes mit „America First“ zu tun habe: Man wolle sich „mit Energie umgeben“. Venezuelas Reserven, Irans Versorgungswege, die Nadelöhre von Hormuz bis Panama – in dieser Lesart sind sie keine getrennten Schauplätze, sondern Hebel desselben Griffs.
Im Mai wurde diese Logik materiell. Am Golf hielt die faktische Sperrung der Straße von Hormuz die Ölpreise oben und verteuerte Dünger und Schwefel rund um den Globus; zugleich riss mit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC ein Spalt durch das Kartell. In der Karibik trieb dieselbe Waffe – Öl, diesmal als Blockade – Kuba an den Rand des Zusammenbruchs. In Europa kündigte Washington an, seine Militärpräsenz schrumpfen zu lassen. Im Sahel zerfiel das russische Sicherheitsmodell, dessen Schwäche den USA einen Rivalen abnimmt, den sie ohnehin für beherrschbar halten. Und während die Weltöffentlichkeit auf den Iran starrte, rückten im sunnitischen Raum vier Hauptstädte zu einem neuen Block zusammen.
Ob diese Züge ein durchgeplanter Feldzug sind oder eine Verkettung von Gelegenheiten, die in dieselbe Richtung weisen, darüber lässt sich streiten – die Richtung selbst ist es nicht. Die Architektur hinter ihnen habe ich in „Operation Pivot“ ausführlicher beschrieben. Der Kompass leistet etwas anderes. Er fragt nicht, was geschehen ist – das wissen Sie aus den Nachrichten -, sondern was es ausgelöst hat: Wer gewinnt Spielraum, wer verliert ihn, und welche materiellen Ketten dabei reißen.
Im Mai 2026 wurde sichtbar, dass Macht wieder dort entschieden wird, wo Öl, Rohstoffe und Seewege zusammenlaufen. Beginnen wir dort, wo der Druck am höchsten war – am Golf.
2. Hormus: Öl, Dünger und der Riss im Golf
Zehn Wochen nach Kriegsbeginn blieb die Straße von Hormus auch im Mai faktisch gesperrt. Die US-Marine hielt ihre seit dem 13. April errichtete Seeblockade gegen iranische Häfen aufrecht; Ende Mai verhandelten Washington und Teheran über ein Memorandum, das die Waffenruhe um 60 Tage verlängern, die Straße wieder öffnen und die Blockade beenden sollte – während israelische Angriffe im Südlibanon die Feuerpause weiter belasteten. Doch die eigentliche Geschichte des Monats stand nicht in den Kriegsmeldungen, sondern in den Preistabellen.
Am 07. April hatte der europäische Leitkontrakt North Sea Dated mit 144,68 Dollar pro Barrel den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2008 überboten – damals war es Spekulation, diesmal ein physischer Angebotsausfall. Mitte Mai pendelte der Preis bei rund 110 Dollar, mehr als 50 Prozent über Vorkriegsniveau, bei Tagesschwankungen, wie sie der Markt zuletzt nach Russlands Einmarsch in der Ukraine gesehen hatte. Die Golfproduktion lag nach Daten der Internationalen Energieagentur 14 Millionen Barrel pro Tag unter dem Stand vor dem Krieg, der globale Nettoausfall bei knapp 13 Millionen. Die OECD-Staaten leerten koordiniert ihre strategischen Reserven – und schlossen die Lücke dennoch nicht. Eine Meerenge von 33 Kilometern Breite entschied über die Versorgung halber Kontinente.

Die erste Folgewelle traf nicht die Zapfsäule, sondern den Acker. Rund 30 Prozent des seeverschifften Düngerhandels laufen durch Hormus; mit der Sperrung schossen die Preise für Stickstoff- und Phosphatdünger nach oben. Harnstoff steuert 2026 auf ein Plus von annähernd 60 Prozent zu, die Schwefelkosten – ein Grundstoff der Phosphatproduktion – haben sich verdoppelt. Der Welt-Düngerindex erreichte damit den höchsten Stand seit Ende 2022; Agronomen warnen, dass schon zehn Prozent weniger Düngung die Mais- und Weizenerträge der nächsten Ernte um fünf bis acht Prozent senken können. Tanker ankerten zu Hunderten vor dem Golf, weil keine Versicherung die Kriegsrisiken mehr decken wollte; Lieferungen wurden über teure Landkorridore umgeleitet. In Indien fielen die Lieferungen von Flüssiggas – dem Kochgas der Haushalte – um über 40 Prozent; vor den Abfüllstationen bildeten sich Schlangen. Wo Dünger knapp wird, wird ein Jahr später Brot knapp: Die Krise wandert vom Tank in die Nahrungskette, und sie trifft die Ärmsten zuerst.
Die zweite Welle erfasste die Industrie Asiens. China senkte seine Rohölimporte binnen zweier Monate um 3,6 Millionen Barrel pro Tag auf 7,9 Millionen – der größte Einbruch, den ein einzelnes Land verzeichnete; Pekings petrochemische Industrie, das Rückgrat von Millionen Arbeitsplätzen, fuhr auf Sparflamme. Japan und Korea drosselten ihre Naphtha-Verarbeitung, Pakistan, die Philippinen und Sri Lanka führten Viertage-Arbeitswochen ein – Echos der Energiekrise von 2022. Hinzu kam ein zweiter Engpass unterhalb der Rohölebene: Weil weltweit Raffineriekapazität fehlte, verdreifachten sich die Aufschläge für Diesel und Kerosin. Dass ausgerechnet Chinas Versorgung am stärksten litt, ist in dieser Konstellation kein Betriebsunfall, sondern die eigentliche Stoßrichtung.
Denn dieselbe Sperrung, die Asien erstickte, hob eine neue Ölordnung aus dem Wasser. Die USA wurden im April erstmals seit über 50 Jahren in einer einzelnen Woche Netto-Rohölexporteur und förderten auf Rekordniveau; Brasiliens Produktion erreichte das dritte Allzeithoch in Folge. Venezuela, vor Monaten noch unter Maximalsanktionen, lieferte im April 1,12 Millionen Barrel pro Tag – der höchste Stand seit 2019, nachdem Chevron, Repsol und Eni binnen zweier Wochen ihre Anteile ausgebaut hatten. Und Russland verdiente an der Knappheit: Trotz ukrainischer Angriffe auf seine Raffinerien stiegen die Exporteinnahmen im April auf 19,2 Milliarden Dollar.
