von Michael Hollister
Exklusive Veröffentlichung nur bei Michael Hollister am 01.04.2026
3.096 Wörter * 16 Minuten Lesezeit

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Eine Analyse des Annual Threat Assessment 2026 der US-Intelligence Community
Was ist der Annual Threat Assessment?
Der Annual Threat Assessment (ATA) ist das offizielle, jährlich erscheinende Lagebild der gesamten US- Intelligence Community. Seine Veröffentlichung ist gesetzlich verpflichtend – geregelt durch Section 617 des Intelligence Authorization Act von 2021. Das Dokument wird vom Office of the Director of National Intelligence (ODNI) herausgegeben und vom National Intelligence Council (NIC) koordiniert, der die Beiträge aller 18 US-Geheimdienste synthetisiert: CIA, DIA, NSA, FBI (Counterintelligence), NRO, NGA, DHS Intelligence sowie die Nachrichtendienste aller Teilstreitkräfte.
Die Grundlage sind klassifizierte Quellen – Signals Intelligence, Human Intelligence, Imagery Intelligence, Cyber Intelligence sowie Auswertungen aus Partnerdiensten, darunter die Five-Eyes-Allianz. Der öffentlich zugängliche ATA ist die abgespeckte, freigegebene Version eines umfangreicheren klassifizierten Dokuments.
Primärempfänger sind der US-Kongress – konkret die Geheimdienstausschüsse beider Kammern – sowie Präsident, Kabinett und militärische Führung. Offizielles Ziel: strategische Frühwarnung und Entscheidungsunterstützung für Gesetzgebung, Budgetplanung und Außenpolitik. Die öffentliche Veröffentlichung ist keine freiwillige Transparenzgeste, sondern gesetzliche Pflicht.
Der ATA 2026 wurde am 18. März 2026 unter DNI Tulsi Gabbard veröffentlicht. Er ist die Primärquelle dieser Analyse.
Am 18. März 2026 veröffentlichte Tulsi Gabbard, seit Januar 2025 Direktorin des Office of the Director of National Intelligence, den Annual Threat Assessment 2026 – das offizielle Lagebild der gesamten US-Intelligence Community. 34 Seiten, alle großen Konfliktregionen abgedeckt, von Iran über China bis zur Arktis. Der Bericht trägt den Stempel des Kongresses: gesetzlich verpflichtend, jährlich erscheinend, für die Öffentlichkeit bestimmt.
Wer dieses Dokument liest, bekommt einen seltenen Blick in das, was 18 US-Geheimdienste gemeinsam als Bedrohung für Amerika definieren. Wer es nur liest, versteht die halbe Geschichte.
Die andere Hälfte liegt in dem, was fehlt.
Ein Geheimdienstdokument sagt zwei Dinge gleichzeitig: was es benennt, und was es bewusst nicht benennt. Beide Aussagen sind analytisch gleich wertvoll – manchmal ist das Schweigen sogar aufschlussreicher als der Text. Dieser Artikel liest beides. Er nimmt den ATA 2026 ernst als das, was er ist: das offizielle Weltbild einer Supermacht im Jahr 2026. Und er stellt die Frage, welche Entwicklungen in diesem Weltbild systematisch fehlen – und was dieses Schweigen über die tatsächlichen Prioritäten Washingtons verrät.
Die Befunde sind bemerkenswert.
Was der Bericht tatsächlich sagt – und was auffällt
Bevor wir zu den Lücken kommen, lohnt ein Blick auf das, was der ATA 2026 tatsächlich enthält. Das Dokument ist substanziell und in Teilen überraschend offen.
Iran und Operation Epic Fury nehmen breiten Raum ein. Der Bericht bestätigt offiziell, was seit Wochen die Schlagzeilen dominiert: Ayatollah Ali Chamenei wurde am 28. Februar 2026 getötet. Die Anlage in Natanz wurde durch Luftangriffe beschädigt – die IAEA bestätigte Schäden an den Eingangsgebäuden der unterirdischen Urananreicherungsanlage, erwartet aber keine Freisetzung radioaktiver Materialien. Iran versucht mit verbliebenen Kapazitäten – ballistischen Raketen, Drohnen, dem Axis-of-Resistance-Netzwerk – zu retalieren.