Nebeneinandergelegt ergibt das eine Hierarchie, keinen Zufall. Iran ist das Ziel – seine Ölexporte fielen unter der Blockade auf rund eine halbe Million Barrel pro Tag. Russland ist Instrument – als Marktpuffer geduldet, während die Sanktionen formal bestehen bleiben. Venezuela ist Ersatzquelle – entsperrt genau in dem Moment, als der Golf ausfiel. Drei Entscheidungen, ein Zweck: die Versorgung sichern, ohne dass der wichtigste Rivale eine Lücke findet.
Mitten in diese Verschiebung platzte ein Bruch im Kartell selbst. Am 28. April verließen die Vereinigten Arabischen Emirate nach fast 60 Jahren die OPEC, kündigten ein Investitionspaket von 55 Milliarden Dollar an und bauten ihre Hormus-Umgehung über den Hafen Fujairah aus. Die OPEC-Förderung steht auf dem niedrigsten Stand seit über 35 Jahren. Wenn ein Gründungsmitglied austritt, weil Förderquoten seine Renditen schmälern – was hält dann Saudi-Arabien oder Irak davon ab, dasselbe zu tun, sobald der Preis fällt? Genau diese Sollbruchstelle zieht sich seit Monaten durch die Golfregion.
Was als Krise am Golf erscheint, ist damit etwas anderes: die erzwungene Selbstoffenbarung einer Ordnung, die sich längst verschoben hatte. Die Minen in der Straße sind nicht geräumt, kein Staat hat die Räumung übernommen, und ohne Räumung gibt es keine Versicherung, ohne Versicherung keine Tanker – die Krise wird Monate überdauern, gleich was am Verhandlungstisch geschieht. Selbst im günstigsten Szenario der Energieagentur – einer schrittweisen Wiederöffnung ab Juni – bleibt der Markt bis in den Oktober im Defizit; die einmal geleerten strategischen Reserven müssen über Jahre wieder aufgefüllt werden. Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob sich die Ölwelt neu sortiert, sondern wer am Ende die Gewinner, Verlierer und stillen Profiteure bestimmt.
3. Europa: Washington tritt ab, der Kontinent rüstet auf
Im Mai verschob sich die Tonlage des Ukrainekriegs an mehreren Stellen zugleich – und keine davon war ein Schlachtfeld. An der Front stabilisierte sich die Lage; der Economist und die Financial Times beschrieben Ende Mai eine Ukraine, die „das Blatt wendet“, weil in Masse produzierte Drohnen russische Vorstöße ausbremsen. Wladimir Putin erklärte am 09. und am 29. Mai, die Lage nähere sich „der Vollendung“, ohne einen Zeitplan zu nennen. Washington setzte eine Frist für eine Einigung im Juni. Das folgenreichste Signal aber kam von einer NATO-Tagung in Schweden: US-Außenminister Marco Rubio kündigte an, die amerikanische Militärpräsenz in Europa werde mit der Zeit schrumpfen.
Das ist nicht das Ende eines Krieges, sondern die europäische Front eines größeren Zugs. Die offizielle US-Strategie stuft Russland als „beherrschbar“ ein und weist Europa an, seine konventionelle Verteidigung künftig selbst zu tragen. Amerika zieht Kräfte und Aufmerksamkeit ab, um sie für den Pazifik frei zu haben. Europa bleibt mit der Rechnung zurück – und beginnt zu zahlen.
Die Folgewelle ist die schnellste Aufrüstung des Kontinents seit dem Kalten Krieg, und sie läuft auf drei Ebenen zugleich. Erstens das Kommando: Am 06. Februar übernahmen Europäer erstmals alle drei operativen NATO-Kriegskommandos in Norfolk, Neapel und Brunssum, während die USA die strategische Oberbefehlsebene und den Posten des obersten Befehlshabers behielten. Europa führt künftig die Kriegsführung, Amerika behält die Kontrolle darüber. Daneben wächst eine Vertragsarchitektur, die polnische Kommentatoren „NATO innerhalb der NATO“ nennen: bilaterale Beistandspakte zwischen Polen, Frankreich, Großbritannien und – für Juni geplant – Deutschland, ausdrücklich gebaut, um die trägen Bündnisprozesse und die unsichere amerikanische Rückendeckung zu umgehen. Das deutsch-niederländische Korps in Münster soll künftig die NATO-Landstreitkräfte im Baltikum führen, bis zu 60.000 Mann. Premierminister Donald Tusk begründet diese Strategie offen: Im Ernstfall wolle man eine schnelle Reaktion aus Paris und London, bevor das Bündnis überhaupt zusammentritt – und ohne auf Washington warten zu müssen. Rechtlich bleibt es die NATO; politisch entsteht ein Bündnis im Bündnis, das seine geografische Stoßrichtung nicht verbirgt.
Zweitens das Geld. Deutschlands Verteidigungshaushalt stieg 2026 auf 108 Milliarden Euro, eine Verdopplung binnen zweier Jahre – möglich durch eine Grundgesetzänderung, die Rüstungsausgaben oberhalb von einem Prozent der Wirtschaftsleistung dauerhaft von der Schuldenbremse ausnimmt. „Bedrohungslage steht vor Kassenlage“, formulierte der Verteidigungsminister. Auf EU-Ebene stehen 150 Milliarden Euro an Krediten mit Laufzeiten bis zu 45 Jahren für gemeinsame Beschaffung bereit – an der auch die Ukraine und Kanada teilnehmen dürfen -, die Kommission spricht von bis zu 800 Milliarden. Ihre Readiness Roadmap 2030 benennt vier Schwerpunkte – Eastern Flank Watch, eine europäische Drohnenabwehr, einen Luftschild und einen Weltraumschild. Wer vier davon einem einzigen denkbaren Gegner zuordnen kann, versteht, gegen wen diese Architektur gebaut ist. Wenn ein Staat seine Verfassung ändert, um Rüstung dauerhaft aus der Haushaltslogik zu lösen, ist das keine Haushaltspolitik mehr, sondern eine Vorentscheidung.
Drittens das Personal. Seit dem 01. Januar erhalten alle 18-Jährigen in Deutschland einen Fragebogen der Bundeswehr; das gesetzlich verankerte Ziel sind 460.000 Soldaten bis 2035, und eine „Bedarfswehrpflicht“ ist per einfachem Bundestagsbeschluss aktivierbar. Im April legte das Verteidigungsministerium die Strategie einer „Neuen Reserve“ vor: 200.000 Reservisten sollen kritische Infrastruktur schützen, Verkehrswege sichern und im Rahmen des „Operationsplans Deutschland“ als Puffer zwischen Heimat und Front dienen. Das ist keine Armee für Auslandseinsätze, sondern für die Landesverteidigung. Die Panzerbrigade 45 „Litauen“ – Deutschlands erster dauerhaft im Ausland stationierter Kampfverband seit dem Zweiten Weltkrieg – soll bis Ende 2027 auf über 5.000 Soldaten wachsen; ihre Kaserne in Rūdninkai ist im Bau. Im litauischen Wald übten deutsche Spezialkräfte im Mai drei Wochen lang ein Szenario, in dem Russland das Baltikum besetzt hat. Der Gegner wird in keiner offiziellen Verlautbarung beim Namen genannt – er muss es nicht.

Der zweite große Effekt verändert, womit Europa rüstet. Der Ukrainekrieg hat die Drohne zur entscheidenden Waffe gemacht, und Europa zieht die industrielle Konsequenz: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen und Schweden vereinbarten die gemeinsame Produktion von Drohnen und Loitering Ammunition mit 500 Kilometern Reichweite, dazu kamen deutsch-ukrainische Gemeinschaftsprojekte in der Drohnentechnik. Die Ukraine wird so vom Empfänger zum Labor – ein Verteidigungsstandort, dessen Kompetenz Europa importiert, während es ihn zugleich finanziert. Europäische Streitkräfte strukturieren sich um unbemannte Systeme herum neu – ein Bruch mit der Beschaffungslogik der vergangenen Jahrzehnte. Wo vor zwei Jahren Munitionsmangel das Thema war, verwandelt sich die Industrie schrittweise in eine Kriegswirtschaft: Drohnenfabriken, Sonderfonds, militärische Start-ups.
Wer gewinnt in dieser Konstellation Spielraum? Kurzfristig die USA, die Mittel und Aufmerksamkeit für den Pazifik freisetzen. Russland, das den amerikanischen Rückzug und das Patt aussitzen kann, ohne selbst nachgeben zu müssen – Putins „Vollendung“ ist auch ein Warten. Und die europäische Rüstungsindustrie, die in Aufträgen ertrinkt. Wer verliert ihn? Europa als Ganzes: Es rüstet auf, aber ohne das amerikanische Sicherheitsnetz, das diese Aufrüstung jahrzehntelang überflüssig machte.
Damit steht eine Frage im Raum, die in keiner Regierungserklärung auftaucht: Ist das die Emanzipation Europas – oder seine Entsorgung, als Partnerschaft verkleidet?
4. Peking: der Gipfel ohne Ergebnis und der Hebel, der bleibt
Am 14. und 15. Mai trafen sich Donald Trump und Xi Jinping in Peking – ein Gipfel, der wegen des Iran-Kriegs von März verschoben worden war. Trump nannte den Besuch einen Erfolg, reiste aber ohne Durchbruch bei den Seltenen Erden ab. Vereinbart wurden chinesische Käufe von US-Sojabohnen und Boeing-Flugzeugen sowie ein Gegenbesuch im September. Das eigentliche Thema blieb offen – und genau darin liegt die Nachricht.
Die beiden Abschlusserklärungen lasen sich, als hätten zwei verschiedene Gipfel stattgefunden. Das Weiße Haus erklärte, China werde den US-Zugang zu Seltenen Erden „adressieren“, und nannte ausdrücklich Yttrium, Scandium, Neodym und Indium. Die chinesische Seite erwähnte Seltene Erden mit keinem Wort. Dieselbe Asymmetrie war schon nach dem Gipfel von Busan im Oktober 2025 aufgetreten – jetzt zum zweiten Mal in Folge. Wenn eine Seite ein Zugeständnis verkündet, das die andere nicht einmal benennt, ist das Zugeständnis keines.
Das ist der Befund des Monats: Seltene Erden sind kein Verhandlungsgegenstand mehr, sondern ein Dauerzustand. Das Lizenzregime, mit dem Peking im April 2025 seine Ausfuhren unter Kontrolle brachte, wurde nie aufgehoben. Was im Oktober 2025 als Waffenstillstand über die schärferen Beschränkungen ausgehandelt wurde, läuft im November 2026 aus – ein Countdown, keine Lösung. Damit hält China das exakte Gegenstück zur amerikanischen Energiewaffe in der Hand: Wo Washington Chinas Ölzufuhr über Seewege und Blockaden drosselt, drosselt Peking die westliche Industrie über die Verarbeitung.
Dass dies kein Reflex der aktuellen Krise ist, zeigt die Chronologie. Seit 2023 hat Peking seine Ausfuhrkontrollen in mehreren Wellen verschärft – erst Gallium und Germanium, dann Wolfram, Antimon und Graphit, schließlich im April 2025 sieben Seltene Erden samt den zugehörigen Magneten. Und bereits 2010 stoppte China seine Lieferungen nach Japan, als ein Inselstreit eskalierte. Der Hebel ist erprobt; neu ist allein, dass er nicht mehr weggeräumt wird.
Die Hebelwirkung ist strukturell, nicht symbolisch. China verarbeitet über 90 Prozent der weltweiten Seltenen Erden und fertigt rund 90 Prozent der Hochleistungsmagnete. Am tiefsten reicht die Abhängigkeit dort, wo Washington sie am wenigsten gebrauchen kann: im Rüstungssektor. Ein F-35 enthält rund 418 Kilogramm Seltene Erden, ein U-Boot der Virginia-Klasse über 4.000. Nach Pentagon-nahen Daten hängen 78 Prozent der US-Waffensysteme an einer Handvoll kritischer Mineralien, und 88 Prozent der Lieferketten des Verteidigungsministeriums laufen über chinesische Zwischenschritte. Das ist der strategische Catch-22, den Pentagon-Analysen längst benennen: Die USA können China im Pazifik nicht mit Material entgegentreten, das sie aus China beziehen.
Wer gewinnt in dieser Lage Spielraum, wer verliert ihn? China gewinnt, ohne etwas zu tun – solange es die Verarbeitung hält, bestimmt es das Tempo, in dem der Westen sich befreien kann. Das Pentagon steckte 400 Millionen Dollar in MP Materials, den einzigen vollintegrierten US-Produzenten; der fuhr 2025 zwar eine Rekordmenge an Neodym-Praseodym-Oxid ein, schreibt aber weiter Verluste – ein Beleg dafür, wie weit eine eigenständige Lieferkette entfernt ist. Verlieren tun die, die am lautesten Härte gegen Peking fordern: die US-Rüstung, deren modernste Systeme ohne chinesische Magnete nicht vom Band laufen, und die europäische Autoindustrie, die zugleich auf Elektromobilität umstellt und ihren Mineralbedarf vervielfacht. Der KI-Wettlauf verschärft den Druck, denn jeder Rechenzentrumsausbau erhöht die Nachfrage nach genau den Elementen, die Peking kontrolliert.