Was in der öffentlichen Berichterstattung weitgehend untergegangen ist: Am 11. März 2026 bekannte sich eine mit Iran verknüpfte Hackergruppe zu einem Cyberangriff auf ein US-amerikanisches Medizintechnologieunternehmen. Die behaupteten Ausmaße sind gravierend – 200.000 Systeme sollen gelöscht, 50 Terabyte Daten abgezogen worden sein. Der ATA erwähnt diesen Angriff explizit als Reaktion auf die US-Militäraktionen gegen Iran. Das ist eine direkte Eskalation auf US-amerikanischem Boden, die medial kaum stattgefunden hat.
China wird als primäre strategische Bedrohung eingestuft – deutlicher als in jedem früheren ATA. Der Bericht bezeichnet China als „aktivste und beständigste Cyberbedrohung“ für US-Regierungsnetzwerke, privatwirtschaftliche Infrastruktur und kritische Versorgungssysteme. Gleichzeitig hat China Russland als wichtigsten US-Konkurrenten im Weltraum abgelöst. Ein Detail, das im Bericht fast beiläufig erwähnt wird, aber strategisch erheblich ist: China besitzt in Afrika mehr Bergbaulizenzen für fünf kritische Mineralien – Bauxit, Kobalt, Graphit, Lithium, Mangan – als jedes andere Land der Welt. Diese Mineralien sind die Grundlage für Waffensysteme, Halbleiter und Batterietechnologie – genau jene Bereiche, in denen China die globale Führung anstrebt.
Russland erfährt im ATA eine bemerkenswerte Neubewertung. Das Dokument beschreibt Russland als Land das „die Oberhand“ im Ukraine-Krieg hat und wenig Grund sieht, aufzuhören. Gleichzeitig – und das ist die strategisch entscheidende Formulierung – wird Russland als „persistent but manageable threat“ eingestuft. Kein existenzieller Gegner, sondern ein handhabbares Problem. Das entspricht exakt der Sprache der National Security Strategy von November 2025 und der National Defense Strategy von Januar 2026, die ich in meiner Analyse „Operation Pivot“ und „Folgt dem Öl“ bereits dokumentiert habe. Washingtons Blick richtet sich nach Osten – nicht nach Europa.
Neu im ATA: Die Sprengung einer Eisenbahnstrecke in Polen im November 2025 wird als russische Sabotage bestätigt. Nordkorea hat mehr als 11.000 Soldaten nach Russland entsandt, die inzwischen Kampferfahrung in der modernen Kriegführung gesammelt haben – ein Detail, auf das ich später zurückkomme.
Die Türkei taucht in einer Passage auf, die in der westlichen Berichterstattung praktisch nicht stattgefunden hat. Im Abschnitt über globale Militärdynamiken listet der ATA jene Länder auf, die aktiv Konflikte zu ihren Gunsten zu beeinflussen versuchen – durch Waffenlieferungen, Proxykräfte oder eigene Militäraktionen. Die Liste lautet: Ägypten, Israel, Pakistan, Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Türkei – NATO-Mitglied, zweitgrößte Allianzarmee – steht in einem offiziellen US-Geheimdienstdokument gleichrangig neben Pakistan und den VAE als Destabilisierungsakteur. Kein Kommentar, keine Relativierung. Einfach als Befund.
Das sind die wichtigsten Aussagen des Berichts. Sie sind erheblich. Aber die eigentliche Geschichte beginnt dort, wo das Dokument schweigt.
Die erste Leerstelle: BRICS und The Unit
Das Wort BRICS kommt im Annual Threat Assessment 2026 nicht vor. Kein einziges Mal. Auf 34 Seiten, die alle globalen Bedrohungen für die USA erfassen – kein einziges Wort über den größten geopolitischen Gegenblock, der sich in den vergangenen Jahren formiert hat.
Auch „The Unit“ – die angekündigte BRICS-Verrechnungswährung – fehlt vollständig. Ebenso jede Erwähnung der De-Dollarisierungsbemühungen, die seit dem BRICS-Gipfel in Kasan im Oktober 2024 institutionellen Charakter angenommen haben.
Um das einzuordnen: BRICS umfasst heute – nach den Erweiterungsrunden von 2024 und 2025 – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika sowie die Vollmitglieder Iran, Ägypten, Äthiopien und die VAE. Partnerstaaten wie Saudi-Arabien, die Türkei, Nigeria und Indonesien befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Annäherung. Die Mitgliedsstaaten repräsentieren nach Kaufkraftparität mehr als 35 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und kontrollieren einen erheblichen Teil der weltweiten Energiereserven – allein durch Iran, Russland, Saudi-Arabien und die VAE.