Peking muss den Hebel deshalb nicht einmal laut ziehen. Es erteilt allgemeine Lizenzen und hält zugleich die strukturelle Engstelle geschlossen. Selbst während dieser Lockerungen bleiben schwere Seltene Erden wie Dysprosium und Terbium ein Engpass. Läuft der Waffenstillstand im November ohne Verlängerung aus, beziffert die Internationale Energieagentur das Risiko auf 6,5 Billionen Dollar jährlicher Wirtschaftsleistung außerhalb Chinas – die Auto- und Elektronikindustrie zuerst. Für Washington ist das Timing fatal: Dieselbe RAND-Logik, die den Pazifik-Schwenk treibt, verlangt Handlungsfähigkeit in genau dem Jahrzehnt, in dem die materielle Abhängigkeit am größten ist.
Der Gipfel hat nichts geändert, weil er nichts ändern konnte. Ein Analyst fasste es nüchtern: Peking werde sagen, was zu sagen ist, um die nächsten Jahre ruhig zu halten – und auf den nächsten US-Präsidenten warten. Seltene Erden sind nicht der Punkt auf der Tagesordnung. Sie sind der Grund, warum Washingtons ganzer Pazifik-Schwenk ein Wettlauf gegen eine Uhr ist, die China vom anderen Ende aus stellt.
5. Die stille Achse: ein Block bildet sich um die unsichere Schutzmacht
Während der Westen im April auf die zweite Verhandlungsrunde zwischen Washington und Teheran blickte, vollzog sich im Hintergrund eine Bewegung, die kaum Schlagzeilen machte. Am 07. April verkündete Donald Trump – 90 Minuten vor seiner eigenen Frist – einen Waffenstillstand mit dem Iran, nach einem Telefonat mit Pakistans Premier Shehbaz Sharif und Armeechef Asim Munir. Acht Tage später brach Sharif zu einer viertägigen Reise auf: Riad, Antalya, Doha. Drei Hauptstädte, drei strategische Partner – und eine Konsultationsbewegung, die der Westen als Randnotiz abtat.
Pakistan war zur Schaltstelle geworden. Schon am 29. März hatte Islamabad die Außenminister Saudi-Arabiens, Ägyptens und der Türkei empfangen, um über Deeskalation und die Wiederöffnung der Straße von Hormus zu beraten; als Vermittler zwischen Washington und Teheran trug das Land Botschaften zwischen den Fronten. Aus dieser Maklerrolle wuchs etwas Größeres.
Es geht um vier Hauptstädte: Pakistan, Saudi-Arabien, die Türkei und Katar. Der frühere israelische Premier Naftali Bennett hatte die ersten drei bereits im Februar benannt; Katar gehört zur Bewegung, ohne formell am Tisch zu sitzen. Den Kern bildet ein Verteidigungsabkommen, das Riad und Islamabad am 17. September 2025 unterzeichneten – ein Angriff auf das eine Land gilt als Angriff auf das andere. Das ist mehr als eine Beistandsklausel: Pakistan ist die einzige Atommacht der islamischen Welt, mit rund 170 Sprengköpfen. Über die stille Achse spannt sich damit, kaum ausgesprochen, ein nuklearer Schirm über den Golf.
Dieser Block formiert sich nicht trotz der USA, sondern ihretwegen. Derselbe Rückzug, der Europa zur Aufrüstung treibt, lässt auch die Golfstaaten vorsorgen: Wenn Washingtons Garantie an Bedingungen hängt, bauen die sunnitischen Staaten ihre eigene. Am 13. Mai verdichteten sich Berichte, wonach die Türkei und Katar ihren Platz im Pakt formalisieren könnten. Die Achse sichert gegen zweierlei zugleich – gegen Iran jenseits des Wassers und gegen ein Amerika, das vielleicht nicht kommt. Die Rolle der Türkei sticht dabei heraus: eine Macht, die der Westen zunehmend als Rivalen behandelt, wird zum Scharnier des Blocks. Und selbst Iran lässt sich nicht sauber als Gegner verbuchen – dasselbe Pakistan, das den sunnitischen Schirm mitträgt, vermittelt zugleich für Teheran. Die Achse richtet sich am Ende weniger gegen ein einzelnes Land als gegen die Abhängigkeit selbst.
Bemerkenswert ist, wer da vorsorgt. Katar beherbergt mit Al Udeid den größten US-Luftwaffenstützpunkt der Region – und sondiert dennoch eine Absicherung jenseits Washingtons. Berichten zufolge prüft ein Viererkreis aus Ägypten, Pakistan, Saudi-Arabien und der Türkei sogar eine gemeinsame Abschreckung, die sich nicht allein gegen Iran richten würde. Was hier entsteht, ist kein NATO-Nachbau, sondern etwas Lockereres und gerade darum Robusteres: ein Geflecht bilateraler Pakte und Konsultationen, sunnitisch grundiert, nuklear unterlegt, zunehmend unabhängig vom amerikanischen Willen. Dass ein früherer israelischer Regierungschef die Bewegung zuerst beim Namen nannte, zeigt, wie genau sie in der Region registriert wird.
Das verbindende Element bleibt Pakistans Aufstieg. Jahrelang isoliert, wird Islamabad nun von China, den Golfstaaten, Iran und den USA zugleich umworben. Indiens Wette, Pakistan zu isolieren, ist nach hinten losgegangen: Noch während Washington am 26. Mai ein Handelsabkommen über 500 Milliarden Dollar mit Neu-Delhi schloss, hielt es Pakistans Zölle bei 19 Prozent – gegen 50 Prozent für Indien. Islamabads Wert ist gestiegen, nicht gefallen.

Damit verschiebt sich der Golf gleich doppelt aus Washingtons Griff. Im selben Monat, in dem die Emirate die OPEC verließen und ihre Förderpolitik vom Kartell lösten, lösen dieselben Golfstaaten ihre Sicherheit von der amerikanischen Garantie. Energie und Verteidigung – die beiden Hebel, mit denen die USA die Region ein halbes Jahrhundert lang banden – lockern sich im selben Augenblick.
All das geschieht, während die USA anderswo hinschauen. Die Logik des Pivots ist Konzentration: Rückzug aus dem Nahen Osten und aus Europa, Massierung Richtung Indo-Pazifik und China. Der Golfblock ist das absehbare Echo – Mieter bauen sich ein eigenes Dach, wenn der Vermieter den Umzug ankündigt. Während im Golf ein neuer Block entsteht, richten die USA Doktrin und Ressourcen auf den Indo-Pazifik aus – dorthin, wo aus ihrer Sicht der eigentliche Wettlauf läuft. Was im Nahen Osten wie Emanzipation aussieht, ist anderswo die Kehrseite derselben Verschiebung.