The Unit ist das monetäre Rückgrat dieses Blocks in der Entstehung. Konzipiert als digitale Währungseinheit, zu 40 Prozent durch Gold gedeckt und zu 60 Prozent durch einen Korb der Nationalwährungen der teilnehmenden Länder, soll sie zunächst als Verrechnungseinheit für den Handel zwischen BRICS-Staaten dienen – ohne Dollar, ohne Swift, ohne westliche Finanzinfrastruktur. Keine eigene Währung im klassischen Sinne, sondern ein Instrument zur Umgehung des Dollar-Systems im Außenhandel. Der Zeitplan ist noch offen, die Architektur wird diskutiert – aber die politische Richtungsentscheidung ist gefallen.
Weshalb fehlt das im ATA?
Drei Erklärungen sind plausibel, und alle drei spielen wahrscheinlich zusammen.
Die erste ist das strategische Schweigen. Was öffentlich nicht als Bedrohung existiert, muss nicht bekämpft werden – zumindest nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Dollar-Dominanz ist nicht nur eine wirtschaftliche Tatsache, sie ist ein psychologisches Fundament. Wenn das offizielle Lagebild der US-Geheimdienste schreibt, dass eine ernsthafte Gegenarchitektur zum Dollar-System entsteht, hat das Konsequenzen an den Finanzmärkten, in der öffentlichen Debatte, im Kongress. Das ist eine Panik die niemand braucht – und die man durch Nichterwähnen vermeidet.
Die zweite ist eine klassifikationsbedingte Trennung. Der ATA ist ein unclassified Dokument – das heißt, er wird am selben Tag in Peking gelesen wie in Washington. Was operational ist, was konkrete Gegenmaßnahmen verrät, was strategische Absichten signalisiert, landet nicht hier. Der classified Teil des Threat Assessment sieht mit hoher Wahrscheinlichkeit anders aus.
Die dritte ist ein konzeptioneller Tunnelblick der amerikanischen Sicherheitsarchitektur. Die Intelligence Community denkt in Kategorien die sich seit dem Kalten Krieg kaum verändert haben: Raketen, Cyber, Terrorismus, nukleare Proliferation. Währungsarchitektur ist kein klassischer IC-Bereich. Dass eine Verrechnungswährung, die den Dollar im Handel zwischen einem Drittel der Weltökonomie ersetzt, eine nationale Sicherheitsfrage ist – diese Verbindung herzustellen liegt institutionell quer zu den Zuständigkeitsgrenzen.
Aber hier liegt das journalistisch und analytisch Interessante: Genau diese konzeptionelle Trennung ist die eigentliche Sicherheitslücke.
Wer versteht, wie die BRICS-Erweiterung verlaufen ist – welche Länder aufgenommen wurden, in welcher Reihenfolge, mit welchen Energiereserven im Rücken – erkennt, dass dies kein wirtschaftlicher Club ist, der zufällig wächst. Es ist eine bewusste Architektur zur Reduzierung westlicher Hebel: finanziell, diplomatisch, und mittel- bis langfristig auch militärisch.
Die Geschichte lehrt, dass wirtschaftlicher Wohlstand ohne militärischen Schutz nicht dauerhaft ist. China hat diese Lektion mit besonderer Schmerzhaftigkeit gelernt – die sogenannten „hundert Jahre der Demütigung“ von 1839 bis 1949, als westliche und japanische Mächte ein wirtschaftlich bedeutsames, aber militärisch schwaches China immer wieder zerlegten. Die Konsequenz, die Beijing daraus zieht, ist strukturell: Was man hat, muss man schützen können. Ein Währungsblock ohne kollektive Sicherheitsarchitektur ist langfristig verwundbar. Die Frage ist nicht ob BRICS eine militärische Dimension entwickelt, sondern wann – und welcher externe Druck diesen Prozess beschleunigt.
Trumps Vorgehen gibt eine klare Antwort auf diese Frage: Venezuela wurde destabilisiert, Iran wird gerade militärisch bearbeitet, Panama steht unter Druck. Alle drei sind BRICS-Mitglieder oder enge Partner des Blocks. Faust-Recht als Strukturprinzip internationaler Politik zwingt jeden, der etwas zu verlieren hat, zur kollektiven Verteidigung.
Die zweite Leerstelle: Hormuz und Panama
Die Straße von Hormuz ist im Annual Threat Assessment 2026 kein strategisches Thema. Sie taucht nicht auf – nicht als Konfliktpunkt, nicht als Risikofaktor, nicht als geopolitische Variable.
Das ist bemerkenswert. Nicht wegen Iran allein – sondern wegen einer Konstellation, die sich in den vergangenen Monaten still und ohne große Schlagzeilen verändert hat.
Seit den Entwicklungen rund um Operation Epic Fury steht Iran unter maximalem Druck. Gleichzeitig ist eine andere Verschiebung eingetreten, die kaum Berichterstattung erfahren hat: Russland, China, Indien und Pakistan – allesamt BRICS-Mitglieder oder enge Partner – haben erstmals gemeinsamen Zugang zu den Gewässern rund um die Straße von Hormuz koordiniert. Das ist keine formelle Allianz, kein gemeinsames Kommando. Aber es ist eine tektonische Verschiebung der Machtgeographie an einem der strategisch wichtigsten Seepassagen der Welt. Täglich passieren durch Hormuz rund 21 Millionen Barrel Öl – etwa 21 Prozent des globalen Handelsniveaus.
Dass dieses Thema im ATA 2026 nicht vorkommt, hat eine naheliegende Erklärung: Es ist zu heiß für ein öffentliches Dokument. Jede konkrete Aussage über US-Strategien oder Verwundbarkeiten rund um Hormuz informiert genau jene Akteure, gegen die diese Strategie gerichtet wäre. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist Kalkül.
Aber Kalkül ist selbst eine Aussage. Der classified Bericht sieht mit Sicherheit anders aus.
Der Panama-Kanal verdient eine eigene Einordnung. Im ATA 2026 erscheint er als Fußnote – erwähnt im Zusammenhang mit dem anstehenden Review des US-Mexiko-Kanada-Abkommens USMCA, als handelspolitische Randbemerkung. Das ist absurd – nicht weil der ATA sich irrt, sondern weil die Realität außerhalb des Dokuments eine andere ist.
Trump hat den Panama-Kanal zur nationalen Sicherheitsfrage erklärt. Seine Administration hat konkrete Schritte unternommen, den chinesischen Einfluss auf Kanal-Infrastruktur zu begrenzen. Der Kanal ist Gegenstand aktiver diplomatischer und wirtschaftlicher Druckpolitik. Und trotzdem erscheint er im offiziellen Lagebild des US-Geheimdienstes als handelspolitische Fußnote.
Das ist kein redaktionelles Versehen. Das ist ein Hinweis auf die Funktionslogik des Dokuments: Der ATA bildet nicht ab, was politisch gerade heiß ist. Er bildet ab, was institutionell als langfristige Bedrohung klassifiziert ist. Was die Trump-Administration als taktische Priorität setzt, muss nicht automatisch in der jährlichen Gesamtbewertung des IC auftauchen – zumal wenn operative Details nicht öffentlich werden sollen.
Die Konsequenz für den Leser: Der ATA ist nicht das vollständige Bild. Er ist ein spezifisches Bild – das eines Apparats, der in Jahrzehnten denkt und öffentlich kommuniziert, was öffentlich kommuniziert werden soll.
Die dritte Leerstelle: Venezuela und das Schachbrett hinter den Figuren
Der ATA 2026 erwähnt Venezuela – aber nur kurz, und nur als Erfolgsmeldung: Nicolas Maduro wurde verhaftet, die neue venezolanische Regierung zeigt Kooperationsbereitschaft mit den USA, politische Gefangene wurden freigelassen, Öl- und Gasförderung soll wieder hochgefahren werden.
Das ist alles korrekt. Aber es fehlt der Kontext, der diese Entwicklung erst verständlich macht.
Venezuela war kein zufälliger erster Schachzug. Es war der logische Anfang einer Sequenz, die ich in meiner Analyse „Operation Pivot“ im Frühjahr 2026 beschrieben habe – und die ich im Artikel „Folgt dem Öl“ für TKP.AT noch einmal konkretisiert habe: Venezuela, Iran, Panama, China. Die Logik dahinter ist einfach. Trump braucht freie Hand im Indopazifik. Dafür muss China geschwächt werden, bevor die militärische Lücke zwischen den USA und China zu groß wird – das RAND-Zeitfenster „War with China“ aus dem Jahr 2016 läuft 2026 ab. Um China einzuhegen, muss Russland in Europa gebunden werden. Um Russland in Europa zu binden, wird die Ukraine-Verhandlung so gestaltet, dass Europa die Last trägt. Und um China strategisch zu treffen, werden seine Energiepartner und Investitionsdestinationen unter Druck gesetzt – Venezuela zuerst, dann Iran.