Eine atomar unterlegte sunnitische Achse, in wenigen Monaten sondiert, unter einem amerikanischen Schirm, der sich gerade einklappt – das ist die Einkreisung, von innen betrachtet. Nicht Washington zieht hier die Linien; es zieht sich zurück, und andere füllen den Raum.
6. Sahel: Russlands Modell zerbricht, und Afrika brennt im Schatten
Seit dem 25. April rollte eine koordinierte Offensive der Tuareg-Rebellen des FLA und der al-Qaida-nahen JNIM über den Norden Malis. Kidal und Gao fielen, in mehreren Städten wurden Garnisonen überrannt, und in Kati starb Verteidigungsminister Sadio Camara – eine Schlüsselfigur der Junta – durch eine Autobombe. Das Bild aber, das den Monat zusammenfasst, stammt aus Kidal: Rund 400 Kämpfer des russischen Africa Corps handelten einen Abzugskorridor aus und wurden von genau den Rebellen aus der Stadt eskortiert, gegen die sie gekommen waren. Die zurückgelassenen malischen Soldaten gerieten in Gefangenschaft.
Das ist mehr als eine verlorene Stadt. Es ist der Zusammenbruch eines Modells. Das Africa Corps, Nachfolger der Wagner-Gruppe, war die Sicherheitsgarantie der Junta, nachdem sie Frankreich und die UN-Mission aus dem Land geworfen hatte. Im Mai zeigte sich, dass diese Garantie hohl ist: Kidal, im November 2023 mit Wagner-Unterstützung zurückerobert, ging nach dreißig Monaten wieder verloren. Es war die am besten koordinierte Aufstandsoffensive seit dem Zusammenbruch des malischen Nordens 2012, ab dem 28. April verstärkt durch den Sahel-Ableger des „Islamischen Staates“. Das Africa Corps unterhielt nach eigenen Angaben zehn- bis zwölftausend Mann im Land – und hielt den Norden dennoch nicht. Der Schaden strahlt aus, denn Russlands Stellung in Burkina Faso und Niger ruht auf demselben Versprechen: Söldner gegen Rohstoffe und Loyalität, Sicherheit dort, wo der Westen versagt habe. Hält dieses Versprechen in Mali nicht, wackelt der ganze afrikanische Vorstoß Moskaus. Mali brennt, Russland blutet
Stabilität bringt der Umbruch nicht. Die Junta hatte den Westen im Namen der Souveränität vertrieben und sich in die Abhängigkeit von Moskau begeben; nun, da auch diese bröckelt, sucht sie neue Schutzherren in Ankara, Teheran und Peking, während das Bündnis aus Jihadisten und Tuareg den Norden konsolidiert. Das Bündnis aus Tuareg und Jihadisten zielt dabei nicht auf die Eroberung ganz Malis, sondern darauf, den Norden zu beherrschen und in Bamako Verhältnisse zu erzwingen, die es lenken kann. Der multipolare Wettlauf um Afrika tauscht so nur die Fahnen auf den Pick-ups aus; der Staat selbst zerfällt weiter – und in Ouagadougou und Niamey schaut man genau hin.
Tausend Kilometer östlich läuft dieselbe Logik tödlicher ab. Nach drei Jahren Krieg ist der Sudan die schwerste humanitäre Katastrophe der Welt: über 40.000 Tote, mehr als 14 Millionen Vertriebene, bestätigte Hungersnot in El-Faschir und Kadugli. Nach der Einnahme von El-Faschir im Oktober – einer achtzehnmonatigen Belagerung mit Massakern, die den Internationalen Strafgerichtshof auf den Plan riefen – kontrollieren die Rapid Support Forces inzwischen Darfur und den größten Teil Kordofans. Die belagerten Städte Kordofans sind die neue Front, und die Hungersnot wandert mit ihr. Der Krieg hat die größte Vertreibungskrise der Welt ausgelöst; nach UN-Angaben ist rund die Hälfte der Bevölkerung von Hunger bedroht, und der Fall El-Faschirs trieb Hunderttausende in ohnehin überforderte Nachbarorte.
Der Sudan ist dabei ein Stellvertreterkrieg der Golfmächte. Die sudanesische Armee fliegt türkische Baykar-Drohnen; die RSF setzt chinesische Drohnen ein, die nach verbreiteter Einschätzung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammen. Dieselben Golfrivalitäten, die sich andernorts zu einer stillen Achse fügen, töten hier durch Mittelsmänner. Selbst der Vermittlungsversuch trägt die Handschrift derselben Akteure: Ein „Quad“ aus den USA, Saudi-Arabien, Ägypten und den VAE rang um einen dreimonatigen Waffenstillstand – und die Kriegsparteien kämpften weiter.

Das Entscheidende aber: Kaum jemand schaut hin. Anfang 2026 verlagerte sich die diplomatische Aufmerksamkeit fast vollständig auf den Iran-Krieg. Energie, Schlagzeilen und Vermittler richteten sich auf den Golf – und in dem Schatten, den dieser warf, vertieften sich zwei afrikanische Katastrophen nahezu unbeobachtet. Das ist die unsichtbarste Folgewelle des Monats: Wo sich Aufmerksamkeit und Mittel auf einen Punkt bündeln, fällt der Rest des Bretts ins Dunkel. Russland verliert in Mali eine strategische Position, ohne dass es groß registriert wird; im Sudan sterben Zehntausende in einem Krieg, den Golfmächte mitfinanzieren und über den die Weltöffentlichkeit hinwegliest. Wer den Lagebericht aus Mali neben die Meldungen vom Golf legt, sieht zwei Hälften derselben Verschiebung.
Wer gewinnt Spielraum, wenn die Großmächte wegsehen? Die lokalen Milizen, die Stellvertreter-Finanziers, die Warlords. Wer verliert ihn? Zig Millionen Zivilisten – und ein Kontinent, der zum Spielbrett für alle anderen wird, während die Welt in eine andere Richtung blickt.
7. Monroe 2.0: Washington wendet die Energiewaffe nach innen
Am 20. Mai erhob das US-Justizministerium Anklage gegen Raúl Castro – 94 Jahre alt, zur Tatzeit Verteidigungsminister – wegen des Abschusses zweier ziviler Flugzeuge der Exilgruppe Brothers to the Rescue im Jahr 1996. Der Vorwurf ist drei Jahrzehnte alt; die Botschaft liegt im Zeitpunkt. Die Anklage liefert Washington einen Vorwand für genau jene Art von Operation, mit der die USA im Januar in Caracas den venezolanischen Präsidenten Maduro absetzten.