Venezuela war chinesisches Investitionsprojekt. China hatte die venezolanische Ölförderung mitfinanziert, Langfristlieferverträge abgeschlossen, Milliarden Dollar in die Infrastruktur gesteckt – bezahlt nicht in Dollar, sondern in Öl. Diese Konstruktion ist zerstört. Das ist für China nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, es ist ein Präzedenzfall: US-Druck kann die Ergebnisse chinesischer Außenwirtschaftsstrategie zunichte machen.
Iran folgt derselben Logik. Auch hier hat China erhebliche wirtschaftliche Interessen – Energieimporte, Infrastrukturinvestitionen im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative, strategische Partnerschaft im Rahmen des 25-Jahres-Kooperationsabkommens von 2021. Operation Epic Fury trifft nicht nur Iran. Sie trifft die gesamte Versorgungsarchitektur, die China in der Region aufgebaut hat.
Der ATA benennt diese einzelnen Ereignisse. Er benennt nicht das Schachbrett.
Das ist die dritte strukturelle Leerstelle: Der Bericht sieht die Figuren, aber nicht das Muster hinter den Zügen. Er beschreibt Iran-Angriff, Venezuela-Verhaftung, China-Sanktionen als separate Entwicklungen. Die verbindende Logik – dass es sich um eine koordinierte Sequenz zur strategischen Einkreisung Chinas handelt – ist kein Thema für ein öffentliches Geheimdienstdokument. Solche Metaanalysen entstehen in Think-Tanks, in Planungsstäben, in klassifizierten Lagezentren. Nicht im Annual Threat Assessment.
Hier liegt der Mehrwert unabhängiger geopolitischer Analyse: die Verbindungslinien sichtbar zu machen, die institutionelle Dokumente aus strukturellen Gründen nicht ziehen können.
Warum das Dokument so gebaut ist – und was das bedeutet
Es wäre unfair und analytisch falsch, den ATA 2026 als Propagandadokument zu lesen. Das ist er nicht. Er enthält substanzielle, präzise und in Teilen bemerkenswert offene Lageeinschätzungen. Die Bestätigung des Chamenei-Tods, die explizite Nennung des iranischen Cyberangriffs vom 11. März, die Einordnung der Türkei als Destabilisierungsakteur – das sind keine Selbstverständlichkeiten in einem öffentlichen Regierungsdokument.
Aber der ATA ist ein Produkt seiner Entstehungsbedingungen. Drei davon sind entscheidend.
Erstens: Er ist unclassified by design. Was darin steht, steht darin für alle – für den Kongress, für die amerikanische Öffentlichkeit, für Verbündete, und für Gegner. Das ist kein Bug, das ist das Feature. Ein öffentliches Lagedokument ist zugleich ein Signal. Was darin steht, soll gelesen werden. Was nicht darin steht, soll nicht gelesen werden können.
Zweitens: Er ist politisch nicht neutral. Unter DNI Gabbard und in der Trump-Administration hat die Intelligence Community eine erkennbar andere Prioritätensetzung als unter früheren Administrationen. Das zeigt sich in der Sprache: Der Abschnitt über islamistische Bedrohungen ist deutlich ideologischer formuliert als in früheren ATA-Versionen. Die Bewertung des Migrationsproblems als Erfolg der Trump-Politik ist explizit. Das sind keine rein nachrichtendienstlichen Einschätzungen – das sind politische Narrative, die in einen Geheimdienstbericht eingebaut wurden. Das schwächt nicht die Validität des gesamten Dokuments, aber es erfordert, es mit entsprechender Lesekompetenz zu lesen.
Drittens: Die institutionelle DNA des IC ist auf klassische Hard-Security-Bedrohungen ausgerichtet. Raketen, Cyber, Terrorismus, WMD – das sind die Kategorien, für die Analysestrukturen, Sammlungsapparate und Bewertungsrahmen existieren. Währungsarchitektur, Ressourcengeopolitik, die institutionelle Formierung eines geopolitischen Gegenblocks – das sind Themen, die zwischen den Stühlen sitzen. Das Finanzministerium denkt darüber nach. Der Nationale Wirtschaftsrat. Teile des NSC. Aber der IC-Apparat, der den ATA schreibt, hat dafür keine primäre Zuständigkeit.
Das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Erklärung – und eine Warnung an jeden Leser, der den ATA als vollständiges Lagebild behandelt.