Denn seit der Einnahme Venezuelas und seines Öls hat Washington eine Blockade verhängt, die Kuba den Treibstoff abschnürt – eine Insel, die fast vollständig von venezolanischem Rohöl abhing. Die Folgen sind drastisch: Das Stromnetz brach mehrfach landesweit zusammen, bei einem totalen Ausfall lagen rund zehn Millionen Menschen im Dunkeln, Wasser- und Lebensmittelversorgung gerieten ins Wanken, Krankenhäuser, Schulen und die Nahrungsmittelproduktion wurden in Mitleidenschaft gezogen. Auf der Straße wurden Rufe nach Licht zu Rufen gegen die Regierung, Barrikaden brannten. Kuba wird in einen „Deal“ gehungert – oder, wie Trump es nannte, in eine „freundliche Übernahme“.
Die Eskalation hat zwei Hände. Während die Castro-Anklage den Druck erhöht, reiste CIA-Direktor Ratcliffe nach Havanna – das höchstrangige Gespräch zwischen beiden Staaten seit Beginn der Blockade. Erpressung und Gesprächsangebot, dieselbe Faust im selben Monat.
Das ist die Energiewaffe aus dem ersten Kapitel dieses Hefts, nach innen gewendet. Wo Washington fremden Rivalen die Straße von Hormus verschloss, dreht es einem Nachbarn den Hahn ab. Das Öl ist der Hebel, die Hemisphäre das Schloss – die Monroe-Doktrin in neuer Auflage: der Kontinent als Hinterhof, gesichert nicht durch Kanonenboote, sondern durch Versorgungskontrolle. Den Präzedenzfall hatte Venezuela im Januar geliefert.
Dieselbe Logik läuft durch Panama. Dort drängte Washington darauf, chinesische Betreiber aus den Häfen des Kanals zu verdrängen – über den ein erheblicher Teil des US-Handels läuft und dessen chinesische Konzessionen Washington als strategisches Einfallstor galten. Der Hinterhof wird zugleich von fremden Stützpunkten geräumt und der Engpass gesichert. Energie, Chokepoints, Einflusszonen: drei Hebel, ein Ziel.
Die Methode wiederholt sich, nur die Vorwände wechseln: In Mexiko wurden Kartelle zu Terrororganisationen erklärt und damit zum möglichen Anlass für Eingriffe, in Venezuela diente der Drogenkrieg, in Kuba ein Abschuss von 1996. Und hinter dem Öl steht ein zweites Motiv. Wer die Energieströme der Hemisphäre kontrolliert, sichert zugleich den Dollar, in dem dieses Öl weltweit gehandelt wird. Die Monroe-Doktrin in ihrer neuen Auflage ist deshalb auch eine Verteidigungslinie amerikanischer Währungsmacht – gegen genau die Entdollarisierung, die Staaten wie China und Russland vorantreiben.
Wer gewinnt dabei Spielraum? Die USA, die sich eine energiegesicherte, von chinesischem Einfluss gereinigte Hemisphäre verschaffen; Venezuelas Öl fließt unter amerikanischer Kontrolle. Wer verliert ihn? Die Souveränität der ins Visier genommenen Staaten – und jede äußere Macht, die hier einen Fuß in die Tür bekommen wollte.
Ein Präsident, in Caracas verschleppt; ein Patriarch, in Miami angeklagt; eine Insel im Dunkeln – neu gezeichnet vom selben Instrument, das einen Ozean entfernt eine Meerenge schloss. Die Doktrin ist zweihundert Jahre alt, die Methode neu. Offen ist allein der nächste Name.
8. Gesamtbilanz: Wer den Engpass hält, hält den Raum
Sechs Schauplätze, ein Muster. Was den Mai verbindet, ist nicht ein gemeinsamer Akteur, sondern ein gemeinsames Instrument: die Kontrolle über materielle Ströme. Öl durch eine Meerenge, Dünger über See, Seltene Erden durch chinesische Verarbeitung, Treibstoff zu einer Insel, Söldner für eine Junta – überall entschied nicht die Feuerkraft, sondern der Zugriff auf einen Engpass. Versorgung wurde zur Waffe, und wer den Engpass hält, hält den Raum.
Die Gewinner des Monats sitzen an genau diesen Engstellen. Die USA stehen vorn: energiegesichert im eigenen Becken, in Europa entlastet, im eigenen Hinterhof durchsetzungsfähig, mit dem Blick frei für den Pazifik. Im Schlepptau profitieren die Lieferanten der neuen Atlantikordnung – Brasilien auf Förderrekorden, ein wieder geöffnetes Venezuela unter amerikanischer Kontrolle, die Emirate als verlässlicher Produzent außerhalb des Kartells. China gewinnt, ohne sich zu bewegen: Seine Verarbeitungshoheit bei Seltenen Erden ist ein Pfand, das es nicht einmal ziehen muss. Russland verdient still am teuren Öl, auch wenn es in Mali eine strategische Position verliert. Und unterhalb der Großmächte gewinnen die Rüstungsindustrien, die in Aufträgen ertrinken, sowie die lokalen Bewaffneten, die in den Vakua zerfallender Staaten Gelände machen. Doch kein Sieg ist hier ganz fest: Amerikas Energiemacht ruht auf einer Flanke, die Peking kontrolliert, und Chinas Pfand verfällt in dem Maß, in dem der Westen seine Lieferketten umbaut. Die Gewinner des Monats sind Gewinner auf Zeit.
Die Verlierer sind die, die am Ende einer Lieferkette hängen, ohne sie zu kontrollieren. Asiens energiehungrige Industrie – Chinas Petrochemie, Japans und Koreas Raffinerien – zahlt den Preis der Hormus-Sperrung. Die Ärmsten zahlen ihn doppelt, weil teurer Dünger ein Jahr später als teures Brot zurückkehrt. Iran, der eigentliche Adressat der Blockade, sieht seine Ausfuhren erstickt. Europa rüstet auf, aber ohne das Netz, das diese Aufrüstung jahrzehntelang erübrigte. Und am unteren Ende der Bilanz stehen die Zivilisten im Sudan und in Kuba, deren bloße Versorgung zum Druckmittel gegen ihre Regierungen wurde. Ein leiser Verlierer ist überdies die alte Ordnung des Golfs selbst: Mit dem OPEC-Austritt der Emirate und der sich formierenden sunnitischen Achse lockern sich Energie- wie Sicherheitsbindungen, die ein halbes Jahrhundert lang hielten.
Die größte Verwundbarkeit des Monats trägt ein Datum: November 2026. Dann läuft der Waffenstillstand über Chinas schärfste Exportkontrollen aus. Reißt er, steht nach Schätzung der Energieagentur Wirtschaftsleistung in Billionenhöhe auf dem Spiel – und Washington steht vor seinem Grunddilemma: Es kann China im Pazifik nicht mit Material entgegentreten, das aus China kommt. Die zweite offene Flanke ist Hormus selbst. Solange die Minen nicht geräumt sind, kann eine 33 Kilometer schmale Meerenge die halbe Weltwirtschaft in Geiselhaft halten – gleich, was am Verhandlungstisch beschlossen wird.
Der schärfste Hebel ist deshalb keine Waffe, sondern eine Engstelle. Die Straße von Hormus, die chinesische Magnetfertigung, der abgedrehte Treibstoffhahn vor Kuba, die Seewege, an denen Pakistans Vermittlung und Pekings Häfen hängen – überall liegt die Macht dort, wo sich ein Strom auf einen schmalen Durchlass verengt. Das ist die nüchterne Lehre des Monats: Krieg führt man im 21. Jahrhundert nicht mehr nur mit Armeen, sondern mit Ventilen. Wer eines davon zudrehen kann, braucht keine Front. Und die Hebel zeigen in beide Richtungen: Washington hält die Seewege, über die Chinas Öl kommt; Peking hält die Verarbeitung, ohne die Washingtons modernste Waffen nicht entstehen. Zwei Supermächte mit je einer Hand an der Kehle der anderen – das ist die Statik, auf der dieser Monat ruht.
Der blinde Fleck liegt nicht in einer Region, sondern in der Wahrnehmung. Während sich Aufmerksamkeit und Ressourcen auf den Golf bündelten, verschwand Afrika aus dem Blick – Russlands Niederlage in Mali, das Verbluten des Sudan. Doch der eigentliche blinde Fleck ist das Muster selbst. Jedes dieser Ereignisse wurde einzeln gemeldet, als Krise für sich. Nebeneinandergelegt aber zeigen sie eine Architektur: dieselbe Logik in Caracas, in Kidal, an der Straße von Hormus und in Peking. Wer nur die Einzelmeldung liest, sieht Chaos. Wer sie übereinanderlegt, sieht Methode.
Die Ordnung von 1945 endet nicht mit einem Knall, sondern mit einer Neusortierung entlang materieller Ketten. Energie, kritische Rohstoffe, Nahrung, Transportwege – das sind die Linien, an denen sich Macht im Jahr 2026 neu verteilt. Diesen Kompass zu lesen heißt, genau das zu tun: nicht der lauten Einzelmeldung zu folgen, sondern das leise Muster dahinter zu sehen. Wer es einmal erkannt hat, liest die nächste Schlagzeile anders. Und die Frage, die der Monat jedem stellt, bleibt nüchtern und unbequem zugleich: An welchem Engpass hänge ich – und wer hält ihn?
9. Strategischer Ausblick: Sieben Signale für die kommenden Wochen
Dieser Teil ist unterstützenden Lesern vorbehalten.
Ein Kompass zeigt nicht nur, wo man steht, sondern wohin die Nadel weist. Die folgenden sieben Signale sind keine Prognosen, sondern Beobachtungspunkte: konkrete, überprüfbare Ereignisse, an denen sich in den kommenden Wochen entscheidet, ob sich das Muster des Monats verfestigt oder bricht. Wer sie kennt, liest die Schlagzeilen des Juni nicht als Zufall, sondern als Bestätigung oder Widerlegung einer These.
Der Strategische Ausblick ist unterstützenden Lesern vorbehalten.
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Weiterlesen: das Archiv zum Kompass
Der Kompass zeigt das Muster. Die folgenden Tiefenanalysen zeigen die Beweise. Wer einen der Befunde dieses Monats bis auf die Primärquellen verfolgen will, findet hier die passende Langfassung – geordnet nach den Schauplätzen dieser Ausgabe.
Das große Bild
- Operation Pivot – Der Masterplan hinter Öl, Chokepoints und Entdollarisierung: warum Trumps Politik kein Chaos ist, sondern Methode.
- Von der RAND-Studie zur Nationalen Sicherheitsstrategie – Wie eine Denkfabrik das „Zeitfenster“ gegen China definierte und Washington es Wort für Wort umsetzt.
Golf, Öl und Ernährung
- Wer profitiert vom Krieg am Golf? – Die neue Ölordnung, gelesen aus dem IEA-Report: Gewinner, Verlierer und die Atlantikbasin-Rotation.
- Folgt dem Öl – Wie Washington Chinas Energieversorgung demontiert (Teil 1) – Die operative Logik hinter Syrien, Venezuela, Iran, Panama.
- Folgt dem Öl – Teil 3: Die Golfstaaten zwischen den Fronten – Warum Trump die Kohäsion der Golfstaaten spaltet.
Europa rüstet auf
- Das Muster verdichtet sich – Sechs Monate, in denen Europa vom Friedens- in den Kriegsmodus umgebaut wurde.
- Spannungsfall 2026 – Wie die deutsche Industrie auf Kriegswirtschaft vorbereitet wird.
China und die Rohstoffwaffe
- Das US-Materialien-Paradoxon – Washingtons Catch-22: militärisch handeln zu müssen mit Material, das aus China kommt.
- China – Das stille Manöver – Pekings Kalkül, während die USA im Persischen Golf Munition verbrauchen.
Die stille Achse
- Die stille Achse – Vier Hauptstädte, eine Bewegung: Pakistan, Saudi-Arabien, die Türkei und Katar sondieren eine eigene Sicherheitsarchitektur.
- Die Einkreisung – Wie sich ein Block um die unsichere Schutzmacht USA bildet.
Sahel
- Mali brennt, Russland blutet – Der Zusammenbruch von Russlands Söldnermodell im Norden Malis.
- Mali-Lagebericht vom 29. Mai 2026 – Der aktuelle Stand nach dem Fall von Kidal.
Monroe 2.0 / Die Hemisphäre
- Venezuela: Breaking Democracy – Der Präzedenzfall: die militärische Entführung eines amtierenden Präsidenten und das Ende der regelbasierten Ordnung.
Über den Autor
Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellenverzeichnis
Die folgenden Belege dokumentieren die im Kompass verarbeiteten externen Primärdaten. Die weiterführende Quellenlage zu den interpretativen Linien findet sich jeweils in den verlinkten Analysen.