Zur Fairness gehört auch die Gegenfrage: Vielleicht sind BRICS in der aktuellen Form tatsächlich keine militärische Bedrohung im klassischen Sinne. Die Gruppe ist heterogen – Indien und China haben ungelöste territoriale Konflikte. Brasilien verfolgt eine eigenständige Außenpolitik. Saudi-Arabien ist Beitrittskandidat und gleichzeitig US-Partner. Die Idee einer kohärenten militärischen BRICS-Allianz ist vom heutigen Stand weit entfernt.
Das stimmt. Aber es ist die falsche Zeitachse. Die Frage ist nicht, ob BRICS heute eine NATO-Parallele bildet. Die Frage ist, welche Bedingungen eine solche Entwicklung beschleunigen – und ob die aktuelle US-Politik diese Bedingungen schafft.
Was das alles zusammen bedeutet
Der Annual Threat Assessment 2026 ist ein wertvolles Dokument – gerade weil er zeigt, wie Washington die Welt offiziell sehen will. Er ist präzise in dem, was er beschreibt. Er ist aufschlussreich in dem, was er auslässt.
Wer ihn als vollständiges Lagebild behandelt, versteht die halbe Geschichte. Wer die Leerstellen analysiert, bekommt die andere Hälfte.
Die systematischen Auslassungen folgen einer erkennbaren Logik: Der ATA blendet die Gegenarchitektur aus, die sich gegen US-Dominanz formiert. Er sieht Iran, China und Russland als separate Bedrohungsakteure. Er sieht nicht den institutionellen Rahmen – BRICS, De-Dollarisierung, The Unit – der diese Akteure zunehmend verbindet. Er sieht einzelne geopolitische Ereignisse. Er sieht nicht das Muster dahinter.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine strukturelle Beobachtung über die Grenzen eines öffentlichen, institutionell produzierten Geheimdienstdokuments.
Für jene, die verstehen wollen wie sich die Weltordnung 2026 wirklich verschiebt, sind beide Hälften gleich wichtig: was Washington sagt – und was Washington schweigt.
Das Schweigen eines Geheimdienstberichts ist kein Versehen. Es ist Politik.
Teil 2 dieser Analyse erscheint in Kürze: Die BRICS-Militarisierungsfrage – wann, nicht ob.
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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.
Quellenverzeichnis
- Annual Threat Assessment of the U.S. Intelligence Community 2026 Office of the Director of National Intelligence, 18. März 2026 https://www.dni.gov/files/ODNI/documents/assessments/ATA-2026-Unclassified-Report.pdf
- ODNI Reports & Publications 2026 https://www.dni.gov/index.php/newsroom/reports-publications/reports-publications-2026
- National Security Strategy der USA, November 2025 The White House https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
- National Defense Strategy, Januar 2026 U.S. Department of Defense https://www.defense.gov/National-Defense-Strategy/
- DIA Military Power Publication: Iran Military Power Defense Intelligence Agency https://www.dia.mil/Portals/110/Images/News/Military_Powers_Publications/Iran_Military_Power_LR.pdf
- DIA Functional Threat Report: Iran Enabling Houthi Attacks Across the Middle East Defense Intelligence Agency https://www.dia.mil/Portals/110/Documents/News/Military_Power_Publications/Iran_Houthi_Final2.pdf
- IAEA Board Report GOV/2026/8 – NPT Safeguards Agreement Iran, 27. Februar 2026 International Atomic Energy Agency https://www.iaea.org/sites/default/files/gov2026-8.pdf
- IAEA: Monitoring and Verification in Iran – Übersichtsseite International Atomic Energy Agency https://www.iaea.org/topics/monitoring-and-verification-in-iran
- Michael Hollister: Operation Pivot – Trump, Venezuela, Iran, Panama, China michael-hollister.com (erschienen Herbst 2025) https://www.michael-hollister.com
- Michael Hollister: Folgt dem Öl TKP / michael-hollister.com (erschienen März 2026) https://www.michael-hollister.com
- RAND Corporation: War with China – Thinking Through the Unthinkable (2016) https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR1140.html
- Peace Research Institute Oslo (PRIO): Armed Conflict Dataset Erwähnt im ATA 2026: 61 aktive Staatskonflikte in 2024 https://www.prio.org/data/1
- Quincy Institute for Responsible Statecraft Außenpolitischer Realismus, Ukraine-Analysen https://quincyinst.org
- OPCW – Chemical Weapons Convention Compliance Reports Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons https://www.opcw.org
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