Hormus: Öl, Dünger und der Riss im Golf
- IEA – Oil Market Report, Mai 2026 (Preisausschlag North Sea Dated, Lagerabbau infolge der Hormus-Störungen). https://www.iea.org/reports/oil-market-report-may-2026 (teils kostenpflichtig)
- Euronews – VAE verlassen die OPEC nach 59 Jahren, 29. April 2026. https://www.euronews.com/business/2026/04/29/oil-prices-rise-despite-uae-exit-from-opec-as-iran-war-ceasefire-hangs-in-balance
- World Bank Blogs – Düngerpreissprung durch die Hormus-Schließung (Harnstoff +60 %), April 2026. https://blogs.worldbank.org/en/opendata/fertilizer-prices-surge-as-strait-of-hormuz-disruptions-tighten-
- CNBC – Düngerpreise und Ernährungssicherheit im Iran-Krieg, 25. März 2026. https://www.cnbc.com/2026/03/25/fertilizer-price-iran-war-food-security-inflation-urea-potash-nitrogen-farmers.html
- Food Security Portal (IFPRI) – Hormus und ein Drittel des Seehandels mit Dünger, Mai 2026. https://www.foodsecurityportal.org/node/3890
Europa: Washington tritt ab, der Kontinent rüstet auf
- NATO – Europäer übernehmen alle drei Joint Force Commands, 06. Februar 2026. https://www.nato.int/en/news-and-events/articles/news/2026/02/06/european-allies-to-take-on-new-leadership-roles-in-natos-command-structure
- RFE/RL – Rubio in Schweden: US-Präsenz in Europa schrumpft, Mai 2026. https://www.rferl.org/a/rubio-nato-europe-rutte-troops-summit/33762824.html
- Atlas Institute – Deutschlands Wehretat 2026 über 108,2 Milliarden Euro, Dezember 2025. https://atlasinstitute.org/germanys-path-to-kriegstuchtigkeit-the-2026-defence-budget/
- RFE/RL – EU beschließt SAFE-Fonds über 150 Milliarden Euro, 27. Mai 2025. https://www.globalsecurity.org/military/library/news/2025/05/mil-250527-rferl01.htm
- The Irish Times – Ukraines Drohnenmacht verschiebt die Kräfteverhältnisse, 31. Mai 2026. https://www.irishtimes.com/world/europe/2026/05/31/ukraines-ramped-up-drone-power-is-transforming-its-fortunes-against-russia/
Peking: der Gipfel ohne Ergebnis und der Hebel, der bleibt
- MINING.COM – Trump verlässt Peking ohne Seltene-Erden-Abkommen, Mai 2026. https://www.mining.com/trump-leaves-beijing-with-no-rare-earth-deal-confirmed/
- CNBC – Asymmetrische Gipfel-Bilanz: China nennt Seltene Erden nicht, 18. Mai 2026. https://www.cnbc.com/2026/05/18/us-china-announce-deals-after-trump-xi-summit.html
- E&E News / POLITICO – Busan-Vereinbarung zu Seltenen Erden läuft im November aus, Mai 2026. https://www.eenews.net/articles/trump-xi-meeting-could-shape-rare-earths-deal/
- Council on Foreign Relations – Zur Asymmetrie der Exportkontrollen nach dem Gipfel, Mai 2026. https://www.cfr.org/event/media-briefing-making-sense-of-the-trump-xi-summit
Die stille Achse
- Strategic Mutual Defence Agreement (Wikipedia-Eintrag; Pakt unterzeichnet am 17. September 2025 in Riad). https://en.wikipedia.org/wiki/Strategic_Mutual_Defence_Agreement
- Bloomberg – Pakistan signalisiert Beitritt von Türkei und Katar, 13. Mai 2026. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-05-13/pakistan-signals-turkey-qatar-may-join-saudi-defense-pact (kostenpflichtig)
- Arab News – Türkei und Katar könnten dem saudisch-pakistanischen Pakt beitreten, Mai 2026. https://www.arabnews.com/node/2643393/pakistan
- The Times of Israel – Türkei „sehr wahrscheinlich“ im Pakt; Pakistans Nukleararsenal, Januar 2026. https://www.timesofisrael.com/turkey-said-very-likely-to-join-saudi-arabia-pakistan-mutual-defense-pact/
- Chatham House – Ankaras Hedging-Strategie und der Pakt, Januar 2026. https://www.chathamhouse.org/2026/01/talk-turkish-military-alliance-saudi-arabia-and-pakistan-reflects-ankaras-opportunistic
Sahel
- CNN – Africa Corps unter Spott aus Kidal vertrieben, Russlands Griff schwindet, 10. Mai 2026. https://www.cnn.com/2026/05/10/africa/putin-africa-corps-kidal-mali-intl-cmd
- ICCT – Gründe und Folgen der Offensive vom 25. April in Mali, Mai 2026. https://icct.nl/publication/mali-what-were-reasons-and-consequences-25-april-attacks
- The Soufan Center – Die Grenzen des russischen Africa Corps in Mali, 12. Mai 2026. https://thesoufancenter.org/intelbrief-2026-may-12/
- UN News – „Kein Winkel des Sudan ist sicher“: Hungersnot und Gräueltaten, Februar 2026. https://news.un.org/en/story/2026/02/1167003
- NPR – Sudan im vierten Kriegsjahr, größte humanitäre Krise der Welt, 15. April 2026. https://www.npr.org/2026/04/15/nx-s1-5781032/sudan-darfur-war-genocide-famine
Monroe 2.0: Washington wendet die Energiewaffe nach innen
- CNN – US-Anklage gegen Raúl Castro wegen des Abschusses von 1996, 20. Mai 2026. https://www.cnn.com/2026/05/20/politics/live-news/raul-castro-doj-indictment
- PBS News / AP – Anklage und Treibstoffblockade nach Maduros Sturz, 20. Mai 2026. https://www.pbs.org/newshour/world/watch-live-u-s-expected-to-announce-indictment-of-former-cuban-president-raul-castro
- PBS News / AP – Landesweiter Stromausfall in Kuba unter US-Energieblockade, März 2026. https://www.pbs.org/newshour/amp/world/cuba-reports-island-wide-blackout-as-country-struggles-with-energy-crisis
- Al Jazeera – Kuba unter Ölblockade, Trumps Übernahmedrohung, 22. März 2026. https://www.aljazeera.com/news/2026/3/22/emerging-from-latest-blackout-cuba-says-ready-for-any-potential-us-attack
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